Konzertfilm mit Jörg Widmann: Die Musik einfangen

Ein ungewöhnlich gut gelungener Konzertfilm des Münchener Kammerorchesters mit dem Münchner Komponisten Jörg Widmann.
| Marco Frei
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Der 1973 in München geborene Jörg Widmann ist Klarinettist, Komponist und seit einiger Zeit auch Dirigent.
Der 1973 in München geborene Jörg Widmann ist Klarinettist, Komponist und seit einiger Zeit auch Dirigent. © Florian Ganslmeier

Der Kirchenraum wirkt heimelig und intim, wie ein erweitertes Wohnzimmer. Eine gute Akustik garantiert schon allein die Decke aus Holz. Hier in der Himmelfahrtskirche an der Kidlerstraße in Sendling hat das Münchner Kammerorchester (MKO) bereits einige Projekte realisiert. Auch für die "Prolog"-Serie zur aktuellen Saison wurde in das vor 100 Jahren errichtete Bauwerk geladen. Und jetzt entstand hier der erste Konzertfilm des Orchesters mit Jörg Widmann.

Seit den 1990er Jahren gastiert der Münchner Komponist und Klarinettist regelmäßig beim Münchener Kammerorchester. Es ist eine tiefe Vertrautheit und Verbundenheit, die der Konzertfilm und die Proben-Doku einfangen. Ein gemeinsames Eruieren von Musik ist da zu erleben, ganz direkt und ungekünstelt. In distanzreicher Corona-Zeit ist allein das eine echte Wohltat. Noch dazu könnte die Musik nicht besser gewählt sein: Felix Mendelssohn Bartholdy und Widmann.

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Aus der frühen Klarinettensonate Es-Dur von Mendelssohn Bartholdy hat Widmann 2016 das Andante herausgefiltert, um es neu zu bearbeiten. Die Kontrabässe und Solo-Violine spielen eine besondere Rolle, gekoppelt mit Celesta und Harfe. In kristallhellen Flageoletten der Solo-Violine von Daniel Giglberger mischt sich die glockenspielartige Celesta. Eine fragile Jenseitigkeit ist das Ergebnis. Das "Choralquartett" von 2019 scheint hingegen den aktuellen Zustand zwischen Stille, Stillstand und Gebrochenheit vorwegzunehmen.

In Widmanns "Aria" für Streichorchester von 2015 ist wiederum das umsichtige Mit- und Aufeinander-Hören oberster Gebot. Jede einzelne Stimme ist hier gleichberechtigt im Sinne einer Kammermusik, und das gilt auch für den "Sinfoniesatz" c-Moll von Mendelssohn. Ein starkes Plädoyer für Solidarität und Empathie wird da in der Himmelfahrtskirche verlebendigt, das tut gut und not. Manche Streicher behalten die Corona-Masken auch während des Spiels auf, was die Aktualität umso greifbarer macht.

Kenntnisreich und hochsensibel

Das alles fängt die Kamera von Vanessa Daly in der Regie von Jenny Scherling kunstvoll, kenntnisreich und hochsensibel ein. Scherling ist selbst Musikerin. Als Bratschistin hat sie auch schon beim Münchener Kammerorchester ausgeholfen sowie bei den Münchner Philharmonikern und dem Münchner Rundfunkorchester. Sie kann nicht nur Partituren lesen, sondern trägt die Musik unmittelbar in sich. Bei Scherling sind die Änderungen der Einstellungen eng gekoppelt mit den Bogenwechseln bei den Streichern oder der Atmung bei den Bläsern.

Umso organischer, natürlicher und sinnlicher ist das Ergebnis. Mit im Grunde einfachsten Mitteln gelingt das Allerbeste. So müssen visuelle Musik-Mitschnitte sein: ein Lehrstück in digitalen Corona-Zeiten. Der zweite Konzertfilm soll Anfang Mai folgen, diesmal mit Enrico Onofri. Der Italiener ist als Barock-Geiger bekannt, nicht zuletzt als Konzertmeister von "Il Giardino Armonico".


Der Film ist auf der Website www.m-k-o.eu des Orchesters zu sehen.

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