Interview

Hansjörg Albrecht und der Bach-Chor: Tausendundeine Kombination

Hansjörg Albrecht über das erste Konzert des Bach-Chors seit der großen Pandemie-Pause und seine Aufnahmen von Anton Bruckners Symphonien auf verschiedenen Orgeln.
| Michael Bastian Weiß
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Geboren 1972 in Freiberg (Sachsen). Von 2000 bis 2005 arbeitete Hansjörg Albrecht als Assistent, Organist und Cembalist eng mit dem Sänger und Dirigenten Peter Schreiner zusammen. 2005 wurde er künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chors.
Geboren 1972 in Freiberg (Sachsen). Von 2000 bis 2005 arbeitete Hansjörg Albrecht als Assistent, Organist und Cembalist eng mit dem Sänger und Dirigenten Peter Schreiner zusammen. 2005 wurde er künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chors. © Toni Scholz

München - Am Samstag wird sich der Münchener Bach-Chor zusammen mit seinem Orchester aus der pandemiebedingten Zwangspause zurückmelden. Zweimal wird im Herkulessaal ein Programm mit dem Requiem von Gabriel Fauré sowie kürzeren Werken von Henry Purcell, Johann Sebastian Bach und Knut Nystedt in reduzierten Besetzungen gegeben. Künstlerischer Leiter Hansjörg Albrecht spricht im AZ-Interview über den Neubeginn.

Bach-Chor als "Hochleistungsorganismus"

AZ: Herr Albrecht, der Münchener Bach-Chor ist lange nicht aufgetreten. Wie gestalten sich die Vorbereitungen zum Neubeginn?
HANSJÖRG ALBRECHT: Für uns ist unglaublich wichtig, die Chormitglieder zusammenzuhalten. Wir haben Monate lang nicht miteinander gearbeitet. Ein Chor ist aber ein Hochleistungsorganismus, der ständig geschult werden muss. Neben dem Phänomen, dass die Stimmen nicht einrosten dürfen, läuft das gemeinsame Musikmachen über das Gehör, das gegenseitige Zuhören, in das sich alle erst wieder einfinden mussten.

Haben Sie zwischendurch Online-Proben gemacht?
Nein, weil ich aus Erfahrung weiß, dass das höchstens fürs Socializing gut ist, aber für die musikalische Qualität nichts bringt. Seit Juni können wir in der Münchner Messe wieder proben. Es kommen immer um die 50 Sänger. Unser Pool umfasst zwar knapp über hundert, aber manche Mitglieder, die etwa betagte Eltern haben, sorgen sich, sich möglicherweise anzustecken. Dass aber so viele kommen, ist ein positives Zeichen, auch wenn es deprimierend ist, dass wir gegenwärtig noch nicht sagen können, ob wir dieses Jahr das Weihnachtsoratorium von Bach aufführen können. Das wäre ein denkbar schlechtes Zeichen für die Münchner Bach-Pflege, für die die beiden Münchener Bach-Ensembles ja seit den 1950er Jahren stehen.

Corona-Maßnahme: Weniger Choristen und kleines Ensemble

Was sehen die Hygienekonzepte für die Proben und die Konzerte vor?
Die Sänger gehen mit Maske zum Platz, nehmen sie erst dort ab und halten sowohl bei den Proben in der Messestadt München-West als auch im Konzert im Herkulessaal vier Quadratmeter Abstand: zwei Meter nach vorne, nach hinten und zu jeder Seite. Dazu sind alle Sänger vorher mit ihren Kontaktdaten angemeldet, keiner kann etwa nachträglich erscheinen. Auf der Bühne werden sich jetzt nur 48 Choristen, ein kleines Ensemble von fünf Streichern plus Orgel und die beiden Gesangs-Solisten befinden.

Wie sieht es beim Bach-Chor derzeit finanziell aus?
Glücklicherweise werden wir von Stadt und Land gefördert, und ganz wesentlich ist auch die Unterstützung durch unseren Freundeskreis und die Konzertgesellschaft München.

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2020 bislang noch kein Auftritt

Es sind durch die abgesagten Konzerte eine Menge Einnahmen weggebrochen.
Ja, mit dem Bach-Orchester sind wir dieses Jahr noch kein einziges Mal aufgetreten. Das schmerzt! 2019 hatte der Chor 34 Konzerte im In- und Ausland, das Orchester 25.

Es ist aber wahnsinnig wichtig, dass kulturell etwas stattfindet.
Ja, das ist so essenziell wie Essen und Trinken. Das Konzert jetzt ist aufgrund der begrenzten Zuschauerzahl in keiner Weise wirtschaftlich, und die Durchführung ist nur dank unserer Sponsoren möglich. Ich frage mich schon, ob es nicht doch möglich wäre, mit einem starken Anteil Eigenverantwortung noch mehr Publikum in die Konzertsäle hineinzulassen.

