Neues Album von Voyager Quartet: Ein Vexierspiel durch geniale Fälschung

Das Voyager Quartet hat ein Album mit Paraphrasen über Werke von Richard Wagnerund Gustav Mahler herausgebracht: ein faszinierendes Hör- und Mitdenkerlebnis.
| Michael Bastian Weiß
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Mitglieder des Voyager Quartets.
Mitglieder des Voyager Quartets. © Voyager Quartet

Ein Gedankenexperiment: Gegeben sei ein gebildeter Musikhörer, der aber aus irgendeinem Grund nie "Tristan und Isolde" von Richard Wagner gehört hat. Man spiele ihm die ersten zehn Minuten dieses Albums "Boten der Liebe" vor, welches das Voyager Quartet gerade herausgebracht hat. Unser Kenner würde das Stück wohl als einen Streichquartettsatz von Arnold Schönberg einschätzen, zeitlich ungefähr zwischen der "Verklärten Nacht" und dem grenzüberschreitenden Streichquartett Nr. 2 liegend.

Album von Voyager Quartet: Keine eins zu eins Übertragung

Das ist der Clou dieses neuen Albums der Voyagers, das in der Villa Wahnfried in Bayreuth aufgenommen wurde: Dass die drei Werke, alle vom quartetteigenen Bratscher Andreas Höricht adaptiert, weitaus mehr sind als bloße Transkriptionen. Hier passt tatsächlich einmal das auf Ernst Bloch zurückgehende Diktum, dass die Originale zur Kenntlichkeit entstellt werden. Auch die fünf "Wesendonck"-Lieder wurden nicht einfach eins zu eins übertragen; vielmehr befreit Höricht die Begleitstimmen zu motivischer Selbständigkeit und lässt die Melodie wie einen roten Faden durch das dichte Gewebe laufen.

Die Modernität der Musik tritt reiner hervor als in philharmonischen Aufführungen, weil die vier Münchner mit höchster Klangsensibilität das Fiebrige spürbar machen, aber es darüber hinaus nicht versäumen, mit akutem Formbewusstsein einen Bogen über das Ganze zu schlagen. In puncto Modulationsreichtum und Feinabstimmung kann es das junge, erst 2014 gegründete Quartett, mit den Ébènes, Emersons und Henschels aufnehmen.

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Gekonnte Fälschung von Höricht: Hörer wird in Parallelwelt gezogen

Bleiben die Wagner-Paraphrasen nahe an den Originalen, begibt sich Andreas Höricht beim letzten Werk des Albums gekonnt aufs Glatteis. Denn nach bisherigem Forschungsstand hat Gustav Mahler keine einzige Note für Streichquartett geschrieben. Doch hat jetzt dieses fiktive "Streichquartett Nr. 1.0 a-moll" nicht nur seine eigene Plausibilität - es zieht den Hörer auch unwiderstehlich in eine Parallelwelt.

Höricht geht in seiner Fälschung sehr listig vor: Er beginnt mit dem einzigen von Mahler erhaltenen kammermusikalischen Beitrag, dem ersten Satz des frühen Klavierquartetts a-moll, der in ein Arrangement des berüchtigten, äh, berühmten Adagiettos aus der Symphonie Nr. 5 mündet. Mit einem Trick wird unmerklich zu einer Portion aus dem Adagio der unvollendeten Symphonie Nr. 10 übergeleitet, das zusehends zerfällt und von einem abschließenden freien Kommentar aus der Feder des Bearbeiters Höricht selbst aufgefangen wird.

Fast eine Wiederentdeckung eines verschollenen Werkes

Das Voyager Quartet spielt dieses raffinierte Vexierspiel in derart subtilen Übergängen, dass sich ein überzeugendes Ganzes ergibt. Wüsste man nicht, dass es sich um Spekulation handelt, wäre man versucht, an eine Wiederentdeckung eines verschollenen Werkes zu glauben. Aber auch so bereitet dieses Album ein faszinierendes Hör- und Mitdenkerlebnis.


Voyager Quartet: "Boten der Liebe": Wagner: Vorspiel zu "Tristan und Isolde", Wesendonck-Lieder, Mahler: "Streichquartett Nr. 1.0 a-moll (Solo Musica/Edel).

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