"Missa solemnis" bei den Salzburger Festspielen: Fein gemischt

Riccardo Muti dirigiert Ludwig van Beethovens "Missa solemnis" im Großen Festspielhaus.
| Walter Weidringer
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Riccardo Muti im Großen Festspielhaus.
Riccardo Muti im Großen Festspielhaus. © SF/Marco Borrelli

Bis zu seinem Achtzigsten hat Riccardo Muti gewartet, um sich an Beethovens "Missa solemnis" zu wagen - dann aber gleich bei den Salzburger Festspielen, wo er vor 50 Jahren erstmals aufgetreten ist: Das kapitale Werk wird also zu einem würdigen Doppeljubiläum zelebriert, zum Mariä-Himmelfahrts-Konzerttermin, den der Neapolitaner seinerzeit von Karajan geerbt hat.

Wobei das Wort "zelebriert" schon in die Irre führen könnte: Wer vom letzten, aus Überzeugung traditionsbewussten Maestro alter italienischer Kapellmeisterschule nun Altherrentempi erwartet hatte, sah sich eines Besseren belehrt.

Muti: leidenschaftlicher Operndirigent

Mag Muti auch das notorische Brio etwa seiner frühen Verdi-Einspielungen längst abgelegt haben, heißt das keineswegs, dass er nun aus überbordender Liebe zum Melos bei jedem schönen Augenblick verweilen möchte.

Dazu ist er zu sehr Operndirigent, weiß um den nötigen dramaturgischen Zug - und um den ständigen Wechsel an Stimmungen, ja sogar Stilanklängen, den Beethoven seinem riesenhaft-detailreichen Werk oft von Vers zu Vers eingeschrieben hat.

Stimmige Tempodramaturgie

Bei aller Andacht heißt es also Überblick behalten, Zusammenhang bewahren. Muti gelingt das mit einer Tempodramaturgie, die nicht weiter auffällt, weil sie einfach stimmt: Auch heikle Übergänge wie etwa zum Schluss-Presto des "Gloria" funktionieren gleichsam wie von selbst - und man meint zu ahnen, wie eine Stretta tönt, die von himmlischen Heerscharen angestimmt wird.

Im Übrigen freilich sind es zweifellos Menschen, die da singen. Der Wiener Staatsopernchor mag etwas kompakter klingen und ein deutlicheres Vibrato aufweisen, als man das von Konzertchören mittlerweile gewöhnt ist, aber von der innigen Beschwörung über homophone Inbrunst bis zu den vertrackten Fugen gibt es keinerlei Zaudern.

Feola singt klangvoll - Abdrazakov bleibt blass

Alles ist durchaus klar und ausdrucksvoll modelliert - immerhin tragen die Singstimmen, auch das ist für Muti selbstverständlich, als betende, bittende Masse die zentrale Aussage. Die großartige Rosa Feola ist um keine sauber und klangvoll in die Höhe schwebende Phrase verlegen und führt das Soloquartett mit leuchtendem Sopran an, Alisa Kolosova und Dmitry Korchak folgen nach Kräften, ausgerechnet Ildar Abdrazakovs Bass bleibt merkwürdig blass.

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Das alte Vertrauen in die Klangtradition der Wiener Philharmoniker

Überhaupt trifft in vielen Elementen auf diese "Missa solemnis" zu, was im letzten Festspielsommer bei Mutis Interpretation von Beethovens Neunter ins Ohr sprang. Neben der Liebe zum Vokalen ist es, wie stets, das alte Vertrauen in die Klangtradition der Wiener Philharmoniker. Und die wissen, was sie sich selbst und einem ihrer erklärten Lieblingsdirigenten schuldig sind.

"Einfach" Sakralmusik

Die Farben sind fein abgemischt, nichts wird überdramatisiert und mit erhobenem Zeigefinger herausgestellt, aber alles ist da. Ist das altmodisch? Jedenfalls erscheint es aus dem liturgischen Gesang heraus geboren - und ist kein Dokument eines monumentalen Glaubenszweifels, sondern doch "einfach": Sakralmusik.

Höhepunkte waren an diesem Vormittag neben dem "Gloria"-Schluss das mystisch verdämmernde Credo, die gewaltigen Kriegsattacken im "Agnus Dei" - und natürlich Rainer Honecks makellos herniederschwebendes, gleichfalls singendes Violinsolo im "Benedictus".

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