Kritik

"Jazz & The City": Salzburg groovt

"Jazz & The City" bespielt die ganze Altstadt von Salzburg.
| Ssirus W. Pakzad
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Jazz auf einer Dachterrasse in der Salzburger Altstadt.
Jazz auf einer Dachterrasse in der Salzburger Altstadt. © Andreas Kolarik

Als unter Corona noch "Kranz" oder "Krone" verstanden wurde, zeigte ausgerechnet ein Jazz Festival, was diese Perle an der Salzach auf engstem Raum zu bieten hat - selbst die Kundigsten unter den Einheimischen staunten nicht schlecht über die Zahl konzerttauglicher Altstadt-Lokalitäten, die nur auf Bespielung gewartet zu haben schienen. Bevor Covid-19 den Kulturbetrieb lahm legte, brachte es "Jazz & The City" zuletzt auf vier Dutzend Bühnen und gut hundert kostenlose Konzerte.

Corona-Rahmenbedingungen können dem Spirit der Veranstaltung nichts anhaben

"Das Wesen der Improvisation ist Zuversicht", stand nun als Motto auf dem Flyer für 2021 - die Pandemie verlangte neue Rahmenbedingungen, konnte aber dem Konzept, dem Spirit der Veranstaltung, die 2000 als Marketing-Maßnahme des Altstadt-Verbands Premiere feierte, nichts anhaben. Zur Jubiläums-Ausgabe wurde das Programm merklich eingedampft, und es gab nur noch zwölf Spielstätten. Trotzdem öffneten sich auch heuer neue Bühnen für den Jazz: etwa das traumhafte Marionettentheater oder das Toihaus Theater.

"Jazz & The City" macht dem Namen alle Ehre. Hier ist die Stadt der Star, werden touristische Ziele wie der Residenzplatz zwar ins Programm mit einbezogen - aber es sind vor allen die in wenigen Reiseführern vermerkten, mitunter verwunschenen kleinen Auftrittsorte, die das Jazz-Flanieren durch Salzburg so spannend und anziehend machen.

Jazz-WG im Hotel "Blaue Gans"

Seit die als Netzwerkerin bekannte Hamburgerin Tina Heine 2016 die Programmleitung übernahm, geht es bei "Jazz & The City" immer mehr um den Geist des Jazz, das Freie, das Unvorhersehbare, das Kommunikative. Heuer wandelte sie Teile des Hotels "Blaue Gans" in eine "Jazz-WG" um. Schon in den Vorjahren richtete sie die Reihe "Blind Date" ein, in der sich prominente Solisten aus dem Pool der Festival-Musiker spontan Begleiter suchen konnten.

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Der finnische Gitarrist Kalle Kalima nutzte die Gelegenheit, um im Marionettentheater mit dem englischen Pianisten Kit Downes, dessen Landsmann, dem Bassisten Phil Donkin und dem deutschen Schlagzeuger Moritz Baumgärtner höchst subtil, manchmal anrührend zwischen Americana und Jazz zu vermitteln.

Der Norweger Gard Nilssen rumorte bei seinem "Blind Date" am Residenzplatz mit Kit Downes (diesmal Orgel) und dem Saxofonisten Kjetil Møster derart, dass die Fiaker-Pferde unruhig wurden und durchzugehen drohten. Wesentlich packender war das, was Gard Nilssen mit seiner Band "Acoustic Unity" im "Szene" ablieferte. Bei dem Auftritt war alles drin, was Jazz ausmacht: Urwüchsigkeit, Drive, Finesse, unbändige Kraft, Freiheit.

Durchgetestetes Publikum bei den meisten Gigs still und gebannt

Bei den meisten Konzerten des Festivals war es im durchgetesteten Publikum mucksmäuschenstill: etwa bei der hinreißenden Musik des Trompeters Volker Goetze und des senegalesischen Griots und Kora-Spielers Ali Boulo Santo Cissoko im Marionettentheater, beim nuancenreichen umwerfenden Trio "Enemy" an selber Stelle, beim Duo des Bassisten Lukas Kranzelbinder und des Schlagzeugers Julian Sartorius im Toihaus Theater.

Oder auch dann, als die vom "Ensemble Resonanz" begleitete Sängerin und Baglama-Spielerin Derya Yildirim im "Szene" anatolische Weisen und Neue Musik zusammenbrachte oder die Saxofonistin Angelika Niescier im "Jazzit" Beethoven-Streichquartette bis zur Unkenntlichkeit, aber höchst kreativ dekonstruierte.

Dass die Gratis-Konzerte mitunter auch unsensible Nachtschwärmer anziehen, die dann wie etwa im Stieglkeller die sensible Musik des Geigen-Virtuosen Théo Ceccaldi totquatschen, ist ein Programmierungs- bzw. ein Schönheitsfehler bei einem Festival, wie es wohl sonst keines in Europa gibt.

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