Interview

Neues Album von Konstantin Wecker: Träume, Erotik und Realität

Auf dem neuen Doppelalbum "Jeder Augenblick ist ewig" interpretiert Konstantin Wecker eigene Lieder neu und lässt Schauspieler seine erotischen Gedichte rezitieren.
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Konstantin Wecker: "In meiner Jugend und Pubertät habe ich mich von Dichtern wie Trakl und Heym endlich verstanden gefühlt."
Konstantin Wecker: "In meiner Jugend und Pubertät habe ich mich von Dichtern wie Trakl und Heym endlich verstanden gefühlt." © Thomas Karsten

Konstantin Wecker, Liedermacher, Poet, Aktivist und bekennender Pazifist, singt seit 50 Jahren gegen die Verhältnisse an. Sein Fazit: "Zwischen Zärtlichkeit und Wut tut das Leben richtig gut". Jetzt ist die CD "Jeder Augenblick ist ewig" erschienen und erweckt die letzten 50 Jahre von Weckers Bühnenlaufbahn wieder zum Leben - mit Liedern und Gedichten, die Dörte Lyssewski vom Wiener Burgtheater und Michael Dangl vom Theater in der Josefstadt rezitieren.

AZ: Herr Wecker, 1973 hieß Ihr erstes Album "Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker".
KONSTANTIN WECKER: Damals war ich als Studiomusiker mietbar für Filmmusiken oder Schlager. Eines Tages fragte mich einer der Produzenten, ob ich etwas für einen geplanten erotischen Versand schreiben möchte. Es ging um Schweinereien. Ich sagte: "Okay, wenn ich damit Geld verdienen kann." Und dann hat mich wieder die Kunst gepackt und ich schrieb Lieder, die Erotik in den verschiedensten Ausschweifungen zum Thema hatten. Für einen erotischen Versand leider zu poetisch. Stattdessen haben sie mit mir eine Platte gemacht. Von der Erstauflage wurden 3000 Stück verkauft, 90 Prozent davon an Homosexuelle. In einem Zeitungsinterview hatte ich gesagt, dass ich Homosexuelle mag. Darauf bekam ich eine Flut von Aktfotos zugeschickt.

Konstantin Wecker: "Bis heute sind meine Gedichte klüger als ich"

Wie fühlt es sich an, wenn man jetzt Altem wieder begegnet?
Für das Programm "Jeder Augenblick ist ewig" haben Dörte Lyssewksi und Michael Dangl die Texte ausgesucht, wobei Dörte sich viel von meinem Frühwerk herausgepickt hat. Es war berührend, Gedichte, die ich als junger Mann geschrieben habe, aus einem anderen Blickwinkel vorgelesen zu bekommen. Die erotischen Stellen würde ich mir heute als erwachsener Mann kaum mehr zu sprechen trauen. Aber als erwachsene Frau kann man das tun.

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Mit 14 Jahren schrieben Sie das Gedicht "Kaum dass ich mir bewusst war". Es klingt nicht nach einem Teenager.
Ja, aber als Jugendlicher habe ich mich so von der Poesie tragen lassen, dass ich in meinen Texten um Jahrzehnte reifer war als in meinem Benehmen. Bis heute sind meine Gedichte klüger als ich. Auch meine Mama liebte Gedichte. Mit zwölf Jahren bin ich in der Bibliothek meiner Eltern auf Eichendorff, Novalis und Goethe gestoßen.

Wie hat Ihnen die Poesie dabei geholfen, die Pubertät zu überstehen?
In der Pubertät fühlt man sich oft allein. Aber von Expressionisten wie Georg Trakl und Georg Heym habe ich mich endlich verstanden gefühlt. Sie waren meine Rettung.

Wecker: "Die Deutschlehrer hätten mir fast die Poesie verdorben"

In der Schule hatten Sie Lehrer, die noch vom Dritten Reich geprägt waren. Wie sind Sie damit umgegangen?
In der Volksschule waren die Lehrer zum großen Teil echte Nazis! Wo hätten sie auch andere herkriegen sollen. Die Deutschlehrer auf dem Gymnasium hätten mir fast die Freude an der Poesie verdorben. Da ging es gar nicht um die Schönheit, sondern man musste die Gedichte sofort rational zerlegen.

