Interview

"Die Zunge spitzen": Ailyn Pérez über die Online-Premiere "Falstaff"

Die Staatsoper bringt am Mittwoch Verdis "Falstaff" als Premiere online im Nationaltheater heraus. Die amerikanische Sopranistin Ailyn Pérez singt die Alice.
| Robert Braunmüller
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Die Anprobe von Schuhen hat Wolfgang Koch schon als Sachs in Wagners "Meistersingern" perfektioniert, jetzt versucht er sich auf diesem Weg als Falstaff der verheirateten Alice (Ailyn Pérez) anzunähern.
Die Anprobe von Schuhen hat Wolfgang Koch schon als Sachs in Wagners "Meistersingern" perfektioniert, jetzt versucht er sich auf diesem Weg als Falstaff der verheirateten Alice (Ailyn Pérez) anzunähern. © Wilfried Hösl

München - Eigentlich hätte "Falstaff" unter der musikalischen Leitung von Kirill Petrenko die Opernfestspiele eröffnen sollen. Am heutigen Mittwoch kommt Mateja Koležniks Neuinszenierung von Verdis Oper im Nationaltheater als Livestream ohne Publikum heraus - mit Wolfgang Koch in der Titelpartie und Ailyn Pérez als Alice.

Die Amerikanerin begrüßt den Journalisten beim (selbstverständlich maskierten) Interview in der Rheingold-Bar des Nationaltheaters auf deutsch, was gleich die erste Frage provoziert.

AZ: Frau Pérez, wo haben Sie Deutsch gelernt?
AILYN PÉREZ: Die Sprache gefällt mir. Meine Vorbilder sind Elly Ameling, Victoria de los Angeles und Irmgard Seefried. Diese Künstlerinnen hatten ein sehr breites Repertoire. Sie sangen nicht nur Opern, sondern auch Lieder und Chansons. Dafür muss man die Sprache sehr gut kennen. Und wenn ich in München bin, lerne ich sogar ein wenig bairisch, obwohl mir das schwerfällt.

Wie lange lernen Sie schon Deutsch?
Seit meinem Studium. In einem College in Vermont bot eine Lehrerin des Goethe-Instituts den Kurs "Deutsch für Sänger" an. Der dauerte sieben Wochen, und da wurde nur deutsch gesprochen. Das war anstrengend, aber es hat eine gute Grundlage gelegt.

Ailyn Pérez wurde 1979 in Chicago geboren. Bekannt wurde sie durch ihren Auftritt in Gounods "Roméo et Juliette" mit Rolando Villazón in Salzburg. In München gastierte sie zuletzt in Verdis "La traviata" und als Adina in Donizettis "Liebestrank".
Ailyn Pérez wurde 1979 in Chicago geboren. Bekannt wurde sie durch ihren Auftritt in Gounods "Roméo et Juliette" mit Rolando Villazón in Salzburg. In München gastierte sie zuletzt in Verdis "La traviata" und als Adina in Donizettis "Liebestrank". © Pisaroni

Pérez: "Es ist ziemlich schwer, präzise zu bleiben"

Haben Sie überhaupt deutschsprachige Rollen im Repertoire?
Im Moment nicht. Aber es ist mein großer Wunsch, Richard Strauss zu singen. Meine Stimme ist sehr lyrisch, und bei Strauss gibt es eine sehr enge Verbindung zwischen der Sprache und der Musik. Das berührt mich sehr. Und später kommt vielleicht einmal Elsa in "Lohengrin.

Was mögen Sie an Strauss?
Die Musik hat eine ganz besondere Ausstrahlung mit schimmernden Farben. Und es gibt ein wunderbares Zusammenspiel mit den Instrumenten wie der Violine und den Oboen.

