Kritik

Perfektion mit Christian Gerhaher

Der Bariton mit seinem Klavierpartner Gerold Huber im Cuvillièstheater in einer Aufführung des Liedzyklus „Elegie“ von Othmar Schoeck im Cuvilliéstheater
Michael Bastian Weiß |
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Christian Gerhaher mit Gerold Huber (re.).  Foto: Nikolaj Lund
Christian Gerhaher mit Gerold Huber (re.). Foto: Nikolaj Lund

Schade, dass Othmar Schoeck nicht mehr hören kann, wie Christian Gerhaher und Gerold Huber seinen Liedzyklus „Elegie“ aufführen. Und gleichzeitig wieder gut, denn diese Interpretation der Fassung des Werkes mit Klavier ist so vollendet, dass der Schweizer Komponist (1886 - 1957) möglicherweise hätte in Versuchung geraten können, die Originalversion für Kammerorchester zurückzuziehen. Deren abgeschattete Instrumentation ist wunderschön, doch an diesem Abend im Cuvilliéstheater verschmilzt Hubers Klavier mit Gerhahers Stimme derart perfekt, wie es nicht einmal so sanften Instrumenten wie Flöte, Horn und geteilten Bratsche gegeben ist.

Die beiden gebürtigen Straubingern musizieren seit Schulzeiten miteinander, ihre Kommunikation ist legendär telepathisch, doch hier ist es fast unheimlich, wie das verklingende Klavier das magische Verlöschen des Baritons nachahmt.

Huber, der eigentlich für seinen kernigen Ton und seine rhythmische Präzision bekannt ist, schlägt die Tasten unmerklich an, scheint die Klänge eher hervorzustreicheln, während Gerhaher die Gedichte von Joseph von Eichendorff und Nikolaus Lenau zum Rückgrat der Musik macht.

Große Farbenpalette

Die Textverständlichkeit ist so hoch, dass man problemlos mitstenografieren könnte, und mehr noch: Sprache, Gesang und Klavier nähern sich bis zur Ununterscheidbarkeit einander an, werden zu einer einzigen Einheit.

24 Lieder umfasst Othmar Schoecks erster Liederzyklus, genauer gesagt, eine „Liederfolge“, ein neutralerer Begriff, der anzeigt, dass hier weniger eine formale Dramaturgie vorliegt als ein durchgehendes Meditieren über das Gefühl der Melancholie - gleich vier Lieder tragen denn auch den Herbst als die Jahreszeit des Abschieds und der Einsamkeit in ihrem Titel. Gerhaher kostet dieses Grundgefühl aus, indem er den Gesang bisweilen in ein klangvolles Flüstern zurückführt, er entwirft mit einer wunderbaren Mittellage und sonoren Tiefe eine unendliche Palette von warmen, schimmernden, oft dunkelgolden Farben und führt dabei vor, wie es kein anderer Sänger kann, welche Musikalität in den einzelnen Vokalen schlummert.

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So hypnotisch beschwörend sich diese Liederfolge unter einem, riesigen, über einstündigen Bogen entwickelt: Christian Gerhaher und Gerold Huber entdecken dennoch eine Art emotionaler Verlaufskurve mit sparsamen und exakt gesetzten Höhepunkten. Das Klavierspiel wird hier insistierend, virtuos, die Stimme steigert sich zu fast grellem Agitato. Besser kann man diese kostbare Lied-Rarität nicht realisieren. Wie gesagt, schade, dass der Komponist das nicht selbst erleben konnte.

 

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