Haben Sie noch den Rohrstock zu spüren bekommen?
Ja. In der Volksschule hieß das Tatzen: Schläge auf die Handflächen. Und man wurde an den Ohren gezogen oder musste sich eine Stunde in die Ecke stellen. Sehr demütigend. Im Gymnasium war das dann alles verboten.

1962 kam es in München zu den "Schwabinger Krawallen" - Straßenschlachten zwischen Tausenden vor allem jugendlichen Protestierenden und zum Teil berittenen Polizisten.
Ich war Zaungast. Aber diese Erfahrung hat mein späteres Verhalten geprägt. Ich bin ein klassischer Achtundsechziger. Diese Krawalle waren für mich sensationell. Aber aktiv war ich erst später dabei. Die meisten meiner Freunde hatten das Problem, dass sie auch gegen ihre eigenen Eltern rebellieren mussten. Das war der Urgrund der Achtundsechziger. 90 Prozent der Eltern haben damals aus Scham über das Dritte Reich geschwiegen. Entweder sie waren kriegstraumatisiert oder Nazis.

Mit 19 Jahren raubten Sie mit einem Freund den Tresor der Galopprennbahn Riem aus.
Ich habe mich schon als 13-jähriger Gymnasiast mit Bakunins anarchischen Werken beschäftigt. Ich habe nicht viel davon verstanden, aber ich wollte zeigen, dass ich Anarchist bin. Das hat mir keine großen Sympathien bei der Lehrerschaft eingebracht, aber es war ja auch eine bewusste Provokation. Ich hatte überhaupt kein moralisches Problem damit, dieses "unredliche" Geld aus dem Raub anzunehmen. Bis zu meinem ersten Gefängnisaufenthalt lebte ich in einer Traumwelt. Für mich eine wunderschöne Wirklichkeit!

Wie erinnern Sie den ersten Tag im Gefängnis?
Der Tag war für mich wie ein großer Knall. Ich wusste schlagartig, es gibt noch etwas anderes als meine Träume.

Im Gefängnis sagte Ihnen Ihr Vater: "Zwischen Künstler und Verbrecher ist nur ein kleiner Unterschied. Wie es aussieht, taugst Du nicht zum Verbrecher." Hat Ihr Vater Sie mit diesem Satz gerettet?
Er hat mich gerettet. Mein Vater sagte dann auch noch: "Ich werde nie wieder drüber reden und es dir nie wieder vorwerfen!"

Wecker: "Man kann sich die damalige Homophobie nicht mehr vorstellen"

Ihre Laufbahn als Chansonnier begann in einer Schwulenbar, wo Sie als 19-Jähriger die Besitzerin am Klavier begleiteten.
Michaela. Sie war eine Chansonette, die sich aus der Hitlerzeit herübergerettet hatte. Sie interpretierte Lieder von Friedrich Hollaender und jüdische Lieder aus den Jahren vor der Machtergreifung. Eine Schwulenbar war damals nicht so selbstverständlich, sondern ein verachtetes Etablissement, an dem Eltern mit ihren Kindern vorbeihuschten und sagten: "Da sind 175er drin!" Damals gab es noch diesen Paragraphen, der Homosexualität unter Strafe stellte. Aber meine Mutter stand immer auf der Seite der Ausgegrenzten. Man kann sich heute auch nicht mehr vorstellen, wie hart die Homophobie war. Heute kommt es einem völlig verrückt vor, dass es gegen Homosexualität mal ein Gesetz gab.

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Sie haben 1975 eine "Elegie für Pasolini" verfasst. Was hatte der 1975 ermordete homosexuelle Dichter und Filmemacher Pier Paolo Pasolini Ihnen zu sagen?
Pasolini wurde in Italien wegen seiner Homosexualität schwer angegriffen. Viel entscheidender war jedoch, dass er Kommunist war. Aber kein linientreuer Stalinist, sondern ein Freigeist. Alles, was er sagte und tat, sprach mir aus dem Herzen.

