Münchner Philharmoniker spielen Schumanns "Rheinische": Die innige Dimension der Musik

Paavo Järvi und die Münchner Philharmoniker mit Robert Schumanns "Rheinischer" im Stream.
| Michael Bastian Weiß
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Paavo Järvi dirigiert Schumann im Gasteig.
Paavo Järvi dirigiert Schumann im Gasteig. © Hans Engels

Es ist eines der letzten Lebenszeichen der Philharmonie am Gasteig, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, schmähen oder auch, wie der Rezensent bekennt, liebgewonnen haben: Ein Konzertvideo im Netz hält fest, wie Paavo Järvi Anfang Juli vor reduziertem und maskiertem Publikum die Münchner Philharmoniker dirigierte.

Beim Einweihungskonzert 1985 hatte der damalige Chefdirigent Sergiu Celibidache mit typischer Lust an der Subversion die "Musikalischen Exequien" von Heinrich Schütz erklingen lassen, eine Art Requiem, wörtlich: eine Musik für den Auszug. Diese Aussegnungsmusik hätte 2021 besser gepasst. Stattdessen gibt es wenige Wochen vor dem Umzug in die Isarphilharmonie die Symphonie Nr. 3 Es-Dur von Robert Schumann, die "Rheinische", die die Philharmoniker kurzerhand in eine "Isarische" umwidmen.

Dirigent Paavo Järvi beweist Mut

In diesem Werk verbreitet der Komponist eine Aufbruchsstimmung, wie nur er es kann. Paavo Järvi ruft mit den Musikern ein entschlossenes "Vorwärts!" in den sanierungsbedürftigen Saal. Wie nur wenige Interpreten mischt er aber immer wieder auch ein nachdenkliches "Haltet ein!" in den symphonischen Fluss. Der gebürtige Este hat den Mut, sowohl im freudestrahlenden Kopfsatz als auch im vergnügten Finale die leiseren Seitenthemen subtil, aber eindeutig, im Tempo zurückzunehmen.

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Das ist nicht nur eine Praxis, die zur Schumann-Zeit weit verbreitet war. Indem Järvi den Bewegungsgestus der einzelnen Sätze nicht auf einen einzigen Grundpuls reduziert, deckt er darüber hinaus eine oft verborgen bleibende zweite, innige Dimension der Musik auf. Resultat ist ein raffiniertes Pendeln oder auch simultanes Überblenden von Nervosität und Gemütlichkeit. So ein Changieren ist wohlgemerkt nicht leicht herzustellen, ohne das Orchester Unsicherheiten auszusetzen. Järvi und die Münchner Philharmoniker aber verständigen sich ohne Umwege, oft nur über Blicke: im Aufbruch offen für die Zukunft, aber nicht ohne Orientierung.

Selbstverständlich ist der Musizierstil Paavo Järvis völlig anders als derjenige Sergiu Celibidaches, der die Philharmonie in der bislang bekannten Form von 1979 bis 1996 mit den Münchner Philharmonikern bespielt hat. Doch auch diese Aufführung ist von einer Natürlichkeit getragen, die Celibidache so ausgedrückt hat: "Weiß das Wasser, dass es fließt?". Auf in die Isarphilharmonie!


Das Video kann man noch bis zum 5. August konstenlos auf mphil.de/stream ansehen

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