Interview

Nikolaus Bachler über die Leere in den Sälen

Nikolaus Bachler über die Folgen des rigorosen bayerischen Sonderwegs mit maximal 200 Zuschauern pro Vorstellung.
| Robert Braunmüller
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Nikolaus Bachler mit Marina Abramovic vor dem leeren Zuschauerraums des Nationaltheaters.
Nikolaus Bachler mit Marina Abramovic vor dem leeren Zuschauerraums des Nationaltheaters. © Wilfried Hösl

"Es ist schrecklich, vor einem leeren Theater zu performen", sagt Marina Abramovic. Bei der Uraufführung ihrer Opernperformance "7 Deaths of Maria Callas" am Dienstag sind nur 200 Zuschauer zugelassen – bei mehr als 2.000 verfügbaren Plätzen. Obwohl auch unter strikter Beachtung eines Sicherheitsabstands von eineinhalb Metern erheblich mehr Menschen in den riesigen Raum des Nationaltheaters passen würden, hält die Politik an dieser strikten Obergrenze fest.

AZ: Herr Bachler, die Staatsoper versucht seit über 20 Jahren, eine "Oper für alle" zu sein, aber nun geht es im Nationaltheater fast wie bei einer Separatvorstellung für den menschenfeindlichen König Ludwig II. zu.
NIKOLAUS BACHLER: Das ist der Kampf, den ich seit zwei Monaten mit – wie ich glaube – guten Argumenten führe. Es geht nicht darum, die Gesamtsituation zu ignorieren, sondern zielgerichtet und individuell zu agieren. Es gibt einen Satz meines Schauspiellehrers, den ich sehr richtig finde: "Generelle Beschränkung ist generelle Beschränkung." Wer mit dem Rasenmäher drüberfährt, köpft auch die Blumen.

Wie lauten Ihre Argumente, wenn Sie mit Politikern sprechen?
Das Nationaltheater ist mit über 2100 Plätzen das größte Opernhaus Deutschlands. Wir haben ein durchdachtes Sicherheitskonzept entwickelt und den Orchestergraben erweitert, damit die Musiker nicht so eng sitzen. Außerdem haben wir das disziplinierteste Publikum. Leider wird derzeit von der Politik jede individuelle Initiative zurückgedrängt. Das halte ich für eine gesamtgesellschaftliche Gefahr. Deutschland ist derzeit mehr oder weniger auf dem Weg in die Planwirtschaft, wo nur noch Anordnungen und Verbote gelten und die Eigenverantwortung schwindet.

Welche Antworten bekommen Sie aus der Politik?
Immer die gleiche: "Es wäre das falsche Signal." Man habe gehofft, dass sich die Situation im Herbst verbessere, aber das sei nicht eingetreten. Die Zahlen bei den Infektionen steigen wieder.

Und wie reagieren Sie?
Ich erkläre, dass niemand das Haus so gut kennen würde wie wir selber. Wir haben von Anfang an mit Abstandsregeln, mit Desinfektion und mit Masken gearbeitet. Alle Mitarbeiter tragen Masken, die nur auf der Bühne abgenommen werden. Wir sind ja nicht ignorant. Da ist es dann schon verwunderlich, wieso man unserer Selbstverantwortung nicht stärker vertraut. Wir reden ja nicht von einem vollen Haus, sondern von einer Steigerung auf 600 Besucher.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass mehr bewirkt werden könnte, wenn die Theater mehr gemeinsam und mit einer Stimme sprechen würden.
Große Gruppen zu einheitlichen Aktionen zu bewegen, ist in der Demokratie nie leicht. Die bayerischen Intendanten hatten im Sommer ein durchaus konstruktives Gespräch mit dem Ministerpräsidenten. Ich bleibe auch mit den Münchner Intendantenkollegen im Gespräch, auch mit dem Staatstheater Nürnberg. Die Politiker hören uns auch durchaus zu, aber es herrscht die Meinung, dass alles über Verordnungen geregelt werden müsse und nicht in individueller Eigenverantwortung. Das ist für mich ein Totschlagsargument, da kann ich 100 Mal wiederholen, dass mein Haus 2100 Besucher fasst.

Das ist frustrierend.
Ich fürchte, es ist auch viel Symbolpolitik dabei, wenn alle gleich runtergefahren werden. Damit wird viel zerstört, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kultur. Man kann den Betrieb nicht wie mit einem Lichtschalter wieder andrehen. Ich denke, es wird eines langen mühevollen Aufbaus bedürfen. Da ist schon jetzt ein Flurschaden entstanden, auch bei den vielen Freien Gruppen.

