Kritik

Turangalîla-Sinfonie in der Isarphilharmonie: Weniger ist hier mehr

Die Philharmoniker unter Kent Nagano mit Olivier Messiaens Turangalîla-Sinfonie in der Isarphilharmonie.
| Robert Braunmüller
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Pierre-Laurent Aimard (Klavier), Kent Nagano und Thomas Block (Ondes Martenot)
Pierre-Laurent Aimard (Klavier), Kent Nagano und Thomas Block (Ondes Martenot) © Tobias Hase/mphil

München - Noch immer drehen sich Gespräche über die neue Isarphilharmonie primär um die Akustik. Da schadet es nicht, wenn kurz nach der Eröffnung ein Werk auf dem Programm steht, bei dem der Klang mehr als bei Beethoven, Brahms und Bruckner ein essenzieller Bestandteil der Komposition ist: die 1949 vom Boston Symphony Orchestra unter Leonard Bernstein uraufgeführte Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen.

Kent Nagano hat nicht nur geschärften Klangsinn

Die Münchner Philharmoniker vertrauten diesen Hymnus auf die sinnliche und geistige Liebe dem Dirigenten Kent Nagano an. Der ehemalige Bayerische und nunmehr Hamburger Generalmusikdirektor ist nicht nur ein Dirigent mit geschärftem Klangsinn. Er stand am Anfang seiner Karriere in engem Austausch mit dem Komponisten. Auch Pierre-Laurent Aimard, der den schwierigen und zugleich undankbaren Klavierpart übernahm, gilt als Experte für die Musik Messiaens.

Die Münchner Philharmoniker unter Leitung von Kent Nagano während der Aufführung der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen für Klavier, Ondes Martenot und großes Orchester.
Die Münchner Philharmoniker unter Leitung von Kent Nagano während der Aufführung der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen für Klavier, Ondes Martenot und großes Orchester. © Tobias Hase/mphil

Nun kann man mit Experten durchaus Reinfälle erleben, weil sie allzu dogmatisch vorgehen. Weil die Turangalîla-Sinfonie auch die eine oder andere bonbonfarbene Stelle und symmetrisch billige Melodie enthält, braucht sie auch Musiker, die das Werk nicht nur technisch bewältigen, sondern auch interpretieren und mit einer ausgefeilten Klangregie in den Raum befördern.

 Leises funktioniert von selbst

Das gelang den Philharmonikern unter Nagano erheblich besser als zuletzt bei Werken von Strawinsky oder Ravel unter ihrem Chef Valery Gergiev. An ein oder zwei Stellen klingelte im ersten Satz in Reihe 24 noch die Ohren, dann hatte der Dirigent auch an lauten Stellen den Klang im Griff. Denn vor allem da muss man in der Isarphilharmonie aufpassen, Leises funktioniert von selbst.

Im ersten Satz spielen die Streicher eine halblaute, lang gezogene Kantilene, während dazu Bläser im Forte intervenieren. Im alten Gasteig wäre dergleichen im Ungefähren untergegangen, in Sendling kommt so eine Wirkung genau so präzise heraus wie ein herbes Cello-Solo oder die mindestens 25 verschiedenen Nuancen, mit denen in der Turangalîla-Sinfonie auf unzählige Becken geschlagen wird, was hier nicht nur laut wirkt, sondern als Klangfarbe genossen werden kann.

Nur um Semifinale und am Ende drehte der Dirigent voll auf

Allerdings muss man dergleichen als Dirigent auch einfordern. Nagano dämpfte das Orchester eher, um die irisierenden Farben herauszuarbeiten, mit denen Messiaen seine bisweilen etwas banalen Melodien instrumental und harmonisch eingefärbt hat. Nur im Semifinale und ganz am Ende, wenn der leuchtende Schlussakkord in einem gewaltigen Schlagzeug-Rauschen untergeht, drehte der Dirigent die Münchner Philharmoniker voll auf.

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Vom Pianisten, der jenseits einiger effektvoller Glissandi und einer Handvoll solistischen Auftrumpf-Stellen vor allem das Orchester begleitet und seinen Klang färbt, verlangt dieses Werk viel diszipinierte Selbstverleugnung. Auf diese schwierige Kunst versteht sich Pierre-Laurent Aimard ebenso meisterhaft wie sein Kollege Thomas Bloch an den Ondes Martenot, einem mittlerweile historischen elektronischen Instrument.

Weniger ist in der Isarphilharmonie eindeutig mehr. Das gilt übrigens auch für Zuhörer, die ein Bonbon auswickeln. Von der Genauigkeit und Durchhörbarkeit profitiert nach gegenwärtigem Kenntnisstand vor allem Musik jenseits der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Davor braucht sich kein Abonnent zu fürchten, denn was man besser hört, hört man auch mit offeneren Ohren.

Messiaen und Co profitieren durch mehr Nähe, Deutlichkeit und sinnlicherem Klang

Die Reform weg von den 1.000-mal gespielten Klassikern, die sowohl die Philharmoniker wie das BR-Symphonieorchester seit Jahren diskret eingeleitet haben, wird hier ihre Wirkung erst noch entfalten. Brahms und Bruckner kommen ohnehin, aber Messiaen & Co. werden von diesem Saal auf jeden Fall durch mehr Nähe, Deutlichkeit und einen sinnlicheren Klang profitieren.


Am 28. und 29. Oktober gibt das BR-Symphonieorchester unter Jakub Hrusa sein Debüt in der Sendlinger Isarphilharmonie. Restkarten bei BR-Ticket unter Telefon 0800 5900594

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