Oper im Cuvilliéstheater: Immer diese Kampfradler

Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper mit "Mignon" von Ambroise Thomas im Cuvilliéstheater.
| Robert Braunmüller
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Caspar Singh (Wilhelm Meister) und Frédéric (Daria Proszek) streiten in der Theatergarderobe um die (abwesende) Philine.
Caspar Singh (Wilhelm Meister) und Frédéric (Daria Proszek) streiten in der Theatergarderobe um die (abwesende) Philine. © Wilfried Hösl

München - Die für Opern zuständige Furie des Verschwindens trifft seltsame Entscheidungen. Biedermeierliches von Lortzing und barocke Retortengeburten verschont sie, Französisches frisst sie mit Liebe. Der Bayerischen Staatsoper ist es nun gelungen, ihr die tragikomische "Mignon" von Ambroise Thomas zu entreißen - ein Hybrid zwischen der spielopernhaften Opera Comique und dem ernsten Drame Lyrique, der Heiterkeit und Wahnsinn zusammenzwingt.

Das 1866 in Paris uraufgeführte Werk gehörte 80 Jahre zum Repertoire, ehe es nach dem Zweiten Weltkrieg von den Spielplänen verschwand. Nun sitzt man verwundert im Cuvilliéstheater und hört mit wachsendem Erstaunen, wie sich die einfache und zugleich komplizierte Musik von munteren Genrestücken ins Elegisch-Tragische steigert.

Regisseurin Christiane Lutz müht sich um Verständlichkeit

Mignons Beinahe-Selbstmord nimmt den halben Tschaikowsky vorweg, der mehr aus der französischen Oper lernte, wie Nationalisten uns glauben machen wollen. Die Unsicherheit der Hauptfigur über ihr Geschlecht wirkt geradezu tagesaktuell, die Wahlmöglichkeit im vom Komponisten hinterlassenen Baukasten aus Varianten zwischen tragischem und harmonischem Ende postmodern.

Die Aufführung mit Mitgliedern des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper reizt das Potential dieser Oper nur gesanglich voll aus. Bereits das ist eine hochrespektable Leistung, denn die Rollen sind schwierig genug.

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Die Inszenierung kommt mit den komischen Elementen erheblich besser zurecht. Regisseurin Christiane Lutz müht sich redlich um Verständlichkeit, wenn sie zur Ouvertüre die Vorgeschichte des Schlossbrandes einblendet, die Mignon und Lothario aus der Spur warf.

Sonst aber konzentriert sich Lutz auf das Leben und Treiben in einer marthalerhaften Theaterkantine, deren Tageskarte ein billiges Schnitzel und Gulasch anpreist. Und wenn Ambroise Thomas die Freuden des Tabaks besingen lässt, setzen einige Gäste das Rauchverbot recht handfest durch.

Juliana Zara singt "Je suis Titania" mit kalt strahlender Brillanz

Das Librettisten-Duo Jules Barbier und Michel Carré konstruierte aus Goethes "Lehrjahr"-Material ein erotisches Dreieck aus Wilhelm Meister, Mignon und Philine, dem Star einer Aufführung von Shakespeares "Sommernachtstraum".

Juliana Zara singt die Polonaisen-Arie "Je suis Titania" mit kalt strahlender Brillanz. Caspar Singh sieht nicht nur wie ein erste Bühnenluft schnuppernder Intellektueller aus, er singt die Musik auch mit einem für französische Opern idealen schlanken, hellen und höhensicheren Tenor.

George Virban als Laërte ist genauso gut und könnte von seinen Möglichkeiten her genausogut den Wilhelm Meister singen. Daria Proszek hat in der Hosenrolle des vergeblich liebenden Frédéric einen hübschen Auftritt als Kampfradler, und wenn der schöne Mezzo nicht wäre, würde man die Sängerin wirklich für einen jungen Mann halten.

Inszenierung wird im zweiten Akt arg konventionell

Sarah Gilford wird mit den enormen musikalischen Schwierigkeiten der Titelpartie mühelos fertig. Die Koloraturen gelingen ihr ebenso wie die dramatischen Passagen. Aber leider konzentriert sich die Inszenierung auf das Komödiantische und wird im zweiten Akt arg konventionell. Das melancholisch Depressive und die fluide Erotik des Androgynen interessiert die Regisseurin leider gar nicht, und auch die Verwandlung von der sexuellen Indifferenz zur Weiblichkeit Mignons findet auf der Bühne recht keimfrei statt, obwohl es nicht schwer wäre, dafür aktuelle Bilder zu finden.

Die kurze Bühnenmusik mit Klarinette, Akkordeon und einer nordafrikanischen Trommel demonstriert, wie reizvoll eine subtile Uminstrumentierung sein könnte. Leider hat Paul Leonard Schäffer die Orchesterbesetzung lediglich ausgedünnt, und da werden doch Sehnsüchte nach den witzig-klugen Arrangements von Alexander Krampe für die Kammeroper München wach.

Leider gelang es dem Dirigenten Pierre Dumoussaud kaum, dem Bayerischen Staatsorchester in der harten Akustik des Cuvilliéstheaters wenigstens einen Hauch französischer Eleganz zu entlocken. Die Musik rumpelt wie ein Haufen Wackersteine. Das grundsätzliche Vergnügen an dieser pausenlosen, gut zweistündigen Wiederentdeckung und den rundum erstklassigen Sängerinnen und Sängern mindert das aber kaum.

Wieder am 6., 8., 11., 14., 16. und 19. September, alle 150 Plätze pro Vorstellung sind bereits ausverkauft.

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