1966: Das größte Jahr des Rock

Vor 60 Jahren erreichte die damals junge Kunstform einen Zenit: mit Meisterwerken von den Beatles, den Beach Boys und Bob Dylan
Dominik Petzold
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Für manche das beste Doppelalbum der Pop-und Rockgeschichte liefert Bob Dylan 1966 mit „Blonde on Blonde“ (oben rechts).
Für manche das beste Doppelalbum der Pop-und Rockgeschichte liefert Bob Dylan 1966 mit „Blonde on Blonde“ (oben rechts). © picture alliance/dpa

In der Sechziger-Jahre-Serie „Mad Men“ gibt es eine kurze Szene, die alles auf den Punkt bringt: Da legt die Hauptfigur Don Draper die Nadel auf eine Beatles-LP, die jemand auf seinem Plattenspieler liegengelassen hat. Er hört wenige Sekunden lang „Tomorrow Never Knows“, dann macht er das Gerät hektisch wieder aus. In seinem Gesicht liest man Fassungslosigkeit, Ungläubigkeit, Erschrecken.

So muss es im Jahr 1966 vielen gegangen sein, die diese Avantgarde-Musik hörten: mit dem hypnotischen Beat und dem Sound der Tonband-Loops, der an den Klang schreiender Möwen erinnert. Und auf „Revolver“ war noch viel mehr buchstäblich unerhörte Musik: das Kunstlied „Eleanor Rigby“, das ausschließlich von Streichern begleitet wurde, das psychedelische Meisterwerk „She Said She Said“ mit seinen unauffälligen Rhythmus- und Taktwechseln, der Raga-Rock „Love You To“, der den Sound Indiens in den Pop brachte: Wo nur kam diese Musik her, nicht mal vier Jahre nach „Love Me Do“?

Im Jahr 1966 erschien noch mehr Musik, die alles auf den Kopf stellte, was man vorher als Pop kannte. Und am bahnbrechendsten waren nicht Newcomer, die mit einem eigenen Sound auf der Bildfläche erschienen, sondern die etablierten Superstars wie die Beatles: Die scherten sich nicht um Besitzstandswahrung und Publikumserwartungen, sondern folgten traumwandlerisch ihren künstlerischen Impulsen.

Eine der stilprägendsten Debütsingles erschien ebenfalls 1966 von The Velvet Underground and Nico.
Eine der stilprägendsten Debütsingles erschien ebenfalls 1966 von The Velvet Underground and Nico.

Bob Dylan ging nach Nashville

So wie Brian Wilson: Zwar war dessen Genie nach Songs wie „In My Room“ kein Geheimnis mehr, aber die Partituren, die er für das Beach Boys-Album „Pet Sounds“ schrieb, waren von einem harmonischen Reichtum und einer Komplexität, die in der Post-Elvis-Popmusik noch nicht vorgekommen waren. Und vor allem waren sie umwerfend schön.

Einen anderen, ebenfalls kühnen Weg schlug Bob Dylan 1966 ein: Er nahm in Nashville auf, im Zentrum der konservativen Country Music, dem Gegenstück zum subversiven Rock der Jugend. Dylan war das einerlei, er wusste, dass in Nashville die besten Musiker arbeiteten. Mit ihnen erreichte er auf dem ersten Doppelalbum „Blonde On Blonde“ einen fantastischen Klang, der er selbst „quecksilbrig“ nannte: Schöner als auf „Just Like A Woman“ oder „I Want You“ konnte sein Sound nicht mehr werden, und als Lyriker und Songwriter war er mit „Visions Of Johanna“ oder „Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again“ auf einem Zenit seiner Kraft.

Das berühmte von Klaus Voormann gestaltete Cover des Beatles-Albums „Revolver“.
Das berühmte von Klaus Voormann gestaltete Cover des Beatles-Albums „Revolver“.

„Revolver“, „Pet Sounds“, „Blonde On Blonde“: Mit diesen drei Werken war die moderne Popmusik im Jahr 1966 musikalisch wie textlich auf einem Gipfel angekommen. Die Kunstform entwickelte sich weiter, veränderte und verästelte sich, und möglicherweise entstanden in den folgenden und späteren Jahren mehr große Platten als 1966. Aber bessere?

Selbst die folgenden, ebenfalls bahnbrechenden Alben der Beatles, angefangen bei „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, waren nur auf andere Weise grandios als „Revolver“. Das Gleiche gilt für die späteren Meisterwerke von Bob Dylan.

Der Sound, den Brian Wilson auf dem Beach Boys-Album „Pet Sounds“ schuf, beeindruckte auch die Beatles.
Der Sound, den Brian Wilson auf dem Beach Boys-Album „Pet Sounds“ schuf, beeindruckte auch die Beatles.

Einen größeren kreativen Sprung als 1966 machte die Kunstform nicht mehr, und natürlich passierte noch so viel mehr in diesem Jahr: Paul Simon erwies mit dem Simon & Garfunkel-Album „Parsley, Sage, Rosemary and Thyme“ unwiderlegbar sein Genie. Die Rolling Stones kamen ihrem Zenit mit „Aftermath“ einen großen Schritt näher. Auf den Labeln Motown und Stax erschienen unzählige der besten Soulsongs aller Zeiten, von Otis Reddings „Try A Little Tenderness“, „Reach Out, I’ll Be There“ der Four Tops, „You Keep Me Hangin’ On“ der Supremes oder „What Becomes Of The Brokenhearted“ von Jimmy Ruffin.

Wie Hendrix Claptons Leben veränderte

In New York brachten Andy Warhols Protegés The Velvet Underground zwei Singles heraus, deren düsterer Drone-Sound bis heute stilprägend ist: „All Tomorrow’s Parties“ und „Sunday Morning“ mit den B-Seiten „I’ll Be Your Mirror“ und „Femme Fatale“. Die Rockszene von L.A. blühte weiter auf: Die Byrds veröffentlichten „Eight Miles High“, Buffalo Springfield „For What It’s Worth“, Produzent Phil Spector nahm „River Deep, Mountain High“ mit Ike und der jungen Tina Turner auf. Deren früherer Begleitgitarrist schlug derweil in der Londoner Szene auf: Jimi Hendrix. Dort wurde er von Cream auf die Bühne gebeten, die 1966 ihr Debüt feierten - und der von Grund auf erschütterte Eric Clapton resümierte später, sein Leben sei danach nie wieder das gleiche gewesen.

Man könnte noch viele weitere berühmte Künstler und Bands aufführen oder auch die halbvergessenen wie The Association oder The Left Banke, die mit der Single „Walk Away Renée“ 1966 das Höchstmaß an trauriger Schönheit erreichten. Dann könnten die Nachgeborenen hadern, dieses Jahr verpasst zu haben, in dem all diese magische Popmusik entstand. Oder sich darauf freuen, sie im Jubiläumsjahr 2026 anzuhören.

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