Joan Baez wird 85: Kämpferin mit Engelssopran

Joan Baez ist das Gesicht und die Stimme der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Nun wird sie 85 Jahre alt
Dominik Petzold |
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Joan Baez bei einem Festival in der Schweiz 2015.
picture alliance / dpa 3 Joan Baez bei einem Festival in der Schweiz 2015.
Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington.
imago/ZUMA Press 3 Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington.
Bob Dylan und Joan Baez während eines gemeinsamen Konzerts in der Münchner Olympiahalle 1984.
Rolf Hayo/Imago 3 Bob Dylan und Joan Baez während eines gemeinsamen Konzerts in der Münchner Olympiahalle 1984.

Mit glockenheller Stimme sang Joan Baez gegen den Vietnamkrieg an, sie protestierte gegen Rassismus - und jetzt kämpft sie gegen die Regierung von Donald Trump. „Jeden Tag passiert etwas Schlimmeres als am Tag zuvor, ein schreckliches Szenario“, sagte Baez jüngst in einem Interview. „Wir werden von einem Haufen wirklich inkompetenter Milliardäre regiert“, sagte Baez in einem weiteren Interview. Die US-Demokratie gehe „in Flammen auf“. Ihre große Wut auf Trump trieb sie wieder mehr ins Rampenlicht: Baez sang auf Demonstrationen, schrieb ein Gedicht und plant neue Protest-Musik.

Am 9. Januar  vor 85 Jahren wurde sie in New York geboren. Ihr mexikanischer Großvater war dorthin emigriert, von ihm stammt der Name; ihre Mutter war Schottin. Der Vater, ein Physiker, zog aus beruflichen Gründen mit der Familie ständig um, auch nach Rom, Paris, Bagdad. 1958 ließen sie sich schließlich in Massachusetts nieder. Die Eltern waren Quäker und prägten das politische Bewusstsein ihrer drei Töchter. Mit 15 lernte Joan ihren ersten Protestsong auf der Gitarre, einige Jahre später trat sie in einem Folkclub in Cambridge auf.

1959 besuchte sie das Newport Folk Festival, und der befreundete Folksänger Bob Gibson fragte sie, ob sie ein paar Lieder mit ihm singen wolle. Ihr schlotterten die Knie, als sie vor 13.000 Menschen stand, so wie sie noch viele Jahre lang unter extremem Lampenfieber leiden sollte. Doch als sie die Bühne verließ, war sie ein Star. Albert Grossman, der spätere Manager von Bob Dylan, wollte sie bei Columbia Records unterbringen, doch die prinzipienfeste Frau mit dem Engelssopran unterschrieb für viel weniger Geld beim Folklabel Vanguard, das von einem kommunistischen Intellektuellen geführt wurde.

Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington.
Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington. © imago/ZUMA Press

Auf ihrem ersten Album „Joan Baez“ (1960) sang sie traditionelle Folksongs, von sich selbst an der akustischen Gitarre begleitet, hier und da mit Untermalung einer zweiten Gitarre. Diese klare, schöne Musik war sofort ein Riesenerfolg. Baez wurde für einige Jahre zur berühmtesten Stimme des damals höchst populären Folks. Auch auf „Joan Baez, Vol. 2“ und einem folgenden Live-Album sang sie Traditionals. Doch dann suchte sie nach Songs mit aktuellen, politischen Bezügen. Auftritt: Bob Dylan.

Sie war die Queen of Folk 

Den lernte sie 1961 kennen, als sie schon die „Queen of Folk“ war und er noch ein Niemand. Sie nahm ihn unter ihre Fittiche und bat ihn immer wieder auf die Bühne, stellte ihn ihrem großen Publikum vor. Und ihre Stimmen passten auf seltsame Weise gut zusammen: ihr perfekt intonierter Sopran und sein weniger perfekter, aber umso charismatischer, bluesiger Gesang. Sie nahm seine Songs auf, immer und immer wieder, einmal füllte sie sogar ein ganzes Doppelalbum damit. Und sie wurden ein Liebespaar - das war ein wichtiger Aspekt in dem weltweit erfolgreichen Dylan-Biopic „Like A Complete Unknown“, in dem Baez zauberhaft von Monica Barbaro dargestellt wurde.