Sind Sie damals auch in der Schwabinger 7 aufgetreten?
In der Schwabinger 7 habe ich die legendäre Sängerin Gisela kennengelernt, die berühmte Zeilen wie "Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen" sang. Ich war damals noch nicht bekannt und bin mit der Gitarre herumgetingelt. Mein Vorbild war der Liedermacher Franz Josef Degenhardt, wobei ich aber nur ein leidlich guter Gitarrist war. Nachdem ich das erste Mal Georg Kreisler erlebt hatte, wurde mir bewusst, dass das Ganze auch mit Klavier funktioniert.

Damals spazierten Sie mit einem bodenlangen Nerzmantel durch München. Sah so auch Ihr Bühnen-Outfit aus?
Nein. Dann hätte ich zu Recht Ärger gekriegt! Als ich in Stadelheim im Gefängnis saß, war ein Zuhälter mit dem Spitznamen "Punkte" mein Zellennachbar. Ein Zuhälter und Schläger, der mich beschützte. Er mochte mich, weil ich Sänger war. Punkte war so alt wie ich und kam aus einer ganz anderen Welt. Aber er liebte Operetten. Wir zwei haben uns Nacht für Nacht Operetten vorgesungen. Punkte hat mich fasziniert. Ich bin ja gewaltfrei aufgewachsen, während er von den Freiern seiner Mutter und seinen Stiefvätern ständig verprügelt wurde. Mit 14 nahm er sein Leben selbst in die Hand. Punkte war ein zu Härte geprügelter weicher Mann.

Wecker: "Als ich aus dem Knast kam, wollte ich aussehen wie ein Zuhälter"

Wie haben Sie im Gefängnis mit ihm kommuniziert?
Punkte und ich hatten jeweils eine Einzelzelle. Wir haben aus unseren Toiletten das Wasser herausgepumpt. Man musste dann nur den Kopf hineinstecken und konnte sich durch das Klo unterhalten. Und da fing ich an, von vielen Frauen und diesem Leben zu träumen. Als ich aus dem Knast kam, wollte ich aussehen wie ein Zuhälter. Gott sei Dank hat sich das nie auf meine Werke niedergeschlagen. Heute weiß ich, wie blöd ich war in vielen Punkten meines Lebens.

Am Anfang der Corona-Krise rückte die Gesellschaft enger zusammen. Mittlerweile gibt es einen lauten Widerstand gegen die Maßnahmen inklusive einer Verharmlosung von Covid-19. Wie denken Sie darüber?
Ich gehöre nicht zu den Pandemieleugnern und ich gehe auf keine Demo, wo neben mir ein Reichsbürger oder Nazi stehen könnte. Wilhelm Reich hat in den 30er Jahren über die Massenpsychologie des Faschismus geschrieben. Er zeigte eindeutig auf, dass der Faschismus sich nur auf Mythen beruft. Diese kann man logischerweise nicht widerlegen. Man muss sie fressen oder nicht. Jetzt werden wieder Mythen geboren. Das halte ich für unglaublich gefährlich.

Wird das Professionelle des Künstlerberufs aufgeweicht, weil heute jeder Laie in einer Fernsehshow auftreten und Alben aufnehmen darf?
Das ist schon seit langem so. Es gibt aber immer noch viele junge Menschen, die nicht dem Erfolg hinterherrennen, sondern leidenschaftlich Musik machen. Die auf ihrem Instrument üben, obwohl sie wissen, dass sie damit wahrscheinlich nie Geld verdienen werden. Wir Menschen haben die Umwelt und die Tierwelt zerstört. Wir haben sinnlose Kriege geführt, andere unterdrückt und die Sklaverei erschaffen. Hätte es in den 2.000 Jahren des patriarchalischen Systems die Kultur nicht gegeben, wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Hannes Wader und mir wurde von Journalisten in Interviews vorgeworfen, wir hätten mit unseren Liedern nichts erreicht. Da sagte Hannes: "Diese Frage ist unfair gestellt. Wir müssen uns eher fragen, wie die Welt ohne uns Mosaiksteinchen aussähe."


Doppelalbum: "Jeder Augenblick ist ewig" (Laut & Luise/ Alive/Kontor New Media)

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