Kontrapunkt und Stechschritt

Die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch in einer Neuaufnahme durch Igor Levit.
| Marco Frei
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Felix Broede.
Felix Broede.

Er hat sich Zeit genommen. Noch vor knapp zehn Jahren hatte Igor Levit im Gespräch gesagt, dass er keinen Sinn darin sehe, eine eigene Einspielung der "24 Präludien und Fugen" op. 87 für Klavier des 1975 verstorbenen Sowjet-Russen Dmitri Schostakowitsch zu realisieren. Zu frisch waren die Eindrücke der gewichtigen Gesamtaufnahme, die Alexander Melnikov 2010 beim Label "Harmonia mundi" vorgelegt hatte. Levit nannte diese Aufnahme damals einen "Meilenstein".

Fünf Jahre nach dem Gespräch war es soweit: Levit gastierte mit dem Zyklus 2017 in Ludwigsburg, Zürich und bei den Salzburger Festspielen. Jetzt ist zudem seine eigene Gesamtaufnahme bei Sony erschienen. Sie ist bemerkenswert, weil sie einerseits gar nichts mit dem Ansatz von Melnikov zu tun hat. Andererseits wirkt der eingespielte Schostakowitsch von Levit ganz anders als 2017 bei seinem Salzburger Konzert.

"Ritual der Selbsterkundung"

Was Levit und Melnikov damals einte, war eine hörbare Distanz zum übermächtigen Vorbild Tatiana Nikolayeva. Für die 1993 verstorbene Pianistin hatte Schostakowitsch 1950/51 diesen Zyklus komponiert. Von Nikolayeva liegen mehrere Aufnahmen dieses Werks vor: vollgriffig, bisweilen auch recht rau.

Doch während Melnikov das Erbe des "Wohltemperierten Klavier" von Johann Sebastian Bach schärfen möchte und sozusagen einen historisch informierten Schostakowitsch im Ohr hat - mit wenig Pedal und fließenden Tempi - sah Levit den Zyklus 2017 mehr als eine meditative Reflexion. Für Levit waren die "24 Präludien und Fugen" 2017 hingegen ein "Ritual der Selbsterkundung", das intimste Fragen verhandle. Das hat er seinerzeit auch im Salzburger Programmheft geschrieben. Davon hat sich Levit auf seiner Gesamtaufnahme gelöst.

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Besonders deutlich wird das am Beispiel der Fuge Nr. 16 in b-Moll. In Salzburg wähnte man sich fast schon in einer Hörmusik des späten Morton Feldman, wo aus kleinsten Partikeln in gedehnter Dauer ein weites Klanguniversum erwächst. Von dieser weltentrückten Introversion ist die Einspielung deutlich weniger geprägt.

Gleichzeitig entwickelt das groteske Präludium Nr. 8 in fis-Moll mehr Biss. Hinter diesem Präludium verbirgt sich eine bitter-böse Polka- und Marsch-Persiflage im Stechschritt, ähnlich wie schon im sechsten der "24 Präludien" op. 34 von 1932/33. Hier äußert sich der kritische Chronist Schostakowitsch, der den Militarismus ins Visier nimmt, denn: Im Stechschritt marschierten seinerzeit nicht nur die Nazis in Deutschland auf, sondern auch die Stalinisten in Sowjet-Russland.

Aus dem "Ritual der Selbsterkundung" ist eine Art "Gemeinschaftserlebnis" geworden

Unter dem 1953 verstorbenen Diktator Josef Stalin hatte Schostakowitsch bekanntlich einige wüste, lebensbedrohliche Angriffe zu ertragen. Auch die kühne Chromatik aus der Des-Dur-Fuge Nr. 15 nimmt Levit jetzt ungleich radikaler und schroffer als noch 2017 im Salzburger Konzert. Mit dieser Fuge knüpft Schostakowitsch an seine avancierte Klaviersonate Nr. 1 von 1926 an, ein Meisterwerk des Konstruktivismus. In der Hoch-Zeit der ideologischen Kunstdoktrin des "Sozialistischen Realismus" der frühen 1950er Jahre war so viel Avantgarde ein echter Affront.

Als Schostakowitsch seinen Zyklus op. 87 offiziell zur Genehmigung vorstellte, waren die Kulturfunktionäre entsetzt: gerade auch über diese Fuge. Die kompromisslos schroffe, nie aber brachiale Interpretation von Levit macht das Kühne solcher Musiken hörbar. Sein Spiel ist insgesamt direkter geworden, hat sich in Teilen dem Profil von Nikolayeva angenähert. Aus dem "Ritual der Selbsterkundung" von 2017 ist eine Art "Gemeinschaftserlebnis" geworden, wobei Levit im feinen, kantablen Lyrismus ganz eigene Wege geht.

Schade nur, dass Levit für seine Gesamtaufnahme nicht auch die von Krzysztof Meyer 2019 vollendete und um eine Fuge ergänzte Skizze zu einem cis-Moll-Präludium für op. 87 aufgenommen hat. Sie wurden 2020 von Yulianna Avdeeva im Rahmen der Schostakowitsch-Tage im sächsischen Gohrisch uraufgeführt. Dafür koppelt Levit den Zyklus mit der "Passacaglia on DSCH" von Ronald Stevenson von 1960/62. Sie verarbeitet nicht nur das persönliche d-(e)s-c-h-Monogramm von Schostakowitsch, sondern zitiert auch das Präludium Nr. 5 aus op. 87.


"On DSCH": Igor Levit mit den "24 Präludien und Fugen" op. 87 von Dmitri Schostakowitsch sowie Ronald Stevensons "Passacaglia on DSCH". Sony (3 CDs).

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