Interview

Doku über Freddie Mercury und seine Münchner Jahre: "Eine Liebeserklärung"

Musikfilmer Rudi Dolezal dreht derzeit in München eine Dokumentation über Freddie Mercury.
| Nicola Bardola
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Freddie Mercury: Im Film kommt altes und bislang unveröffentlichtes Material vor, unter anderem von der Henderson-Party, zudem ein nie gesehenes Interview mit Barbara Valentin.
Freddie Mercury: Im Film kommt altes und bislang unveröffentlichtes Material vor, unter anderem von der Henderson-Party, zudem ein nie gesehenes Interview mit Barbara Valentin. © imago images/Reporters

München - Der Wiener Rudi Dolezal ist seit 40 Jahren Musikfilmer. Zu Queen und Freddie Mercury hat er eine besondere Beziehung: Dolezal und Hannes Rossacher (DoRo Produktion) drehten 32 Queen-Videos inklusive Soloprojekten, mehrere Queen-Dokumentationen und Queen-Konzertfilme. 

Dolezal ist zurzeit häufig in München. Er dreht und schneidet hier eine Dokumentation für RTL über Freddie Mercury in München anlässlich von Mercurys 30. Todestag am 24. November.

AZ: Herr Dolezal, was bedeutet München für Sie?
RUDI DOLEZAL: Mitte der 70er Jahre kamen viele Bands für Konzerte nach München, aber nicht nach Österreich. Erst in den 80er Jahren entwickelte sich Wien hinsichtlich Pop und Rock als moderne und weltoffene Stadt. Manchmal stieg ich als Teenager in den Zug, einfach nur, um eine Band in München live zu sehen. Als ich dann als Jung-Regisseur beim ORF begann, kam ich zum Drehen oft nach München: Ich filmte hier früh David Bowie, Roxy Music, Barcley James Harvest und auch Queen, weil sie nicht in Österreich auftraten. Und ich habe später in der Bavaria viele Videos hier gedreht unter anderen mit Falco, Nena, Bonnie Taylor oder Modern Talking.

Rudi Dolezal: In München begann seine intensive Zusammenarbeit mit Freddie Mercury

Und Sie waren auch hinter der Kamera, als es im BR zu einem Eklat kam.
Nicht nur das, ich war Produzent. Die TV-Jugendsendung hieß "Pink", und kurz vor Weihnachten 1986 gab Udo Lindenberg ein paar lockere Jesus-Sprüche von sich. Daraufhin entschuldigten sich der Intendant Reinhold Vöth und der Fernsehdirektor Helmut Oeller via Bildschirm bei den Fernsehzuschauern. Die Sendung wurde abgesetzt, der Redaktionsleiter Jochen Filser und die Moderatorin Sabrina Lallinger mussten gehen. Der Vorwurf lautete: Blasphemie! Einige traten dann aus Protest aus der Kirche aus. Ich habe damals etwa drei Jahre lang in München gelebt. Hier begann auch meine intensive Zusammenarbeit mit Freddie.

Rudi Dolezal in der Paradiso Tanzbar, früher Mrs. Henderson. Hier drehte er Mitte der 80er Jahre auf der Party zu Freddie Mercurys 39. Geburtstag das Video zu "Living On My Own", ein Song aus Mercurys in München produziertem Soloalbum "Mr. Bad Guy".
Rudi Dolezal in der Paradiso Tanzbar, früher Mrs. Henderson. Hier drehte er Mitte der 80er Jahre auf der Party zu Freddie Mercurys 39. Geburtstag das Video zu "Living On My Own", ein Song aus Mercurys in München produziertem Soloalbum "Mr. Bad Guy". © Foto: Clemens Bittner / Archive Prods.LLC

Wie kam es dazu?
Das war etwa ein Jahr vor dem "Pink"-Eklat. Ich hatte schon davor in den 1970er Jahren Queen interviewt und ihnen nach dem heute berühmten "Prostitute Interview" meine Dienste als Video-Filmer angeboten. Dann rief der Manager Jim Beach an und sagte, ich sei in der engeren Wahl, das nächste Queen-Video zu drehen. Ich kritzelte im Hilton am Tucherpark rasch ein Budget aufs Papier und Queen sagten, okay. Ich hätte damals viel bezahlt, um für Queen zu drehen.

