"Shadow Kingdom": Bob Dylans digitales Millionen-Baby

Da zählt jede Minute: Noch bis Mittwoch um 8.59 Uhr ist Dylans irritierende Broadcast Performance "Shadow Kingdom" zu sehen – für happige 25 Euro.
| Dominik Petzold
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Bob Dylan bei seiner 50-Minuten-Performance.
Bob Dylan bei seiner 50-Minuten-Performance. © Screenshot Petzold

Bei Bob Dylan ist stets das Unerwartete zu erwarten, das ist der Welt seit bald sechzig Jahren bekannt. Diesmal aber hat er den Bogen sehr weit gespannt.

Denn diesmal geht es nicht um eine verblüffende künstlerische Neuausrichtung oder um ein wochenlang ignoriertes Nobelpreiskomitee – sondern um das Geld seiner Fans. Seit Sonntagnacht hiesiger Zeit bis zum morgigen Mittwoch ist online "Shadow Kingdom" zu sehen, das auf Dylans Kanälen als "Exclusive Broadcast Performance" beworben wurde.

Medien weltweit kündigten daraufhin ein Streaming-Konzert an – ohne dass das aus Dylans Lager korrigiert worden wäre. Zudem läuft die Show auf dem Online-Portal "Veeps", laut Selbstbezeichnung "The home for live music".

Dann gab es doch kein Live-Konzert

Fans freuten sich also darauf, den ansonsten stetig tourenden Musiker zumindest auf ihren Bildschirmen im Konzert zu erleben, und debattierten, ob der Auftritt wohl im Vorfeld aufgezeichnet oder tatsächlich live gespielt werde.

Die Antwort lautet: weder das eine, noch das andere. "Shadow Kingdom" ist kein Konzert, sondern ein 50-minütiges Musikvideo. Das lässt sich zwar mit der Ankündigung einer "Exclusive Broadcast Performance" in Einklang bringen. Und doch ist es grenzwertig.

Die Fans mussten den angekündigten stolzen Preis von 25 Dollar zahlen und beim Bezahlvorgang kamen dann noch mal ominöse Gebühren in Höhe von 3,75 Dollar dazu.

Ein zweitägiger Zugang zu einem Musikvideo

Umgerechnet lag der Preis also bei über 25 Euro: Und dafür erhielten die Zuschauer, von denen sich sicher die meisten pünktlich zu Beginn zuschalteten und somit die Katze im Sack kauften, eben nicht das einmalige Online-Konzert-Event, das alle erwarteten, sondern einen gerade mal zweitägigen Zugang zu einem Musikfilm.

Und das hätte von vornherein klar sein müssen. Zumal es zu bedenken gilt, dass Dylan auch fanatische Anhänger in ärmeren Weltregionen hat, wo 25 Euro mehr wert sind als hierzulande oder in den Vereinigten Staaten.

Mutmaßlicher Millionen-Gewinn

Aus der umgekehrten Perspektive gilt: Da die Kosten für Produktion und Online-Distribution überschaubar sein dürften, verdient Bob Dylan mit "Shadow Kingdom" mutmaßlich viele Millionen.

In den Sozialen Netzwerken finden sich nicht nur begeisterte Fan-Stimmen, sondern auch solche, die von Abzocke sprechen.

Der Name dieses "Shadow Kingdom" bezieht sich wohl auf die Ausleuchtung des Films: Die israelisch-US-amerikanische Musikvideo- und Filmregisseurin Alma Har'el und Kameramann Lol Crawley tauchen die Kaschemme, in der Dylan mit vierköpfiger Band musiziert, in ein Film noir-artiges Schwarz-weiß.

Die Wände sind holzvertäfelt und mit Lametta behängt, davor hängen dichte Rauchschwaden der rund ein Dutzend erst sitzenden, gegen Ende tanzenden Zuschauer.

Optisch ist "Shadow Kingdom" großartig

Optisch ist das großartig, vor allem bei "I'll Be Your Baby Tonight", als Dylan in halbnaher Einstellung direkt in die Kamera singt: Neben ihm blicken zwei junge Frauen den Zuschauer keck-herausfordernd an; eine der beiden wischt wie nebenbei Dylan etwas Staub von der Schulter.

Auch dessen neue junge Band macht optisch etwas her: Die schwarzen Masken, die die Frau und drei Männer - anders als die Zuschauer - tragen, sind auch als modische Accessoires von Nutzen.

Es gibt Ungereimtheiten 

Doch schnell stellt sich Irritation ein: In den ersten Sekunden des schönen Openers "When I Paint My Masterpiece" wundert man sich noch, woher eigentlich die Harmonika erklingt, die vor Bob Dylans Mund eben nicht zu sehen ist.

Blickt man dann der Kontrabassistin, den beiden Gitarristen und dem Akkordeonisten auf die Finger, wird klar: Die Musik wurde unabhängig vom Filmdreh aufgezeichnet, die Finger bewegen sich durchgängig total asynchron zur Tonspur: Diesen verfremdenden Playback-Effekt kann man kunstvoll finden oder auch nervig.

Dylan scheint seinen Gesang dagegen beim Dreh aufgenommen, an manchen Stellen aber ausgebessert zu haben: Ein großes Mikro verdeckt meist seine Lippen, doch soweit man deren Bewegungen erkennen kann, scheinen sie meist zur Tonspur zu passen – aber eben nicht immer, und auch das wirkt seltsam.

Alte Lieder neu interpretiert

Und die Musik? Dylan interpretiert laut Untertitel seine "Early Songs" neu, doch diese Periodisierung ist sehr weit gefasst: Schon das eröffnende "When I Paint My Masterpiece" von 1971 steht, je nach dylanologischer Lesart, bereits für die vierte bis sechste Phase seines Schaffens, später spielt er sogar "What Was It You Wanted" von 1989.

In der Besetzung ohne Schlagzeug klingen die Songs sperrig und schön – mal überwiegt das eine Attribut, mal das andere. Dylan singt prima, seine junge Band reicht aber an seine übliche Live-Band bei weitem nicht heran – im Tonstudio war übrigens neben der Bassistin Janie Cowen aus dem Film noch der zusätzliche Bassist Shahzad Ismaily dabei.

Neues kann man dem kantigen "Most Likely You Go Your Way And I'll Go Mine" abgewinnen, sehr schön ist die Ballade "Forever Young", treibend-rockig "I'll Be Your Baby Tonight", verschmitzt "The Wicked Messenger".

Irritierend, aber reizvoll

Das weitgehend rezitierte "Tombstone Blues" ist dagegen lahm und mehr Gedicht als Blues, und das abschließende, zurückhaltende "It's All Over Now Baby Blue" treibt einem auch nicht die Abschiedstränen in die Augen.

Insgesamt ist "Shadow Kingdom" irritierend, aber auch nicht ohne Reiz. Vielleicht erschließt sich seine Kunsthaftigkeit ja bei wiederholtem Sehen noch mehr.

Doch das ist leider kaum möglich, denn der Besucher bekommt den Film für 25 Euro ja eben nicht zum Download – am Mittwochmorgen verschwindet der Stream wieder im digitalen Schattenreich.


Bis Mittwoch, 21. Juli 2021, 8.59 Uhr MEZ, unter bobdylan.veeps.com

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