Kritik

"Lohengrin" in Salzburg: Solide, aber nicht strahlend

Christian Thielemann dirigiert Wagners "Lohengrin" bei den Osterfestspielen in Salzburg.
| Robert Braunmüller
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Jacqueline Wagner als Elsa von Brabant liebend verfolgt von Eric Cutler als Lohengrin.
Jacqueline Wagner als Elsa von Brabant liebend verfolgt von Eric Cutler als Lohengrin. © Ruth Walz

Weil nicht nur der Chor der Sächsischen Staatsoper, sondern auch der Salzburger Bachchor und der Chor des dortigen Landestheaters mitwirkten, verbeugten sich am Ende zwei für die musikalische Einstudierung verantwortliche Herren nebst einer Dame. Prompt wurden die drei für das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito und die Bühnenbildnerin Anna Viebrock gehalten. Sie ließen es bei Wagners "Lohengrin" im Großen Festspielhaus etwas zu sehr an Glanz und Wonne fehlen und wurden deshalb mit Buhs abgestraft.

Wieler und Morabito inszenierten zum Salzburg-Abschied der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann einen historischen Krimi. In ihrer "Lohengrin"-Deutung hat die normalerweise restlos unschuldige Elsa diesmal ihren Bruder Gottfried wirklich auf dem Gewissen. Nach dem inszenierten Vorspiel hätte man auch denken können, dass sich Gottfried als Elsa verkleidet hatte, um selbst den Fall aufzuklären. Ob's darum wirklich ging, blieb letztendlich unklar, aber die Sopranistin Jacquelyn Wagner verkörperte als Elsa immerhin sehr überzeugend eine androgyne Borderlinerin.

"Lohengrin": Festspielpreise rechtfertigt höchstens Elena Pankratova

Ob es allerdings eine gute Idee ist, bei Kartenpreisen bis zu 490 Euro eine Sängerin zu verpflichten, die in der gleichen Rolle schon nebenan in einer Aufführung des örtlichen Landestheaters aufgetreten ist? Jacquelyn Wagner singt klar, solide und kalt. Für dramatische Passagen aber ist ihre Stimme nicht geschaffen. Und noch schlimmer: Sie berührt nicht. Stars sind zwar nicht alles, aber an Christian Thielemanns Bayreuther und Dresdener Elsas Anja Harteros und Anna Netrebko sollte man an diesem Abend lieber nicht denken.

Festspielpreise rechtfertigte höchstens Elena Pankratova als hochdramatische Ortrud. Der einst so grandiose Bass von Hans-Peter König (König Heinrich) ist müde geworden. Der wackere Martin Gantner mag ein solider Charakterdarsteller sein. Sein scharfer Bariton passte auch zur Charakterisierung der Figur als postheroischem Provinzpolitiker, der sich beim Heben eines Schwerts den Arm verknackst.

Die Opernparodie ist bei "Lohengrin" selten fern. Das gilt auch für den Titelhelden, der bei seinem Auftritt nicht von einem Schwan, sondern von zwei Hunden mit Beißkorb begleitet wurde. Letztendlich erwies sich der Schützer von Brabant jedoch nicht als Rechtsextremist, sondern eher als eine Art Hippie-Version von Albrecht Dürers lockigem Selbstbildnis in der Alten Pinakothek. Eric Cutler singt zwar solide, aber er ist kein Stilist wie der derzeit in dieser Rolle führende Piotr Beczala.

Solide, aber nicht strahlend

Wirklich schön oder strahlend mag man seinen Tenor kaum nennen. Bemühungen um ein lyrisches Piano wirken sehr gewollt, und dass er manchmal weinerlich wirkt, will auch nicht zu gefallen.

Christian Thielemann wurde samt der Staatskapelle Dresden gebührend gefeiert. Es bleibt aufregend, wie dieser Dirigent an unerwarteten Stellen neue Nuancen entdeckt und den Zusammenbruch am Ende der Brautgemach-Szene geradezu als Katastrophe auskostet. Zwischendurch ereignet sich ausgesprochen Uninspiriertes wie die spannungslos hurtige Steigerung der Chorszene vor Lohengrins Auftritt im ersten Akt. Und über das Königsgebet und andere Ensembles breiten wir aus Respekt lieber den Mantel des Schweigens.

Im Unterschied zu seinem an Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann geschulten Bayreuther "Lohengrin" lässt es Thielemann in Salzburg auch krachen. So schmetternd und mit allen vorgeschriebenen Bühnentrompeten wurde der Gang zum Münster und der Truppenaufmarsch vor dem letzten Bild lange nicht mehr dargeboten. Da wird Wagner dann zum allerschönsten Meyerbeer, nur leider ohne dessen politikkritische Absichten.

Wieler und Morabito fiel zu den vielen "Heil"-Rufen außer Fahnenschwenken und einer handwerklich soliden Chorregie wenig ein, wenn man die Krankenschwestern abzieht, die im dritten Akt die deutsche Armee begleiteten.

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Wagners nationalistisches Tschindarassabum war aus der Ritterzeit ins kostümmäßig ebenso putzige Jahr 1914 verlegt. Eine Verbindung zwischen dem Historienschinken zum Psychokrimi konnte das Regieduo auch beim finalen Auftritt Gottfrieds als Wasserleiche nicht herstellen.

Nächstes Jahr, wenn der ehemalige Staatsopernchef Nikolaus Bachler als neuer Platzhirsch der Osterfestspiele amtiert, darf beim aus München ausgeliehenen "Tannhäuser" des Regisseurs Romeo Castellucci ebenfalls mit Protesten gerechnet werden. Die sorgen aber voraussichtlich mehr für ein zusätzliches Prickeln im Champagner eines Fests, das Jonas Kaufmann und andere Stars mit Wagner in Salzburg bereiten.


Der "Lohengrin" wird am 18. April (Ostermontag), 17 Uhr, wiederholt. Infos zu den Osterfestspielen: osterfestspiele-salzburg.at

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