Freddie Mercury zu Rudi Dolezal: "Du bist ab jetzt mein Leibfilmer!"

Daraus entstand dann das Video zum Song "One Vision", gefilmt in den Musicland Studios im September 1985.
Das war ein wichtiges Video, zum ersten Mal im Auftrag von Queen für die ganze Welt. Eine Band im Studio aufzunehmen, in einer Zeit, in der Kunstvideos produziert wurden von Laurie Anderson, Peter Gabriel oder Talking Heads, das war eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Aber mit dem Cutter Klaus Hundsbichler ist es mir gelungen, mit klugen Schnitten und Bildteilungen einen guten Film daraus zu machen, der heute noch Bestand hat. Die nicht sehr attraktive Location spielt keine so große Rolle mehr, denn die Band rückt in den Vordergrund. Das war die Gesellenprüfung. "Living On My Own" im Mrs. Henderson - heute die Paradiso Tanzbar - im Anschluss daran war dann die Meisterprüfung. Im Tonstudio zu drehen, war schwierig, aber in einem völlig überfüllten Club erst recht. Doch es klappte. Danach sagte Freddie: "Du bist ab jetzt mein Leibfilmer!"

Wie sind jetzt die Dreharbeiten in München gelaufen?
Peter Freestone, der langjährige Assistent von Freddie Mercury, war fünf Tage lang hier. Wir haben gemeinsam Orte in der Stadt besucht, die für Freddie wichtig waren. Das ist kein normaler Dreh für mich, kein gewöhnlicher Job. Ich wurde an bestimmten Drehorten sehr emotional, zum Beispiel im Mrs. Henderson.

Mit Dietmar Holzapfel gibt es eine Führung durch die Sauna der Deutschen Eiche.
Mit Dietmar Holzapfel gibt es eine Führung durch die Sauna der Deutschen Eiche. © imago images / Alexander Pohl

Aus Nostalgie?
Als in einer Pause das Licht neu eingestellt wurde, saß ich da und war den Tränen nahe: Dieselben Räume, aber er ist nicht mehr da. Und viele der Darsteller von damals sind an Aids gestorben. Wenn er das jetzt hören könnte, wie wir hier sitzen und traurig sind. Er würde sagen: "Kommt's, nehmt's ein Glas Champagner und feiert das Leben." Er wollte auf gar keinen Fall, dass die Hinterbliebenen jammern.

Dolezal: "Ich möchte das München-Kapitel für Freddie und mich abschließen"

Wie ging Freddie mit seiner Aids-Erkrankung um?
Nach Hinweisen derer, die dabei waren, hat sich Freddie in München oder in New York angesteckt. Freddie war das egal. Er hat nie gefragt, wer hat mich vielleicht wo angesteckt. Er war nicht verbittert im Sinne von "der Böse, der hat mich angesteckt". Da habe ich ihn so noch mehr schätzen gelernt.

Wie kam es zur aktuellen Film-Idee?
Die Idee ist mehr als drei Jahre alt. Ich möchte das München-Kapitel für Freddie und mich abschließen. In so vielen Dokumentationen wird München nicht oder kaum berücksichtigt. Aber es ist so viel passiert hier. Er war beispielsweise im New York, der damaligen Tanzbar in der Thalkirchnerstraße, wo er sich verletzt hat. Wir haben in der Deutschen Eiche, im Hilton, beim Arabella-Haus, an der neuen Freddie Mercury Straße und an vielen anderen Orten hier gefilmt.

