Joan Baez wird 80: Folk-Fee für den Frieden

Joan Baez ist Gesicht und Stimme der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Nun wird die Nimmermüde 80 Jahre alt.
| Dominik Petzold
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Konzert von Joan Baez in der Alten Oper Frankfurt im Februar 2019
Konzert von Joan Baez in der Alten Oper Frankfurt im Februar 2019 © imago/ Konz

Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht irgendein Filmproduzent mal auf die Idee käme, dieses Leben zu verfilmen. Dieses unglaubliche, reiche Leben der Joan Baez, die blutjung zur "Queen of Folk" wurde, die beim Marsch auf Washington an der Seite Martin Luther Kings stand, die als Aktivistin gegen den Vietnamkrieg kämpfte und in Hanoi in einen Bombenhagel geriet.

Einen tollen Soundtrack hätte dieses Biopic allemal. Und was würden ihre Boyfriends doch für Nebenfiguren abgeben: Bob Dylan und Steve Jobs.

Joan Baez: Ihre Eltern waren Quäker

Heute (Samstag, 9. Januar 2021) vor 80 Jahren wurde Joan Baez in New York geboren. Ihr mexikanischer Großvater war dorthin emigriert, von ihm stammt der Name, der auf Amerikanisch "Beies" ausgesprochen wird; ihre Mutter war Schottin. Der Vater, ein Physiker, zog aus beruflichen Gründen mit der Familie ständig um, auch nach Rom, Paris, Bagdad.

1958 ließen sie sich schließlich in Massachusetts nieder. Die Eltern waren Quäker und prägten das politische Bewusstsein ihrer drei Töchter. Mit 15 lernte Joan ihren ersten Protestsong auf der Gitarre, einige Jahre später trat sie in einem Folkclub in Cambridge auf.

Joan Baez: Extremes Lampenfieber begleitete sie

1959 besuchte sie das Newport Folk Festival, und der befreundete Folksänger Bob Gibson fragte sie, ob sie ein paar Lieder mit ihm singen wolle. Ihr schlotterten die Knie, als sie vor 13.000 Menschen stand, so wie sie noch viele Jahre lang unter extremem Lampenfieber leiden sollte.

Sie machte ihn berühmt, er war eher undankbar: Joan Baez und Bob Dylan als Paar auf der Bühne.
Sie machte ihn berühmt, er war eher undankbar: Joan Baez und Bob Dylan als Paar auf der Bühne. © imago images/Everett Collection

Doch als sie die Bühne verließ, war sie ein Star. Albert Grossman, der spätere Manager von Bob Dylan, wollte sie beim Branchengiganten Columbia Records unterbringen, doch die prinzipienfeste Frau mit dem glockenklaren Engelssopran unterschrieb für viel weniger Geld beim Folklabel Vanguard, das von einem kommunistischen Intellektuellen geführt wurde.

Liebespaar: Joan Baez nahm Bob Dylan unter ihre Fittiche

Auf ihrem ersten Album "Joan Baez" (1960) sang sie traditionelle Folksongs, von sich selbst an der akustischen Gitarre begleitet, hier und da mit Untermalung einer zweiten Gitarre. Diese klare, schöne Musik war sofort ein Riesenerfolg. Baez wurde für einige Jahre zur berühmtesten Stimme des damals höchst populären Folks.

Auch auf "Joan Baez, Vol. 2" und einem folgenden Live-Album sang sie Traditionals. Doch dann suchte sie nach Songs mit aktuellen, politischen Bezügen.

Auftritt: Bob Dylan. Den lernte sie 1961 kennen, als sie schon die "Queen of Folk" war und er noch ein Niemand. Sie nahm ihn unter ihre Fittiche und bat ihn immer wieder auf die Bühne, stellte ihn ihrem großen Publikum vor. Und ihre Stimmen passten auf seltsame Weise gut zusammen: ihr perfekt intonierter Sopran und sein weniger perfekter, aber umso charismatischer, bluesiger Gesang.

Sie nahm seine Songs auf, immer und immer wieder, einmal füllte sie sogar ein ganzes Doppelalbum damit. Und sie wurden ein Liebespaar, und so konnte sie ihm dabei zusehen, wie er in rasendem Tempo einen großen Song nach dem anderen in seine Schreibmaschine hackte.

Mitte der Sechziger ging ihre Beziehung in die Brüche, und Dylan zeigte sich ihr gegenüber künftig weniger generös, als sie es immer gewesen war. Sie gingen zwar immer wieder mal zusammen auf Tour, aber oft bat er, der längst der größere Star war, seine frühe Förderin kein einziges Mal auf die Bühne.

Sie habe unter ihm gelitten, sagte sie 2018 dem "Spiegel", aber rückblickend habe sie doch vor allem gute Dinge über ihn zu sagen.

Joan Baez: Ihr Aktivismus rückte nach und nach in den Vordergrund

Mit Dylan hatte Baez auch einen historischen Moment erlebt, als sie im August 1963 Martin Luther Kings Marsch auf Washington begleiteten und "We Shall Overcome" sangen. Aber während sich Dylan bald von politischen Liedern verabschiedete, blieb Baez immer engagiert, ja ihr Aktivismus rückte in der öffentlichen Wahrnehmung in den Vordergrund.

