Ein Epilog in Schmoll - Mariss Jansons fühlt sich zum Narren gehalten

Das Bayerische Kabinett segnet die Einigung von Seehofer und Reiter zum Gasteig ab, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und sein Chefdirigent wollen weiter kämpfen
| Robert Braunmüller
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Oje, das tut weh! Mariss Jansons und Ulrich Wilhelm zeigen ihre Enttäuschung über den Kabinettsbeschluss.
dpa Oje, das tut weh! Mariss Jansons und Ulrich Wilhelm zeigen ihre Enttäuschung über den Kabinettsbeschluss.

Aus der Sicht der Staatskanzlei ist das Thema Konzertsaal nur eins von vielen. Nach der gestrigen Kabinettssitzung erschienen weder der Ministerpräsident Seehofer noch Kunstminister Ludwig Spaenle. Sie überließen Marcel Huber das Wort, dem Chef der Staatskanzlei, der lang über Maßnahmen zur Bekämpfung des Asylmissbrauchs durch Kosovaren sprach.

Dann kam Huber zur „Zwillingslösung“. Staat und Stadt machen gemeinsam aus dem Gasteig einen „Konzertsaal der Weltklasse“. Der Herkulessaal der Residenz wird aufgewertet, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker erhalten gleichwertige Belegungsrechte. Einen dritten Saal wird es nicht geben, weil ein „realisierbarer Standort derzeit nicht zur Verfügung steht“.

Aus für den Finanzgarten

Das heißt: Anders als gestern kolportiert, gibt es kein Hintertürchen für den Finanzgarten. Huber wirkt wie Seehofer der ewigen Standortdebatte überdrüssig. Seine Lust, sich im Landschaftsschutzgebiet hinter dem Prinz-Carl-Palais mit Naturschützern zu plagen, scheint ebenso begrenzt wie seine Kraft für die Auseinandersetzung mit den Gremien des Deutschen Museums, die ihre eigenen Pläne mit dem verfallenden Kongresssaal auf der Museumsinsel haben.

Zu finanziellen Fragen äußerte sich Huber nicht. In den nächsten Monaten soll Kunstminister Ludwig Spaenle die „Zwillingslösung“ in Verhandlungen mit allen Beteiligten mit Leben erfüllen und eine „deutliche Verbesserung für die Musikwelt in München“ erreichen. Und an der Stadt wird das gewiss nicht scheitern: Billiger wird Oberbürgermeister Dieter Reiter seinen Gasteig in diesem Jahrhundert nicht mehr saniert bekommen. Es ist, wenn alles klappt, eines der besten Geschäfte, das die Stadt München jemals gemacht hat.

Beim Bayerischen Rundfunk sieht man das naturgemäß anders. Zwei Stunden nach dem Kabinett traten hier Mariss Jansons und Ulrich Wilhelm an die Presse, um ihrer Enttäuschung Luft zu machen. Der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters hat über zehn Jahre für einen neuen Konzertsaal gekämpft und mit drei Ministerpräsidenten verhandelt. Nun fühlt er sich „zum Narren gehalten“. Die Politik habe zehn Jahre lang mit immer wieder neuen Ideen und Vorschlägen auf Zeit gespielt. Von der Entscheidung gegen einen eigenständigen dritten Konzertsaal sei er deshalb absolut überrascht gewesen.

Scheitern an der Praxis?

Jansons will nicht aufgeben: „Jedes Weltklasse-Orchester hat einen eigenen Saal“, begründet er seine Forderung. Er glaubt, dass die Verhandlungen mit Staat und Stadt über den Gasteig-Umbau an der Praxis scheitern werden. Ähnlich argumentierte auch Nikolaus Pont, der Manager des Orchesters und der Konzertveranstalter Andreas Schessl. Der Herkulessaal sei für größer besetzte Orchesterwerke zu klein und kaum renovierbar, die Nachfrage des Publikums mache einen dritten großen Saal erforderlich. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und der private Veranstalter Münchenmusik hätten in den letzten Jahren die Zahl der Abonnenten verdoppelt. „In München gibt es keine Klassik-Krise“, sagte Schessl.

Jansons richtete außerdem schwere Vorwürfe in Richtung Münchner Philharmoniker: Das an den Gasteig gebundene Orchester der Stadt habe die Forderung eines Neubaus nie unterstützt, sondern als gefährliche Konkurrenz betrachtet und deshalb hintertrieben. Die nun notwendigen Verhandlungen von Vertretern beider Orchester werden nach seinen Worten kaum leichter. Der Sänger Christian Gerhaher appellierte an die Philharmoniker, sich von der Stadt keinen Maulkorb verpassen zu lassen. Sie sollten, wie alle Musiker, das „Wahre, Schöne und Gute“ verteidigen. Gerhaher plädierte dafür, sich mit Bürgersinn gegen die Pläne von Staat und Stadt zu wehren. „München prosperiert“, sagte er mit dem Blick auf mögliche Sponsoren für einen Neubau.

Die Vergangenheit verpflichtet

BR-Intendant Ulrich Wilhelm sprach davon, dass München mit seinen Orchestern und Opernhäusern nirgendwo so ungebrochen Weltspitze sei wie in der Klassischen Musik. Dieser Ruf sei Verpflichtung. „Jeder Generation politisch Handelnder muss daran liegen, dieses Erbe weiter zu pflegen, sagte er. „Man sollte jetzt nicht viel Geld für eine bloße Stagnation oder allenfalls eine milde Verbesserung der bestehenden Verhältnisse ausgeben.“

Die letzte Hoffnung von Jansons und Wilhelm wäre ein Scheitern der Verhandlungen zwischen Staat und Stadt. Der Zorn des Dirigenten und seiner Musiker mag verständlich sein, aber sie sollten ihn auch nicht überkochen lassen. Denn sie werden in Zukunft sowohl den Staat als auch die Philharmoniker brauchen. Aber das Interesse der Stadt an der staatlichen Mitfinanzierung der Gasteig-Renovierung dürfte auch eine Chance für das BR-Symphonieorchester sein, verbesserte Bedingungen herauszuschlagen.

Und wenn die Verhandlungen scheitern? Dann müssen Gasteig und Herkulessaal noch immer saniert werden, und die ewige Geschichte geht von vorn los. Denn für den dritten Saal gibt es weder eine gesicherte Finanzierung noch einen unumstrittenen Standort. Bis heute. 

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