Inwieweit lassen sich die positiven Erfahrungen der Salzburger Festspiele auf die Bayerische Staatsoper übertragen?
Sehr gut. Die Situation ist fast identisch und wir gehen ähnlich vor. Wir sind in ständigen Kontakt mit medizinischen Fachleuten, wir testen viel, es werden Kontakttagebücher geführt. Nur was wir nicht haben dürfen, sind die 1000 Besucher wie im Großen Festspielhaus, das etwa genausoviele Plätze wie das Nationaltheater hat.

In allen Bundesländern sind mehr Besucher erlaubt.
Man braucht sich nur umzusehen, in der Wiener Staatsoper, in der Schweiz – alle fangen mit einem halbwegs normalsierten Spielbetrieb an. Vor 200 Zuschauern ist das nicht möglich.

Welche Folgen wird das haben?
Die unterschiedlichen Regelungen in unterschiedlichen Ländern machen das Reisen schwierig. Wir haben viel mit russischen Sängern gearbeitet. Von ihnen sind wir derzeit völlig abgeschnitten. Auch Reisen von und in die USA sind derzeit schwierig.

Für das Klima ist das keine schlechte Nachricht.
Man kann natürlich hoffen, dass sich die globalisierte Kunstwelt etwas mehr auf sich besinnt. Es gibt keine Krise ohne Chance.

Die Eigenfinanzierung des Etats der Bayerischen Staatsoper durch die Einnahmen an der Kasse liegt mit 35 Prozent ungewöhnlich hoch. Ist die geringe Zahl an Besuchern auch wirtschaftlich gefährlich?
Institutionen wie die Bayerische Staatsoper, die am meisten Eigenleistung erwirtschaften und einen hohen Anteil ihres Etats selbst einspielen, werden im Moment am stärksten bestraft. Mit einer normalen Vorstellung nehmen wir 100 000 bis 160 000 Euro ein. Da kommt einiges zusammen. Während der Schließung seit Frühjahr sanken auch die Kosten, aber je länger wir mit so wenigen Besuchern spielen dürfen, desto größer wird das Loch in der Kasse. Mit 200 Besuchern verdient man nichts.

Ich finde die Stimmung in einem leeren Haus seltsam.
Es gibt Proben, bei denen im Normalbetrieb mehr Menschen anwesend sind als jetzt Zuschauer. Eine Theatervorstellung ist aber primär eine geistige Kommunikation. Die findet in einem leeren Zuschauerraum nicht mehr statt. Aus diesem Grund sind wir im Frühsommer mit kleineren Veranstaltungen auch auf die Unterbühne oder in den Chorsaal gegangen.

Gast-Solisten sind freiberuflich tätig. Im Frühjahr fühlten sich viele wegen der ausfallenden Vorstellungen ungerecht behandelt.
Der Freistaat hat sich, angeregt durch uns, im Unterschied zur Situation in Wien oder in den USA fair verhalten: Alle Gäste haben Geld bekommen, allerdings nur einen gewissen Prozentsatz. Im Herbst zahlen wir normale Gagen. Dass nur 200 Zuschauer im Nationaltheater sitzen, ist nicht die Schuld der Künstler. Das liegt in der Verantwortung des Staates.

Wie schauen die nächsten Wochen und Monate aus?
Wir haben keine Planungssicherheit, nur Hoffungen. Die Uraufführung von Luca Francesconis Oper "Timon of Athens" mussten wir vorerst absagen, weil es sich um ein Werk mit Chören und großem Orchester handelt. Ich hoffe aber sehr, dass mein Nachfolger dieses Werk übernimmt, weil es für dieses Haus geschrieben wurde. Walter Braunfels’ Oper "Die Vögel" hat gute Chancen auf eine Premiere, wenn nicht weitere Einschränkungen kommen.

Freie Gruppen klagen vor allem über die Abstandsregeln auf der Bühne.
Das Problem haben wir nicht, weil wir testen. "7 Deaths of Maria Callas" besteht ohnehin aus Monologen. Bei der "Zauberflöte" und "Così fan tutte" werden die Spielleiter auf die Distanzen zwischen den Gruppen achten, die sich gemäß unserer Konzepte nicht zu nahe kommen dürfen. Aber in der Regel halten der Tenor und die Diva ohnehin Abstand. Die Oper hat es da leichter als das Schauspiel, das viel mehr von der körperlichen Physis und der Nähe lebt.

Alle fünf Vorstellungen von "7 Deaths of Maria Callas" im Nationaltheater sind ausverkauft. Die Aufführung am 5. September wird ab 18.30 Uhr als Livestream übertragen

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