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Sie kämpfte für Bürgerrechtsbewegung und Pazifismus, ging sogar bei den Ostermärschen der deutschen Friedensbewegung mit. 1968 heiratete sie den Aktivisten David Harris, der wie sie gegen den Vietnamkrieg kämpfte. Sie hatte ihn im Gefängnis kennengelernt: Sie saß für kurze Zeit, weil sie Kriegsdienstverweigerung unterstützt hatte, der Aktivist kam sie besuchen. Bald darauf war es umgekehrt: Als sie 1969 im Woodstock auftrat, berichtete sie den 500.000 Besuchern ausführlich, wie es ihm im Gefängnis erging.

Joan Baez: Ihre Rolle war nicht die der Familienmutter

Da war sie gerade schwanger, mit Harris bekam sie ihr einziges Kind Gabriel. Sie sei als Mutter ebenso ungeeignet gewesen wie als Partnerin, sagte sie rückblickend. Der Sohn habe ihr verziehen, ihre Ehe aber war 1973 gescheitert, wie auch alle späteren Beziehungen, etwa die mit Steve Jobs in den Achtzigern. Der Apple-Gründer war ein extremer Bob Dylan-Fan - und wollte "drei Jahre lang über exakt nichts anderes reden als über meinen Ex-Freund", wie sie dem "Spiegel" sagte.

Ihre Rolle war nicht Familienmutter, sondern Künstlerin und Aktivistin. Eine traumatische Erfahrung machte sie 1972 bei einer Friedensmission im nordvietnamesischen Hanoi: Immer wieder warfen amerikanische Flugzeuge Bomben über dem Hotel ab, in dem sie untergebracht war, immer wieder musste sie in den Bunker. Da habe sie sich erstmals mit ihrer Sterblichkeit auseinandergesetzt.

Joan Baez: Über den Countryrock zum Softrock

Aber auch danach kämpfte sie unverdrossen für eine bessere Welt, engagierte sich für Amnesty International, ging kurz nach dem Bürgerkrieg mit einer kugelsicheren Weste durch Sarajevo und sang auf den Straßen, setzte sich gegen den Irakkrieg ein. Daneben verfolgte sie ihre Musikkarriere, und stilistisch ging sie dieselben Schritte wie viele andere Folkkünstler: Nachdem die Beatles 1964 in die USA einfielen und buchstäblich über Nacht alles veränderten, begann Baez mit Begleitmusikern zu spielen.

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Ende der Sechziger wandte sie sich dem Countryrock zu und nahm in Nashville schöne Platten auf, in den Siebzigern entwickelte sich ihr Sound in Richtung Softrock.

Sie war immer in erster Linie Interpretin, coverte gelungen Stücke von Paul Simon ("The Dangling Conversation"), den Allman Brothers ("Blue Sky"), Jesse Winchester ("The Brand New Tennessee Waltz") oder Jackson Browne ("Fountain of Sorrow"). Mit ihrer Country-Interpretation des The Band-Songs "The Night They Drove Old Dixie Down" hatte sie einen Top-Ten-Hit. Aber sie schrieb auch eigene Stücke, das berühmteste handelt von Dylan: "Diamonds & Rust" (1975), der Titelsong ihres am meisten gefeierten Albums.

Joan Baez: Ein finaler Blick auf die "kaputte Gegenwart"

Joan Baez' erklärtermaßen letztes Werk "Whistle Down The Wind" erschien 2018. Es war der würdige Abschluss einer großen Karriere, mit tollen atmosphärischen Songs wie dem Titelstück von Tom Waits. Die sang sie mit einer Stimme, die im Lauf der Jahrzehnte eine Oktave tiefer und rauer geworden war - aber dadurch eher noch schöner, voller Autorität und Charisma, wie man auch vor drei Jahren in der Philharmonie erleben konnte.

Das Album sei ein guter Abschluss, meinte sie, es blicke noch einmal mit "melancholischen Songs" aus einer "kaputten Gegenwart zurück". Inzwischen ist die Gegenwart in den USA noch deutlich kaputter, und es wirkt wie ein sarkastischer Gruß des Weltgeistes an Joan Baez, das fast genau an ihrem 80. Geburtstag wieder ein Marsch auf Washington stattfand: Diesmal marschierten niederträchtige Gestalten, Tölpel, Rechtsradikale und Mischformen aus allem. Und sie streamten ihren Sturm auf das Kapitol mit den Smartphones, die Joan Baez' Exfreund über die Welt gebracht hatte. Das zu beobachten muss hart sein, nachdem man sechzig Jahre lang für eine bessere Welt gekämpft und gesungen hat.

Joan Baez: Spätberufene Malerin

Aber es gibt ja auch gute Nachrichten: den Doppelsieg der Demokraten in Georgia. Die Aktivistin Stacey Abrams, die zu diesem Triumph in dem vormals republikanischen Südstaat entscheidend beigetragen hat, hat Baez, die spätberufene Malerin, zuletzt gezeichnet. Man kann das auf Baez' Twitter-Account sehen, wie auch ein Video, das sie nach Joe Bidens Sieg im November aufnahm. Darin tanzte sie minutenlang in einem Supermarkt zu Latinomusik, die sie über ihr Smartphone laufen ließ. Mit der riesigen Maske im Gesicht konnte man sie unmöglich erkennen.

Eine andere Kundin fragte zustimmend: "Ist das wegen Biden?" Und ließ sich von der jung wirkenden, weißhaarigen Frau kurz mitreißen, wohl ohne zu ahnen, dass sie mit einem Weltstar tanzte, mit einer historischen Figur. 

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