Gergiev, das Interims-Quartier und die Auslastung

Was die Münchner Philharmoniker in der kommenden Saison mit Valery Gergiev planen
| Robert Braunmüller
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So könnte die provisorische Philharmonie am Heizkraftwerk Süd aussehen. Eine genaue Planung gibt es noch nicht.
gmp International So könnte die provisorische Philharmonie am Heizkraftwerk Süd aussehen. Eine genaue Planung gibt es noch nicht.

Der Chefdirigent denkt global. Vom Intendanten Paul Müller gebeten, etwas zur kommenden Saison zu sagen, redet Valery Gergiev gleich über kommende Gastspiele in der New Yorker Carnegie Hall und in Asien. Vor allem China und die zahlreichen dort neu eröffneten Säle haben es ihm angetan.

Da denkt der misstrauisch gestimmte Beobachter durchaus an Gergievs Münchner Konzerte, die öfter an Generalproben für den nächsten Abend im Gasteig oder anderswo erinnern. Der weite Blick hebt sich aber auch erfreulich von der kleinkarierten Perspektive mancher Lokalpolitiker ab, die nicht sehen, dass der Umbau des Gasteig die Chance für ein gesteigertes Publikumsinteresse birgt. Und weil Gergiev bei seinem 360-Grad-Festival auch schon im Carl-Orff-Saal dirigiert hat, weiß er um die Notwendigkeit, auch diesen Raum umzubauen – zu einer multifunktionalen Bühne.

Die Interims-Philharmonie lockt

So wirken Gergiev, Paul Müller und der Orchestervorstand Matthias Ambrosius erleichtert über die Mehrheit aus CSU, Grünen und Linken für die Generalsanierung des Gasteig und gegen das von der SPD favorisierte Sparversion, bei der sich nicht viel ändern würde. Sie rechnen damit, dass das Orchester im Oktober 2021 in das Sendlinger Interimsquartier an der Hans-Preissinger-Straße umziehen kann. Hier soll – neben Räumen für die Volks- und Musikhochschule sowie die Stadtbibliothek – eine Interims-Philharmonie in Schuhschachtelform mit 1800 Plätzen entstehen. Wie der Raum genau aussehen wird, steht noch nicht fest, die kursierenden Bilder sind vorläufige Simulationen.

Wagner - und  jetzt auch Vieles für Kinder

In dieser Interimsspielstätte möchte Gergiev die Aktivitäten für Kinder und Jugendliche verstärken. Er denkt dabei an halbszenische Aufführungen von Bühnenwerken, ähnlich der Aufführung von Strawinskys „Petruschka“ mit dem Mariinsky-Ballett St. Petersburg im Gasteig beim vergangenen 360-Grad-Festival. In der kommenden Saison wird es eine ähnliche Version mit Maurice Ravels Ballett „Daphnis und Chloe“ geben, an der auch der Philharmonische Chor beteiligt wird. Ein weiteres Schmankerl des in den Januar verlegten Festivals ist der zweite Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ mit Martina Serafin und Andreas Schager.
Zu Beginn der Saison komplettiert Gergiev seinen Bruckner-Zyklus mit den Symphonien Nr. 6 und 7, die anschließend in St. Florian aufgenommen werden. Der Chefdirigent setzt seinen Schwerpunkt weiter beim deutschen und russischen Repertoire. Er steht an insgesamt 37 Abenden am Pult, davon 21 in München und 16-mal auf Reisen.

Der Philharmonische Chor wird wichtiger

Der von Andreas Herrmann geleitete Philharmonische Chor ist in der kommenden Saison stärker beteiligt. Außer in der obligatorischen Neunten von Beethoven zum Jahreswechsel, die diesmal Manfred Honeck dirigiert, wirkt er in Aufführungen von Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“ (Thomas Hengelbrock), Händels „Messias“ (Andrew Manze) und Haydns „Nelson-Messe“ (Omer Meir Wellber) sowie in Jörg Widmanns anlässlich der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg uraufgeführtem Oratorium „Arche“ (Kent Nagano) mit.
In der nächsten Saison bieten die Philharmoniker vier Dirigentinnen auf. Neben Barbara Hannigan, die Mahlers Vierte dirigieren und das Sopransolo auch selbst singen wird, sind das Susanna Mälkki, Karina Cancellakis und Oksana Lyniv. Weitere Gastdirigenten sind Andrea Marcon, Rafael Payare, Semyon Bychkov, Francois-Xavier Roth und Gustavo Gimeno. Der junge finnische Dirigent Klaus Mäkela gibt sein Debüt, Krzysztof Urbanski dirigiert zwei Programme, darunter die reizvolle Verbindung von Gustav Holsts „Die Planeten“ mit der „Star Wars“-Suite von John Williams.
Neue Musik ist bei den Philharmonikern traditionell schwächer vertreten. Andreas Haefliger spielt das neue Klavierkonzert des Schweizers Dieter Ammann, Ksenija Sidorova stellt das Akkordeonkonzert „Winde des Sündens“ von Claudia Montero vor, Omer Meir Wellber dirigiert die Uraufführung von Manfred Trojahns Symphonie Nr. 6.

Die Auslastung geht zurück 

Die Auslastung der Konzerte beträgt 84,5 Prozent – angesichts der Größe des Gasteig ein ordentlicher, aber nicht überragender Wert. 2013 lag sie noch bei 93 Prozent. Auch bei den Abo-Plätzen gab es seither einen Schwund von 17 000 auf 15 000. Es schadet daher nicht, die Attraktiviät zu steigern. Paul Müller berichtete, dass ein Konzert beim 360-Grad-Festival in der Muffathalle von Leuten besucht worden sei, die er noch nie im nahen Gasteig gesehen habe. Der Umzug an die Isar ist daher eine Chance, die hoffentlich nicht verspielt wird, sollte der Gasteig nach einer teuren Sanierung noch genau so aussehen wie jetzt – wie es manch Politiker gern hätte, der an der falschen Stelle sparen will.   

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