Ich sehe kritisch, wie die Musikkultur, die in Hunderten von Jahren aufgebaut wurde, erstirbt. Also wollen wir den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern kreativ sein und proaktiv werden. Für dieses Konzert mit dem Requiem von Gabriel Fauré habe ich mir die Finger wund geschrieben, um die Stücke an die kleine Besetzung mit fünf Streichern und großer Saalorgel so anzupassen, dass das trotzdem annähernd wie ein Orchester klingt.

Albrecht: "viele Orgelkompositionen zweite Wahl"

Auch als Organist sind Sie sehr aktiv. Warum spielen Sie eigentlich so viele Bearbeitungen von großen Orchesterwerken, wenn es doch soviel Originalliteratur für die Orgel gibt?
Als ich nach München kam, trat Dieter Oehms mit seinem CD-Label auf mich zu und fragte, ob ich nicht ein außergewöhnliches Orgel-Programm machen wollte. Ich hatte mich Jahre vorher schon gefragt, warum Komponisten wie Richard Wagner, Sergej Rachmaninow oder Richard Strauss nichts für die Orgel geschrieben haben, weil die Harmonik dieser Komponisten so unglaublich ist.

Französische Komponisten haben aber sogar Symphonien für Orgel komponiert.
Wahrscheinlich werden jetzt einige den Kopf schütteln, aber ich halte vieles, was es an Orgelkompositionen zwischen Bach und Messiaen gibt, etwa von Louis Vierne oder Charles-Marie Widor, für zweite oder dritte Wahl. Diese Werke sind interessant, wenn sie an den französischen Originalinstrumenten gespielt werden, aber wenn Sie etwa Kammermusik oder Orchesterwerke dieser Komponisten hören, merken Sie doch relativ schnell den qualitativen Unterschied.

Umgekehrt wirken etwa bei Bach viele der sogenannten "kirchlichen" weltlichen Orgelwerke wie Transkriptionen von Orchesterideen. Aus diesem Gedanken habe ich die CD-Reihe "Kunst der Orgeltranskription" entwickelt, die für mich eine Kunst der Orgelinstrumentation ist. Ich verwende für Aufnahmen 1000 Klangkombinationen, um möglichst nahe an den Klang eines Orchesters heranzukommen.

Jahrelanges Projekt in der Mache

Wie kam es zum Projekt mit Aufnahmen von Werken Bruckners, der ja dezidiert kaum Orgelmusik hinterlassen hat?
Bruckner war ja seinerzeit der einzige deutschsprachige Organist, der nach Frankreich und England eingeladen wurde, und dort viel über Themen von Wagner improvisiert hat - man sagt sogar, dass ihm dort die Themen seiner Symphonien eingefallen seien. Der Ausgangspunkt für dieses Projekt war wieder eine Anfrage des Labels. Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und einmal eruiert, was es auf dem Markt an Bearbeitungen gibt. Daraus hat sich ein Projekt entwickelt, das sich über Jahre erstrecken wird. Christian Thielemann, der übrigens ursprünglich einmal Organist werden wollte, hat mittlerweile die Schirmherrschaft zugesagt, was mich unendlich freut.

Haben Sie die Symphonien selbst für Orgel bearbeitet?
Es war ein extremer Aufwand, das Notenmaterial zu beschaffen. Von allein fünf Symphonien mussten erst Transkriptionen erstellt werden, was der Würzburger Organist und Bruckner-Spezialist Erwin Horn übernommen hat. Für die Interpretation gehe ich die Bearbeitungen noch einmal Takt für Takt mit den Partituren durch, damit es möglichst nah an das Originalwerk herankommt und nicht bei einem Orgelwerk stehenbleibt.

Bruckner-Orgelfest im Jubiläumsjahr

Bruckner selbst hat ja etwa in der Royal Albert Hall in London gespielt. Warum nehmen Sie Bruckner dann in Kirchen auf und nicht in Konzertsälen?
Es wird beide Arten von Orten geben. Zum Teil werden Originalorte berücksichtigt, die Symphonie d-Moll, die sogenannte "Nullte", habe ich in St. Florian eingespielt, weil Bruckner dort als Organist gewirkt hat. Die nächste CD kommt aus dem Brucknerhaus-Haus Linz, weitere Aufnahmen sollen in Konzertsälen und Kirchen in München, Luzern, London, Paris und Wien aufgenommen werden.

Und das Projekt hat noch viel Potenzial: Ich habe vor, im Bruckner-Jubiläumsjahr 2024 ein großes Bruckner-Orgelfest zu initiieren, mit Zyklen in Deutschland und Österreich, überall dort, wo Bruckner war. Dazu kam noch die Idee, aus der Sicht des 21. Jahrhunderts auf Bruckner zu blicken. Inzwischen steuern zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten Stücke über Bruckner bei: "Bruckner-Fenster" genannt. So ist die Zeit der Pandemie gut gefüllt…


Konzert an diesem Samstag, 17 Uhr und 20 Uhr, Herkulessaal, ausverkauft. Die Orgel-CDs von Hansjörg Albrecht erscheinen bei Oehms Classics.

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