Mitte der Sechziger ging ihre Beziehung in die Brüche. Sie habe unter ihm gelitten, sagte sie 2018 dem „Spiegel“, aber rückblickend habe sie doch vor allem gute Dinge über ihn zu sagen. Mit Dylan hatte Baez auch einen historischen Moment erlebt, als sie im August 1963 Martin Luther Kings Marsch auf Washington begleiteten und „We Shall Overcome“ sangen.

Bob Dylan und Joan Baez während eines gemeinsamen Konzerts in der Münchner Olympiahalle 1984.
Bob Dylan und Joan Baez während eines gemeinsamen Konzerts in der Münchner Olympiahalle 1984. © Rolf Hayo/Imago

Aber während sich Dylan bald von politischen Liedern verabschiedete, blieb Baez immer engagiert, ja ihr Aktivismus rückte in der öffentlichen Wahrnehmung in den Vordergrund. Sie kämpfte für Bürgerrechtsbewegung und Pazifismus, ging sogar bei den Ostermärschen der deutschen Friedensbewegung mit.

1968 heiratete sie den Aktivisten David Harris, der wie sie gegen den Vietnamkrieg kämpfte. Sie hatte ihn im Gefängnis kennengelernt: Sie saß für kurze Zeit, weil sie Kriegsdienstverweigerung unterstützt hatte, der Aktivist kam sie besuchen. Bald darauf war es umgekehrt: Als sie 1969 beim Woodstock Festival auftrat, berichtete sie den 500.000 Besuchern, wie es ihm im Gefängnis erging.

Da war sie gerade schwanger, mit Harris bekam sie ihr einziges Kind Gabriel. Sie sei als Mutter ebenso ungeeignet gewesen wie als Partnerin, sagte sie rückblickend. Der Sohn habe ihr verziehen, ihre Ehe aber war 1973 gescheitert, wie auch alle späteren Beziehungen, etwa die mit dem 14 Jahre jüngeren Steve Jobs in den Achtzigern. Der Apple-Gründer war ein extremer Bob Dylan-Fan. „Im Grunde wollte er drei Jahre lang über exakt nichts anderes reden als über meinen Ex-Freund“, sagte Baez 2018 dem „Spiegel“.

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Ihre Rolle war die der Künstlerin und Aktivistin. Eine traumatische Erfahrung machte sie 1972 bei einer Friedensmission im nordvietnamesischen Hanoi: Immer wieder warfen amerikanische Flugzeuge Bomben über dem Hotel ab, in dem sie untergebracht war, immer wieder musste sie in den Bunker. Da habe sie sich erstmals mit ihrer Sterblichkeit auseinandergesetzt. Aber auch danach kämpfte sie unverdrossen für eine bessere Welt, engagierte sich für Amnesty International, ging kurz nach dem Bürgerkrieg mit einer kugelsicheren Weste durch Sarajevo und sang auf den Straßen, setzte sich gegen den Irakkrieg ein.

Ihr bester Song handelte von Dylan 

Daneben verfolgte sie ihre Musikkarriere, und stilistisch ging sie dieselben Schritte wie viele andere Folkkünstler: Nachdem die Beatles 1964 in die USA einfielen und über Nacht alles veränderten, begann Baez mit Begleitmusikern zu spielen. Ende der Sechziger wandte sie sich dem Countryrock zu und nahm in Nashville schöne Platten auf, in den Siebzigern entwickelte sich ihr Sound in Richtung Softrock.

Sie war immer in erster Linie Interpretin, coverte Stücke von Paul Simon („The Dangling Conversation“), den Allman Brothers („Blue Sky“), Jesse Winchester („The Brand New Tennessee Waltz“) oder Jackson Browne („Fountain of Sorrow“). Mit ihrer Country-Interpretation des The Band-Songs „The Night They Drove Old Dixie Down“ hatte sie einen Top-Ten-Hit. Sie schrieb auch eigene Stücke, das berühmteste handelt von Dylan: „Diamonds & Rust“ (1975), der Titelsong ihres am meisten gefeierten Albums.

Immer weiter brachte Baez neue Alben heraus. Ihr letztes Werk „Whistle Down The Wind“ erschien 2018, mit tollen atmosphärischen Songs wie dem Titelstück von Tom Waits. Die sang sie mit einer Stimme, die im Lauf der Jahrzehnte eine Oktave tiefer und rauer geworden war - aber dadurch eher noch schöner, voller Autorität und Charisma.

Das hat man auch bei ihren wunderschönen letzten Münchner Konzerten erleben können: 2018 und 2019 in der Philharmonie. Da spendete das Publikum Standing Ovations, immer wieder und immer frenetischer.

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