"Idomeneo" im Prinzregententheater: Der Held im Bühnenhimmel

Opernfestspiele: Phyllida Barlow, Constantinos Carydis und Antú Romero Nunes bringen im Münchner Prinzregententheater Mozarts "Idomeneo" neu heraus.
| Michael Bastian Weiß
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Die Bühne der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow für die Neuinszenierung Mozarts "Idomeneo" im Prinzregententheater.
Die Bühne der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow für die Neuinszenierung Mozarts "Idomeneo" im Prinzregententheater. © Wilfried Hösl

München - Rötlich schimmernd, klobig, an der Oberfläche zerklüftet, schwebt das Trumm über der Bühne des Prinzregententheaters wie ein Findling aus einer anderen Dimension. Oder ein monströses Stück verwesendes Fleisch. Dass man das nicht genau entscheiden kann, dürfte im Sinne der Künstlerin sein.

Bildhauerin Barlow schafft einmalige Objektwelt

Geschaffen wurde das tolle Ding, das gleich zu Beginn diese Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts "Idomeneo" dominiert, von der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow. Sie ist dafür bekannt, mit Material zu arbeiten, das nicht vor dem Verfall geschützt ist: Die meisten früheren Werke Barlows, Jahrgang 1944, sind nicht erhalten. Die Staatsoper sollte konservatorisch sorgsam mit diesem einmaligen Bühnenbild umgehen.

Hanna-Elisabeth Müller als Elettra.
Hanna-Elisabeth Müller als Elettra. © Wilfried Hösl

Selbst, wenn die hervorragenden Sänger auftreten, lässt einen diese Objektwelt nicht los. Der Findling wird auf ein katapultartiges Gerüst gehievt. Im Hintergrund ragt eine Mischung aus Marterpfahl und Fabrikschlot empor, an dem einer emporklettert und surreal wieder herabschwebt. Im dritten Akt treffen sich Ilia und Idamante in zwei phantastischen, aufeinander zugeschobenen Hochsitzen, Elettra tigert auf einer beweglichen Brücke herum, die an einen verrottenden Steg erinnert.

Spätestens wenn neun Tänzerinnen und Tänzer in den unbekümmert bunten Kostümen von Victoria Behr zur Choreographie von Dustin Klein das Ballett nachholen, wird klar, dass man sich auf einem Spielplatz befindet: aber einem apokalyptischen, auf dem Nebel wabern und unheimliche Stimmen aus dem Off ertönen.

Wenn das Publikum kollektiv den Atem anhält

Diese Produktion ist, mehr als viele andere, ein Gesamtkunstwerk. Schwer, den genauen Anteil herauszudestillieren, die der Inszenierung von Antú Romero Nunes zukommt. Zumindest die Personenregie kann aber mit der Ebene der Bildenden Kunst nicht ganz mithalten.

Matthew Polenzani als Idomeneo.
Matthew Polenzani als Idomeneo. © Wilfried Hösl

Martin Mitterrutzner verausgabt sich als Arbace, sogar ein wenig auf Kosten der tenoralen Ausgeglichenheit. Olga Kulchynska ist eine Ilia mit frischem Sopran, der eine wunderbar besänftigende Ruhe ausstrahlt. Emily D'Angelo attackiert als Idamante mit ihrem Sturm-und-Drang-Mezzo so metallisch kraftvoll, dass sie vom ersten Ton an geradezu magnetisch die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Sinnarmes Herumlaufen und manche Bewegungen aus dem Fundus jedoch deuten darauf hin, dass sie alle darstellerisch nicht allzu viele Anweisungen erhalten haben. Zugegeben: Der Zuschauerraum hält kollektiv den Atem an, wenn sich Hanna-Elisabeth Müller als Elettra mit offenkundig toxischem schwarzen Schleim übergießt. Doch dieses finale Überschnappen hat sie primär sopranistisch vorbereitet - ohne wohlgemerkt je ihr betörend cremiges Hauchen zu verfremden.

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Bayerisches Staatsorchester lässt Motive zuckend explodieren

Am Premierenabend wird jeder inszenatorische Leerlauf auch deshalb sichtbar, weil Constantinos Carydis im Graben eine Sogkraft entfacht, wie sie diese Oper des 25-jährigen Komponisten wohl selbst an ihrem Uraufführungsort München nie mitreißender durchzogen hat. Das Bayerische Staatsorchester, angereichert mit Orgel, Erzlaute und Gitarre, sitzt auf vorderster Stuhlkante, lässt Motive zuckend explodieren und schließt Rezitative und Arien unter dem ständigen Anfeuern durch Carydis so lückenlos aneinander an, dass die Akte quasi wie durchkomponiert wirken.

Nur vereinzelt merkt man, dass den Sängern nachgiebigere Tempi recht wären - Matthew Polenzani in der Titelrolle ausgenommen. Der Tenor bietet als Idomeneo nicht nur das volle Spektrum von heldischem Strahlen über anheimelnde Pianissimi, sondern scheint den ohnehin schon flotten Carydis mit seinen superben Koloraturen fast noch herauszufordern.

Da ist es tragisch, dass Polenzani seine letzte Arie nicht mehr vollenden darf: Das Streichquintett, das ihn eben noch auf der Bühne begleitet hat, verlässt Idomeneo nach seinem Abdanken, er bleibt allein und unbeachtet auf der Bühne zurück und baut sein ehemaliges Reich als Modell nach. Schön, die phantastischen Objekte von Phyllida Barlow noch einmal zu sehen - und sei es nur en miniature.


Weitere Aufführungen am 22., 24. und 26. Juli um 18 Uhr im Prinzregententheater, Restkarten: (089) 21 85 19 20 und unter www.staatstheater-tickets.bayern.de. Am Samstag, 24. Juli (18 Uhr) Übertragung auf www.staatsoper.tv, danach als kostenpflichtiges Video abrufbar.

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