Vorerst geht es aber um Verdi.
"Falstaff" ist seine letzte Oper, und er hat sie in einem ganz neuen, für ihn eher untypischen Stil komponiert, ganz anders als "La traviata". Man muss bei diesem Parlando-Stil ganz schön die Zunge spitzen. Die Musik klingt einfach und soll leicht wirken. Aber es ist ziemlich schwer, präzise zu bleiben und bei "Falstaff" Perfektion zu erreichen. Aber es macht auch viel Spaß, denn ich habe sonst keine Gelegenheit, mit einem Kollegen wie Wolfgang Koch auf der Bühne zu stehen, der sonst Wagner-Rollen wie Wotan oder den Sachs singt.

Pérez: "Falstaff ist so voller Leben und Poesie"

Sie haben die Alice schon öfter gesungen. Was ist das Besondere an der Münchner Neuinszenierung?
Ich habe die Rolle in Glyndebourne in der Inszenierung von Richard Jones und an der Metropolitan Opera in der Regie von Robert Carsen gesungen. In München ist alles besonders, weil es so viele Debüts gibt: Wolfgang Koch singt die Titelrolle zum ersten Mal, Michele Mariotti hat "Falstaff" nie zuvor dirigiert und für Mateja Koležnik ist es die erste Operninszenierung überhaupt. Sie hat sehr deutlich gemacht, dass sie vom Sprechtheater kommt und auf natürliche Bewegungen und Gesten Wert legt.

Das ist nicht ganz neu.
Wenn Alice und Meg den Liebesbrief Falstaffs lesen, wird da normalerweise eine typische komische Szene daraus. Hier ist das ein ganz normaler Moment, bei dem die Handtaschen der Damen eine ganz wichtige Rolle spielen. Das ist überraschend, für mich als Frau aber eine psychologisch einleuchtende Nuance.

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Empfindet Alice etwas für Falstaff oder findet sie seine Avancen nur albern?
Ich liebe Falstaff. Aber ich liebe als Donna Anna in Mozarts Oper auch Don Giovanni. Falstaff ist so voller Leben und Poesie. Shakespeare, Verdi und der Librettist Arrigo Boito haben aus ihm eine so reiche, selbstbewusste Persönlichkeit gemacht. Ich hänge an seinen Lippen, wenn er vor Worten überfließt. Es ist unmöglich, nicht etwas für ihn zu empfinden.

Pérez: "Ich weiß nicht, wo ich Weihnachten verbringen werde"

Mateja Koležniks Inszenierungen spielen fast immer in einem Einheits-Raum. Ist das bei "Falstaff" auch so?
Die Wände sind in permanenter Bewegung, als wäre man leicht angetrunken. Mateja Koležnik geht es darum, Falstaffs Flucht vor der Endlichkeit des Lebens auszudrücken. Er ist auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis angekommen und verprasst sein Geld im Casino.

Spielt bei der Endlichkeit des Lebens Corona mit hinein?
Es gibt einen offenen, berührenden und überraschenden Schluss, der sich auf die derzeitige Situation bezieht.

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Sänger müssen viel reisen. Das ist im Moment schwierig. Wie gehen Sie damit um?
Ich weiß nicht, wo ich Weihnachten verbringen werde, weil immer noch unklar ist, ob nach dem 20. Dezember doch noch Aufführungen möglich sind. Im neuen Jahr hoffe ich, dass ich meinen Freund in Paris treffen kann, der wie ich in einer Neuinszenierung von "Aida" singt. Am schlimmsten ist die Ungewissheit, die durch die vielen Absagen und die Unmöglichkeit einer Planung entsteht.

Das wird noch länger ein Wunsch bleiben.
Wir hoffen alle auf den Beginn der Impfungen. Aber die schwierige Lage hat auch etwas Gutes: Es gibt viel mehr Solidarität unter den Solisten, den Orchestern und den unsichtbaren Menschen hinter der Bühne. Dieses Gefühl müssen wir erhalten. Kreativ zu sein ist eine Gnade Gottes, mit der wir verantwortlich gemeinsam umgehen müssen.


Livestream am heutigen Mittwoch ab 19 Uhr kostenlos auf staatsoper.tv - das Gärtnerplatztheater überträgt am Freitag um 19 Uhr ebenfalls kostenlos auf seiner Homepage eine halbszenische Aufführung von Donizettis "Anna Bolena".

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