Interview

Lehrender Cellist Merlin im Interview: Kunst als Suche nach sich selbst

Der Cellist des Quatuor Ébene über die Situation der Kammermusik in pandemischen Zeiten und seine Rolle als Lehrer an der Münchner Musikhochschule.
| Marco Frei
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Am 6. November spielt das Quatuor Ébène mit dem Klarinettisten Martin Fröst im Prinzregententheater Mozarts Klarinettenquartett, Werke von Janácek und Popsongs.
Am 6. November spielt das Quatuor Ébène mit dem Klarinettisten Martin Fröst im Prinzregententheater Mozarts Klarinettenquartett, Werke von Janácek und Popsongs. © Erato/Warner

München - Sie sind im Grunde Münchner. Der Gewinn des ARD-Musikwettbewerbs 2004 brachte dem Quatuor Ébène aus Frankreich den internationalen Durchbruch. Hier ist ihre Fangemeinde besonders groß und treu.

Im Oktober 2020 übernahm der Cellist Raphaël Merlin an der Münchner Hochschule für Musik und Theater eine Professur für Streicher-Kammermusik.

AZ: Herr Merlin, darf man heute jungen Menschen raten, ein Streichquartett zu gründen?
RAPHAËL MERLIN: Auf jeden Fall! Klar, wenn es um den ökonomischen Lebensstandard geht, muss man ehrlich sein: Ich kann nicht allen Studierenden versprechen, dass sie allein damit ihren Lebensunterhalt bestreiten werden können. Aber durch das Quartett-Spiel bilden und entwickeln wir uns als Musiker immens weiter. Schon allein deswegen lohnt sich diese Investition, weil wir ja von unserer Qualität direkt leben. Richtig ist aber auch, dass sich das Musikleben generell in den vergangenen 20 Jahren enorm gewandelt hat.

Der Cellist Raphaël Merlin wurde 1982 geboren. Er studierte an den Konservatorien von Clermont-Ferrand, Boulogne-Billancourt und Paris und Genf Klavier, Jazz, Komposition und schließlich Dirigieren.
Der Cellist Raphaël Merlin wurde 1982 geboren. Er studierte an den Konservatorien von Clermont-Ferrand, Boulogne-Billancourt und Paris und Genf Klavier, Jazz, Komposition und schließlich Dirigieren.

"Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn alles geöffnet geblieben wäre"

Die Corona-Pandemie macht es nicht einfacher. Selbst eine Kultur- und Musiknation wie Deutschland hat strenge Auflagen für das Konzertleben erlassen. Wie wurde das in Frankreich bewertet?
Ich sehe keine großen Unterschiede zu Frankreich. Auch wir haben vor allem via Internet gespielt. Was hätte man auch anders machen können? Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn alles geöffnet geblieben wäre. Ich persönlich glaube nicht, dass ein Besuch im Konzertsaal mit Maske und Abstand ein großes Covid-Risiko bedeutet. Für mich ist und bleibt es Unsinn zu glauben, dass man das Virus eindämmt, indem man Konzertsäle schließt, aber Flugzeuge voll besetzt fliegen lässt. Das verstehe ich nicht. Für mich war es nach den Öffnungen umso befreiender zu sehen, wie stark ein Live-Konzert in der Wirkung ist. Es hat uns gezeigt, dass wir das brauchen. Es geht weiter!

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Trotzdem sind viele junge Streichquartette in einer verzweifelten Situation. Geht es wirklich einfach weiter?
Die Frage ist absolut berechtigt! Wie sieht unsere Welt aus, wenn das Virus vollständig besiegt ist? Wie lange wird das überhaupt noch dauern? Ich bin kein Prophet. Ich denke jeden Tag an Kollegen, die nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen können. Wenn man nur von Konzerten lebt und nicht das Glück hat wie ich, eine feste Stelle zu haben, sei es an einer Hochschule oder im Orchester, dann war und ist die Pandemie furchtbar.

"Je weiter die Ohren geöffnet sind, desto tiefer die Kunst"

Werden Sie auch darüber sprechen im Rahmen der Quartett-Akademie?
Natürlich, wir werden über viel reden. Es geht uns übrigens auch um das Verhältnis in einer kleinen Gruppe untereinander. Wenn unterschiedliche Persönlichkeiten zusammenkommen, ist diese Nähe manchmal auch toxisch. Auch sonst müssen wir ehrlich sein. Ob Intonation, Einsatz des Vibratos oder rhythmische und harmonische Strukturgebung: Wir selbst stellen auch nach rund 20 Jahren oft fest, dass es keine klaren Antworten gibt. Unseren Studierenden möchten wir nicht weismachen, dass es stets Lösungen gäbe, sondern: Die endlose Suche in einem selber ist ein zentraler Teil der Kunst. Was wir vor allem unterrichten können und müssen, sind Glaube, Wahrhaftigkeit und Geduld. Je weiter die Ohren geöffnet sind, desto tiefer die Kunst.

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Gleichzeitig mischt auch der "Kammermusik-Guru" Eberhard Feltz als "Visiting Professor" mit. Was versprechen Sie sich davon?
Als wir selbst 1999 anfingen, haben wir von solchen Persönlichkeiten profitiert. Das ist absolut essenziell, weil es den Horizont erweitert. Das Schöne und zugleich größte Problem beim Quartett ist, dass es keine Hierarchie gibt und keinen Dirigenten. Deswegen brauchen Streichquartette einen Coach, so wie Sänger oder auch Sportler. Wir hatten einmal mit Alfred Brendel in Verbier eine Probe. Wir sprechen noch heute davon, weil uns diese Begegnung wertvolle Impulse geschenkt hat. Eberhard Feltz steht nicht zuletzt für eine humanistische Universalbildung und große Ethik, schlägt auch Brücken zu anderen Künsten oder zur Philosophie. Das allein ist ein Gewinn.


"Round Midnight", die neue CD des Quartetts, bei Erato (Warner). Am 6. November spielt das Quatuor Ébène mit dem Klarinettisten Martin Fröst im Prinzregententheater Mozarts Klarinettenquartett, Werke von Janácek und Popsongs. Restkarten unter Telefon 98 29 28-0 und über muenchen.hoertnagel.de

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