Neues Album von Philip Bradatsch: Wo noch Licht brennt

Philip Bradatsch hat mit "Die Bar zur guten Hoffnung" das passende Album zur Zeit gemacht.
| Dominik Petzold
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Der Münchner Liedermacher Philip Bradatsch.
Der Münchner Liedermacher Philip Bradatsch. © Marie Augustin

München - Die Lage ist zappenduster, wenig macht Hoffnung, und die Bars sind auch schon wieder zu. Mit einer Ausnahme: Philip Bradatsch lädt in "Die Bar zur guten Hoffnung" ein. Sein so benanntes neues Doppel-Album klingt, als ob es in einer solchen Bar entstanden wäre, spätnachts oder vielleicht sogar am frühen Morgen. 

Philip Bradatsch: Perfektes Timing des Münchner Rock-Songwriters

Und ermöglicht so dem Hörer eine kleine imaginäre Flucht in die alte Realität, als man in schummrigen Kaschemmen noch sorglos abhängen, abtanzen, abstürzen konnte. Aber das ist nur einer der vielen Gründe, weshalb das Timing des Münchner Rock-Songwriters perfekt ist.

Ja, ein Album, das besser in diesen Dunkel-November passt, ist gar nicht denkbar. Denn abseits des Kneipen-Feelings ist die Stimmung angemessen düster bis apokalyptisch. Ein Song heißt "Schatten überm Land", ein anderer "Winter", ein dritter "Abgehängt". Mal gähnt den Erzähler das Leben an, mal brennt ihm die Seele aus. Mal versinkt der Giesinger Berg im Schwefel, mal heißt's lapidar: "Der trouble is real".

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Doch dann setzt sich in diesen wild assoziierenden Texten auch immer wieder der Trotz durch, sprich: die Hoffnung, die alle so dringend brauchen. "Die Hoffnung" heißt auch das grandiose Eröffnungsstück, und da singt Bradatsch einen Durchhalte-Refrain, der sich zum Mitsingen anbietet und in Zeiten, in denen Aerosole wieder egal sind, aus möglichst vielen Kehlen skandiert werden sollte: "In dunklen Kellern unserer Seelen / kann uns die Hoffnung keiner nehmen".

Der warme Analog-Sound passt perfekt zu Bradatschs deutschsprachiger Americana

Entstanden ist dieses Album zwischen Düsternis und Zuversicht im Januar in den Hamburger "Yeah! Yeah! Yeah! Studios", wo ausschließlich analoges Equipment steht: Bandmaschinen und Instrumente wie ein Mellotron, dessen Klang mit Tonbändern erzeugt wird und das auf "Die Bar zur guten Hoffnung" oft zum Einsatz kam.

Und dieser warme Analog-Sound passt perfekt zu Bradatschs deutschsprachiger Americana, die er erstmals auf dem Vorgängeralbum "Jesus von Haidhausen" präsentiert hat. Das war schon stark, aber mit der "Bar zur guten Hoffnung" hat Bradatsch nochmals einen draufgesetzt.

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So schafft er das Kunststück, sich geschmackssicher in der Rockgeschichte zu bedienen und dabei doch absolut originell und überhaupt nicht retro zu klingen. Das großartige "Schatten überm Land" klingt nach den Jayhawks und Tom Petty. An den erinnert auch der Ohrwurm "Die große Liebe kehrt zurück, Pt. 1" - und beide Stücke gereichen dem großen Vorbild zur Ehre.

"Abgehängt" beginnt als berührende, traurige Piano-Ballade, zitiert urplötzlich die Monsterakkorde von "Baba O'Riley" von The Who und geht dann in ein Instrumental-Outro über, das einen Westcoast-Sound irgendwo zwischen Jackson Browne und den Byrds hochleben lässt und in dem auch noch Gitarren rückwärts laufen. So viele grundverschiedene Stile schlüssig in einem Song zu verbinden, ist beeindruckend.

Philip Bradatsch zitiert "Satisfaction" gleich doppelt 

Das über zehn Minuten lange "(Dich werd ich erinnern) Theresa" kommt ebenfalls lange als Ballade daher, bis Bradatsch mit einem wild rockenden Gitarrensolo aus der Deckung bricht, das erst zweistimmig an die Allman Brothers Band erinnert, dann an Ten Years After und andere jammende Bluesrock-Combos der späten Sechziger. Und im Titelsong "Die Bar zur guten Hoffnung" schraubt der Mittdreißiger dann keck an einem heiligen Gral herum: Da zitiert er "Satisfaction" gleich doppelt, mit dem Beat und dem Riff. Dabei klingt der Song ansonsten kein bisschen nach den Stones.

Schließlich hat Bradatsch einen ganz eigenen Sound entwickelt mit seinen fabelhaften "Cola Rum Boys": Bassist Wolfgang Dinter, Keyboarder Florian Ernszt und Schlagzeuger Tobias Hieber, allesamt Musiker, die er noch aus einer Heimatstadt Kaufbeuren kennt. Prima, dass Bradatsch nach München übergesiedelt ist: Es steht der Stadt gut zu Gesicht, einen Rock-Songwriter dieses Kalibers zu haben. Seine "Bar zur guten Hoffnung" will man gar nicht mehr verlassen. Also, Barmann, wenn Du uns trotz der voll aufgedrehten Verstärker hören kannst: eine Lokalrunde Cola Rum! Auf die Hoffnung!


Philip Bradatsch: "Die Bar zur guten Hoffnung" (auf Vinyl und digital, bei Trikont)

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