Pepe Lienhard: So erlebte er den Tod von Udo Jürgens

Vor einem Jahr starb Udo Jürgens kurz nach seinem 80. Geburtstag. In der AZ erinnert sich Pepe Lienhard an den Künstler und Menschen, den er fast vier Jahrzehnte als Musiker und Freund begleitete.
| Interview: Volker Isfort
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Udo Jürgens (links) und Pepe Lienhard verband eine tiefe Freundschaft – auch abseits der Bühne.
dpa Udo Jürgens (links) und Pepe Lienhard verband eine tiefe Freundschaft – auch abseits der Bühne.

München -  Pepe Lienhard spielte mit seinem Orchester 37 Jahre lang an Udo Jürgens’ Seite, nun kommt er zum „Ball total“ nach München. Das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“, das bislang in München über 100.000 Besucher gesehen haben, läuft noch bis zum 10. Januar im Deutschen Theater.

Ein AZ-Interview mit dem 69-jährigen Schweizer Saxophonisten und Bandleader, der 1980 sein legendäres Orchester gründete.

AZ: Herr Lienhard, am 21. Dezember 2014 starb Udo Jürgens. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

PEPE LIENHARD: Ich war noch am Abend vorher mit Udo essen, ganz entspannt und sehr fröhlich. Er hatte einen Monat Urlaub vor sich und wollte sich ausruhen vom ersten Teil der Tour. Wir haben ein bisschen zurückgeblickt auf die Tour, die ja seine erfolgreichste überhaupt war. Er hat mich zum Abschied umarmt und sich bedankt für die Zusammenarbeit. Am nächsten Tag kam ich von einem Spaziergang mit dem Hund nach Hause, als mir meine Frau sagte, wir müssten sofort ins Spital, der Udo sei zusammengebrochen. Wir haben dort zwei Stunden gewartet und gehofft, dann kamen die Ärzte und haben uns mitgeteilt, dass sie nichts mehr machen konnten.

Und für Sie brach eine Welt zusammen?

Auf jeden Fall. Wir haben seit 1977 zusammengearbeitet, also 37 Jahre lang. Und wir waren uns sehr nah. Gerade in den letzten Jahren, als er an den Bodensee gezogen ist, haben wir uns auch außerhalb der Tourneen ein, zwei Mal die Woche zum Essen getroffen und einen schönen Wein getrunken. Die Zusammenarbeit vor der letzten Tour war sehr intensiv. Und sein Tod bedeutet für mich auch, dass ein wichtiger Teil von meinem Leben endgültig vorbei ist. Immerhin ist Udo auf seinem Höhepunkt abgetreten.

Lesen Sie hier: Udo Jürgens - das war seine Münchner Zeit

Haben Sie mit ihm häufig über den Tod gesprochen?

Nein, darüber hat er nie groß gesprochen. Er hatte allerdings Angst davor, im Alter krank zu werden oder mal auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. Aber eigentlich gingen wir davon aus, dass wir noch ein paar Tourneen machen würden.

Warum dachte er nicht darüber nach aufzuhören?

Udo war am glücklichsten auf der Bühne. Er hatte melancholische Momente im Leben, er hat sich auch über das Altern nicht gefreut. Aber auf der Bühne hat er das alles vergessen, da war er glücklich, da hat er Kraft getankt.

Wenn Sie heute im Auto sitzen und im Radio kommt ein Lied von Udo Jürgens, singen Sie dann mit oder schalten Sie um?

Das kommt ein bisschen auf die Stimmung und das Lied an. Ich habe vor ein paar Tagen ein Radiointerview gegeben, und vor dem zweiten Teil wurde „Zehn nach Elf“ gespielt, das ist das letzte Lied, das ich überhaupt mit Udo zusammen gespielt habe, der letzte Song vom letzten Konzert. Da musste ich schon mit den Tränen kämpfen. Auch Lieder wie „Was wichtig ist“ gehen mir unheimlich nah, nach wie vor. Und die ersten Monate nach Udos Tod konnte ich die Musik gar nicht hören. Es war zu traurig.

Wer hat denn den Sound der Tourneen gemacht, Sie oder Udo Jürgens?

Udo war sehr aktiv an allem beteiligt, er hatte immer ganz klare Vorstellungen, wie etwas zu klingen hat. Er wusste, was am besten ankommt, wie er seine Musik haben möchte. Aber er war auch offen für Ideen. Udo hat sich Gott sei Dank den Luxus geleistet, mit einer großen Band auf Tour zu gehen. Das war auch mein Glück. Auch in der Zeit, als die Musikwelt immer elektronischer wurde, hat Udo mir gesagt: Ich kann mir das leisten und ich will mir das leisten, mit Deiner Big Band auf Tournee zu gehen.

Es gab aber auch schon einen Pepe Lienhard vor der Begegnung mit Udo Jürgens.

In den 70er Jahren hatte ich ein Sextett, wir hatten damals einen Hit mit dem Song „Swiss Lady“ und waren auch überall in den Hitparaden mit dabei. Ab 1980 habe ich dann die Band vergrößert, die dann auch immer mit Udo gespielt hat. Mein Manager Freddy Burger, der ja dann auch Udos Manager wurde, hat uns zusammengebracht, da hat sich schnell eine Nähe ergeben.

Gibt es ein Lied, von dem Sie sagen würden, man könnte Ihren Einfluss auf Udo Jürgens hören?

Nein, die Feder möchte ich mir jetzt nicht an den Hut stecken. Udo hat immer alleine komponiert und sich dann mit den Textern zusammengesetzt.

 

Sie haben Jahrzehnte neben Udo Jürgens auf der Bühne gestanden, trotzdem stand er im Mittelpunkt. Waren Sie auch mal neidisch auf ihn?