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Weshalb wird München in der Karriere von Queen so unterschätzt?
Weil die heute Verantwortlichen die Zeit in Bayern verdrängen. Die München-Jahre waren Genuss-Jahre, Ausprobier-Jahre, wilde Jahre: Freddie hat Vieles hier bekommen, was er woanders nicht bekommen konnte, zum Beispiel auch ein Familiengefühl. Aber da ist diese Zurückhaltung mancher in der Queen-Familie gegenüber München. Wenn es in meinen zahlreichen Queen Dokus um Bayern ging, sagten sie stets: "Lass das doch bitte weg." Oder: "Mach das kürzer." Ich fand das ungerecht. Ich war ja dabei und wusste, wie wichtig München für Queen war. Deshalb dachte ich, die letzte nicht erzählte Geschichte über Freddie sind seine Münchner Jahre. Dem Bayerischen Rundfunk und auch Arte hat die Idee gut gefallen, aber dann kam Corona und letztlich eine Absage. Der Film, den ich jetzt mache, ist abendfüllend und wird zum 30. Todestag am 24. November in RTL und RTL Nitro gesendet, und vor der Erstausstrahlung bin ich Gast in der "RTL Chart Show".

Worum wird es in dieser neuen Mercury-Dokumentation gehen?
Der Film ist eine Liebeserklärung an Freddie und an München. Er möchte aufzeigen, wie wichtig München war im Gegensatz zu offiziellen Sichtweisen. Und ich möchte mit diesem Film sowie mit meinem Buch "My Friend Freddie" abschließen mit dem Verlust meines Freundes. Mir ist das ja schon so ähnlich davor passiert mit Frank Zappa. Er war eigentlich mein erster Mentor. Aber mit Frank war das nicht so eng. Queen ohne Mercury gibt es jetzt länger als Queen mit Mercury, aber die Leute reden immer noch vor allem über Freddie. Ich habe viel Material: Mit Peter Freestone habe ich ein dreistündiges Interview geführt, zusätzlich haben wir zwei Gespräche gefilmt, bei denen wir beide vor der Kamera sind. Wenn man mit jemandem spricht, der auch lange für Freddie gearbeitet hat, dann fallen einem längst vergessene Sachen wieder ein. Für Momente wurde Freddie so wieder lebendig. Mir geht es im Film darum, zu zeigen, warum sich ein Mann wie Freddie Mercury, der überall auf der Welt hätte leben können, sich entschieden hat, mehrere Jahre schwerpunktmäßig in München zu verbringen.

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Wie war Freddie damals privat und am Set?
Freddie war immer sehr fordernd. Da ging man permanent auf den Zehenspitzen. Er war bis zum Schluss ein Gentleman.

Demnächst erscheint Ihr Buch "My Friend Freddie". Wird es darin und im Film Neues zu entdecken geben?
In meinem Buch kommen Sachen vor, die weiß keiner, nicht einmal Brian, Roger oder der Manager Jim Beach, einfach weil sie nicht dabei waren. Es gibt zum Beispiel eine Geschichte zwischen Barbara Valentin, Freddie und mir, die hat mit Sicherheit noch niemand jemals erzählt. Ich hatte das Privileg, im Inner Circle zu sein. Aber genauso viele Kapitel, die ich erzähle, erzähle ich auch nicht, weil sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Im Film kommt altes und bislang unveröffentlichtes Material vor, unter anderem von der Henderson-Party, zudem ein nie gesehenes Interview mit Barbara Valentin. Mit Dietmar Holzapfel gibt es eine Führung durch die Sauna der Deutschen Eiche und Vieles mehr.

"Munich City of Music" startet eine Initiative für ein Mercury-Denkmal in München. Was halten Sie davon?
Ich finde, die Freddie Mercury Straße ist ein guter Anfang. Ja, jetzt braucht es eine Statue und vielleicht auch ein Museum. Freddie ist ja auch für München ein Wirtschaftsfaktor: Man braucht sich nur Montreux anzuschauen, was dort passiert. Ich hätte viele Devotionalien und kreative Ideen für ein Mercury-Museum. Das möchte ich unterstützen. So hätten Queen-Fans einen weiteren wichtigen Ort, den sie besuchen können. Aber zunächst sollte ein Mercury-Denkmal her. Je schneller desto besser.


Rudi Dolezals Buch "My Friend Freddie" kann man unter www.myfriendfreddie.com. vorbestellen, von Nicola Bardola erschien vor wenigen Wochen "Mercury in München - seine besten Jahre" (Heyne Hardcore)

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