Igor Levit: Frischer Atem für die Königin

Igor Levit hat ein Doppelalbum mit Orgelwerken von Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms in Bearbeitungen für Klavier aufgenommen.
| Dr. Michael Bastian Weiß
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Igor Levit war kürzlich unverschuldet in den Schlagzeilen - wegen eines höchst irritierenden SZ-Artikels, der Wellen schlug. Darin wurde auch seine Klavierkunst in Abrede gestellt. Unser Rezensent ist da ganz anderer Meinung.
Igor Levit war kürzlich unverschuldet in den Schlagzeilen - wegen eines höchst irritierenden SZ-Artikels, der Wellen schlug. Darin wurde auch seine Klavierkunst in Abrede gestellt. Unser Rezensent ist da ganz anderer Meinung. © Sony Classical

München - Ist es nicht rätselhaft, dass Pianisten im Gegensatz zu früheren Epochen heutzutage nicht mehr Orgel spielen? Warum ist das eigentlich so? Weil sie fürchten, sich durch die robuste Mechanik der Orgeltastatur ihre Anschlagskultur zu verderben. Das ist verständlich, aber auch schade, da viele Komponisten zentrale Werke für das Kircheninstrument oder besser: die Königin der Instrumente geschrieben haben. Auftritt Feruccio Busoni. Er hat in geschickten Bearbeitungen Orgelwerke für das Klavier urbar gemacht.

Igor Levit: Intimes, zwischentonreiches Spiel 

Zwei größere Zyklen solcher Arrangements aus Busonis Feder spielt Igor Levit auf diesem Album: Choralbearbeitungen von Johann Sebastian Bach, von denen Busoni um die Jahrhundertwende zehn auswählte und in einer Sammlung zusammenfasste, sowie das letzte Werk von Johannes Brahms, die Choralvorspiele op. 122.

Levit haucht der originalen Orgelmusik, die ja mit starren, unendlich aushaltbaren Tönen arbeitet, durch intimeres, zwischentonreiches Spiel Atem ein. Besonders die wundersamen, leider kaum einmal zu hörenden Stücke des sehr späten Johannes Brahms werden somit unmittelbarer zugänglich präsentiert, als es die immer etwas distanzierte Orgel vermag.

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Igor Levit: Überwältigend monumental klingender Flügel

Gleichzeitig, und das ist das Besondere dieses Albums "Encounter", bieten sich Levit Möglichkeiten, die über diejenigen seines Instruments hinausweisen. Der englische Titel bedeutet "Begegnung", das Zusammentreffen also eines Pianisten mit Orgelmusik. Tatsächlich schafft es Levit ohne hörbare Anstrengung, den Flügel überwältigend monumental klingen zu lassen, so, als ob mindestens noch zwei Füße beteiligt wären.

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Noch mehr beeindruckt seine Kunst, auch in den Choralbearbeitungen Bachs wie dem berühmten "Wachet auf" verschiedene Ebenen - Melodie, Begleitfiguren und Pedal - plastisch auseinanderzuhalten, nur durch die Unabhängigkeit seiner Finger.

Igor Levit zeigt die Möglichkeiten des Klaviers auf

Dabei trifft er auch den Ausdrucksgehalt dieser Werke, etwa die Balance zwischen tiefster Verzweiflung und Schlichtheit von "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ", genau. Oder er kann sich mit meditativer Ruhe in die erstaunlichen Wendungen von "Durch Adams Fall ist ganz verderbt" versenken. Dessen überirdisches Zeitlupentempo stellt eine Beziehung zur zweiten CD des Albums her, auf dem etwa die geduldige Stille-Studie "Palais de Mari" von Morton Feldman zum Verweilen einlädt.

Dieses Album ist nicht nur für Igor Levit eine merklich willkommene Abwechslung zu Ludwig van Beethoven, dessen Sonatenwerk er aufregend spielt wie derzeit sonst kaum jemand, sondern auch für den Hörer, der neugierig ist auf selten gehobene Möglichkeiten des Klaviers.


Igor Levit: "Encounter" (Sony), mit Johann Sebastian Bach/Busoni: Choralvorspiele; Johannes Brahms/Busoni: Choralvorspiele op. 122 (Auswahl); Brahms/Reger: Vier ernste Gesänge; Morton Feldman: Palais de Mari

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