Wirklich nicht. Ich bin nie ein neidischer Mensch gewesen. Ich bin sehr selbstsicher und habe keine Egoprobleme. Ich hatte ja vor Udo schon mit dem Sextett Erfolge, aber als ich mich entschieden habe, eine Big Band zu gründen, da war mir ganz bewusst: Ich werde Leute begleiten. Das ist ein ganz normaler Job, es ist vollständig klar, dass der Sänger im Mittelpunkt steht. Udo hat uns aber immer sehr respektvoll behandelt und auch den Musikern viele Entfaltungsmöglichkeiten gelassen.

Bedeutet Udo Jürgens’ Tod für Sie und Ihre Band, dass nun die Zeit der riesengroßen Hallen vorbei ist?

Davon gehe ich aus. Wir machen jetzt unsere „Swing live“- Tournee in der Schweiz und in Deutschland. Es wird da auch Udo-Jürgens-Lieder in Swing-Versionen geben, aber das Ganze ist definitiv kein Udo-Jürgens-Programm. Früher habe ich nie Udos Lieder gespielt, wenn er nicht dabei war, aber jetzt wird das natürlich von mir erwartet. Wir haben beim Bundespresseball gespielt, das Medley ist tierisch gut angekommen, das machen wir in München auch. Aber wir sind nicht die Udo-Jürgens-Coverband, wir waren ja die Originalband.

Mochten Ihre Bandmitglieder eigentlich die Musik von Udo Jürgens?

Es sind ja viele Jazzmusiker dabei, und am Anfang dachten einige: guter Job, gut bezahlt. Aber im Laufe der Zeit sind die alle Fans geworden. Wenn wir in Köln gespielt haben, kamen die Kollegen der WDR-Bigband. Die Reaktionen waren immer gleich: Die wären normalerweise nie in ein Udo-Jürgens-Konzert gegangen, aber dann waren sie von der Musik, den Arrangements und den Musikern doch sehr begeistert.

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Selbst bei Udo Jürgens gab es einen kleinen Karriereknick.

Ja, ich habe das gemerkt, dass irgendwann – und sehr zu Udos Leidwesen – die Konzertbesucher und auch die Damen immer älter wurden. Aber dann gab es überall diese 70er-Jahre-Revival-Partys, auf denen ja doch viele Lieder von Udo Jürgens gespielt wurden. Von da an hatten wir auch wieder die jungen Menschen im Konzert: Vorne stand alles voller junger, hübscher Menschen. Und die Geburtstagsshow zu Udos 80., die ja im TV ausgestrahlt wurde, die hat einen Schub gebracht, der für uns alle unfassbar war. Für den zweiten Teil der Tournee hatten wir schon wieder 180.000 Karten verkauft, die wir alle wieder zurückgeben mussten.

Viele Menschen haben erst sehr spät entdeckt, welche musikalische Qualität viele seiner Lieder haben.

Genau, auch das Feuilleton hat Udo erst ganz spät entdeckt. Der galt denen als Schlagerfuzzi, die haben gar nicht erst hingehört. Udo hat diesen späten Triumph sehr genossen, er wollte immer ernst genommen werden.

Gab es nach so langer Zeit auf der Bühne noch musikalische Konzerthöhepunkte für Sie?

Seit ich mit Udo unterwegs war, hat er den Song „Immer wieder geht die Sonne auf“ nicht mehr ausgesungen, sondern im Medley verpackt. Im Musical „Ich war noch niemals in New York“ aber wird der Song als Duett gesungen, das hat mich sehr berührt. Ich habe Udo gesagt, dass wir das im Konzert auch so machen sollten, er mit einer Sängerin. Er hat es dann versucht, und es ist extrem gut angekommen.

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Wie oft haben Sie das Musical gesehen?

Sicher 30 Mal, ich habe auch mit dem Orchester geprobt beim Gastspiel in Zürich. Das Musical wurde ja bewusst im Sound von meiner Band gemacht. Udo war sehr zufrieden und sehr stolz, natürlich auch darauf, dass es so gut läuft.

Im Musical ist „Schöne Grüße aus der Hölle“ ein heimlicher Hit – ein Song, der in Udos Karriere kein Hit war.

Dabei hatten wir uns damals so viel von der Nummer versprochen! Die geht richtig ab, die Musiker haben wahnsinnig viel Freude daran. Aber wenn wir es live gespielt haben, passierte nichts. Das war eine totale Enttäuschung. Genau den Effekt, den wir für den Song geplant hatten, erfüllt er nun im Musical. Aber so ist das im Musikgeschäft. Man kann mit noch so viel Routine planen und Stücke zusammenstellen, von deren Wirkung man überzeugt ist, aber das Publikum macht, was es will. Wir haben auch auf der letzten Tour noch Stücke geändert. Wir hatten ein Medley mit Uraltsongs von „Cotton Fields“ bis „Anuschka“ und waren sicher, da werde die Hölle los sein. Wir haben das Medley ein paar Konzerte lang versucht und dann aus dem Programm geworfen.

Welcher Song durfte beim Konzert nie fehlen?

Da gab es einige. Aber der Song, der den größten Effekt hatte, obwohl er bei der Veröffentlichung kein Hit war, ist natürlich „Ich war noch niemals in New York“. Wir durften das immer erst später im Programm spielen, weil die Leute sofort nach vorne stürmten.


„Ball total“ mit dem Pepe Lienhard Orchester im Deutschen Theater, Freitag, 12. Februar 2016,
Karten ab 25 Euro unter Tel. 55 23 44 44
Pepe Lienhard kommt mit seiner Big Band am 14. November 2016 ins Deutsche Theater
Karten ab 39 Euro

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