Salzburger Festspiele: Dirigent Thielemann bezieht Stellung

Salzburger Festspiele: Christian Thielemann, Elina Garanca und die Wiener Philharmoniker mit Werken von Mahlerund Bruckner im Großen Festspielhaus.
| Michael Bastian Weiß
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Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker im Großen Festspielhaus der Salzburger Festspiele.
Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker im Großen Festspielhaus der Salzburger Festspiele. © SF/Marco Borrelli

Salzburg - Für einen Hiesigen ist es ungewohnt, nach anderthalb Jahren Pandemie wieder dicht an dicht mit Anderen in einem geschlossenen Raum zu sitzen. Der Sitznachbar im Salzburger Festspielhaus ist ein geselliger Schwabe, den diese Situation spürbar beflügelt.

Unter den vielen Beobachtungen, die er aufgeregt seiner Frau mitteilt, ist eine, die das Konzert der Wiener Philharmoniker auf den Punkt bringt: "Hui, der Thielemann dirigiert auswendig, die Garanca hat mit Noten g'sungen!".

Ehrlicherweise kann man nicht wirklich beurteilen, ob es genau daran liegt, wenn die Mezzosopranistin beim Vortrag der Rückert-Lieder von Gustav Mahler nicht ganz frei wirkt. Auf jeden Fall strahlt sie eine Unberührbarkeit aus, die dem Sinn der Texte zuwiderläuft.

Für mehr Gefühle müsste die Sprache präsent werden

In vier der fünf Gedichte, besonders greifbar in "Liebst Du um Schönheit" oder "Blicke mir nicht in die Lieder!", wird ein Gegenüber angesprochen, schwärmerisch, charmant oder scherzend. Um das auszudrücken, müsste die Sprache präsent werden.

Garanca aber verströmt ihre Stimmschönheit neutral, mit weit hinten in der Kehle sitzenden Silben und unterschiedslos offen deklamierten Vokalen ("Um Mittarnacht"). Weil sie allein auf den Klang setzt, treten zumindest an diesem Abend Details wie die leicht wabernde Tiefe oder die reduzierte Farbgebung im Piano über Gebühr hervor.

Das Gegenbild liefern die Wiener Philharmoniker

Das genaue Gegenbild zu dieser statuenhaften Haltung entwerfen die Wiener Philharmoniker: Jedes Instrumentalsolo, etwa des spektakulär biegsamen Englischhorns, redet den Hörern direkt in die Seele.

Die Symphonie Nr. 7 von Anton Bruckner stellt Christian Thielemann sogar als so untypisch kommunikativ vor, als habe er in diesem vielgespielten Werk ein bis dato unbekanntes, mehr oder minder konkretes Programm entdeckt.

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Da tänzeln die Violinen erst artig grazil heran, geben sich jedoch plötzlich verzagt und ziehen sich schließlich schmollend zurück. Einmal erstarren die Wiener bei einer motorischen Passage zu einer gefühllos stampfenden Maschine, ein anderes Mal haucht ihnen Thielemann unvermittelt Atem und damit Leben ein.

Thielemann dreht den Spieß um

Einst wollten die Musikgelehrten in Richard Wagners Opern heimliche Symphonien entdecken. Thielemann dreht den Spieß um und macht aus Bruckners Siebter ein Musikdrama, zwar ohne Worte, aber dafür mit Violoncelli, Oboen und betörend obertonreichen Wiener Hörnern, die mit immens sprechender Artikulation zu handelnden Personen werden.

Dass Thielemanns sprunghafte Tempowechsel bisweilen beliebig sind, dass sie Bruckners formale Architektur verunklaren, dass sie auch einmal Verwirrung stiften können, sei nicht verschwiegen.

Er wagt es, Stellung zu beziehen

Welcher andere Dirigent aber wagt es, sich nicht in bloßes Streben nach perfekter Koordination zu retten, sondern die Musik tatsächlich auszudeuten, persönlich Stellung zu beziehen? Als sich nach dem Schlussakkord, den Thielemann lange festhält, die Spannung endlich löst, reagiert der schwäbische Sitznachbar ganz passend: mit einem aus vollem Herzen ausgestoßenen "Puh!".

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