Maria Stuart bei den Salzburger Festspielen: Keusch an die Macht

Unter der Regie von Martin Kušej entwickelt Friedrich Schillers Klassiker "Maria Stuart"bei den Salzburger Festspielen einen grandiosen Sog.
| Mathias Hejny
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Die Statisten haben in Martin Kušejs Deutung von Schillers "Maria Stuart" einiges an Stehvermögen aufbringen müssen. Bibiana Beglau als Elisabeth von England allerdings auch.
Die Statisten haben in Martin Kušejs Deutung von Schillers "Maria Stuart" einiges an Stehvermögen aufbringen müssen. Bibiana Beglau als Elisabeth von England allerdings auch. © Barbara Gindl/Salzburger Festspiele

Männer überall. Sie stehen in Reih' und mit Glied, denn wenn sie nicht gerade in einen grauen Mantel gehüllt sind, der ans Militär der beiden Weltkriege erinnert, sind sie nackt.

Anfang des Jahres hatten das Wiener Burgtheater und die Salzburger Festspiele Statistenjobs ausgeschrieben und Männer zwischen 18 und 50 gesucht, "die sich zutrauen, während der gesamten Stückdauer von zirka zwei Stunden eine stehende Position auf der Bühne einzunehmen".

Nach Probenende dauert die Produktion nun weitere 40 Minuten länger, und da die Vorstellung pausenlos ist, braucht nicht nur die Komparserie, sondern auch das Publikum in der stickig heißen Saline auf der Perner-Insel ein gewisses Stehvermögen.

Für seine Festspiel-Inszenierung der "Maria Stuart" braucht RegisseurMartin Kušej kaum Bühnenbild, wobei die drei Wände, die Annette Murschetz zu einem nach vorne offenen Kubus errichtete, schmucklos sein mögen, aber mit großem Raffinement wandlungsfähig sind.

Birgit Minichmayr als Maria Stuart.
Birgit Minichmayr als Maria Stuart. © Barbara Gindl/Salzburger Festspiele

In der ersten Szene ist er der Hof des Gefängnisses, in dem Maria seit 19 Jahren schmachtet, am Ende ein gigantisches Spiegelkabinett, in dem sich nicht nur Königin Elisabeth sehen kann, sondern auch das Publikum. Es ist einer der wenigen Momente, in denen die 30 Männer nicht auf der Bühne sind.

Ansonsten strukturieren sie die Spielfläche als lebende Rauminstallation, deren häufiges Unbekleidetsein nicht Schutzlosigkeit bedeutet. Es meint vielmehr das Ausgeliefertsein der Frauen an das Testosteron.

Debatte um weibliche Selbstbestimmung

Sie sind zwar Königinnen, müssen aber als Repräsentantinnen der Macht von ihrem rein männlichen Umfeld nicht "beschützt", bevormundet oder körperlich bedroht werden. Kušej bebilderte damit ebenso präzise wie bildmächtig, was Friedrich Schiller schon wusste, als er das Trauerspiel vor 221 Jahren schrieb.

Die Debatte um weibliche Selbstbestimmung scheint aber noch lange nicht abgeschlossen zu sein, vor allem, wenn frau eine öffentliche Rolle zu spielen hat.

"Sie hat der Menschen Urteil nicht beachtet"

Was Elisabeth ihrer schottischen Kollegin vorwirft, ist nicht der politisch motivierte Mord an deren Ehemann, sondern ein Lebenswandel, der nicht mit ihrem Amt vereinbar sei: "Sie hat der Menschen Urteil nicht beachtet", klagt sie bitter.

"Nimmer lud sie das Joch sich auf, dem ich mich unterwarf. Hätt ich doch auch Ansprüche stellen können, des Lebens mit der Erde Lust zu freuen. Doch zog ich meine Königspflichten vor. Und doch gewann sie aller Männer Gunst, weil sie sich beflisst, ein Weib zu sein".

Ein Politthriller

Schiller machte daraus einen Politthriller: Nach dem Mordauftrag floh Maria zu ihrer Halbschwester Elisabeth nach England, die wiederum Thronansprüche wittert und Maria einkerkert. Unter dem Einfluss der männlichen Berater nimmt die Angelegenheit ihre schlimmstmögliche Wendung und Maria wird hingerichtet.

Ein exquisites Ensemble

Für den Intrigantenstadl hat der Regisseur ein exquisites Ensemble zur Verfügung, zu dem einige Münchner Lieblingsschauspieler aus Kušejs Zeit am Residenztheater gehören.

Franz Pätzold etwa als ein ebenso glühender wie zwiespältiger Mortimer, Norman Hacker als skrupelloser Machtpolitiker Burleigh oder Oliver Nägele als leidenschaftlicher, doch ergebnislos um Ausgleich ringender Shrewsbury. Trotz der effektvollen Vorwegnahme von Marias Tod unter dem Schafott mit dem über der Szene pendelnden Kopf zu Beginn, startet der Abend zäh.

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Schwerfällige Jamben

Mit kehligem Timbre stanzt Birgit Minichmayr als angeleinte Maria Stuart die Jamben schwerfällig aus, doch spätestens mit der Begegnung zwischen ihr und Elisabeth entsteht zwischen den beiden komplexen, starken, stark um die eigenen Schwächen und die der Gegnerin kämpfenden Frauen ein unwiderstehlicher Sog, der auch weit in die lange, sehr stille und sehr einsame Schlussszene trägt.

Als Elisabeth nach Leicester ruft, ist keiner mehr da, der mit einem der bekanntesten letzten Sätze der Theatergeschichte antworten könnte: "Der Graf lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich". Dafür summt Elisabeth mit einem geheimnisvollen Lächeln "God Save The Queen". Das Premierenpublikum zeigte sich vor allem von den beiden Queens beeindruckt.


Perner-Insel, Montag, Mittwoch, 20., 22., 23., 25. und 26. August, 19.30 Uhr, Karten unter Tel: 0043/6628045500 und auf salzburgerfestspiele.at

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