Nachfolger für Mariss Jansons gesucht: In frostigen Zeiten

Vor einem Jahr starb der Dirigent Mariss Jansons. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sucht nach einem Nachfolger.
| Robert Braunmüller
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Mariss Jansons und die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks 2016 auf dem Dach der Kultfabrik im Werksviertel, wo der neue Münchner Konzertsaal entstehen soll.
Mariss Jansons und die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks 2016 auf dem Dach der Kultfabrik im Werksviertel, wo der neue Münchner Konzertsaal entstehen soll. © Matthias Balk/dpa

Dieses Jahr werde es definitiv keine Entscheidung über den künftigen Chefdirigenten des BR-Symphonieorchesters geben, sagt Nikolaus Pont, der Manager des Orchesters. Kaffeesatzleserei auf der Basis von Aussagen schlecht informierter Personen trage nur dazu bei, dass es noch länger dauern werde.

Da ist zwar was dran, aber ein Jahr nach dem Tod des langjährigen Chefdirigenten Mariss Jansons, der in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2019 in St. Petersburg verstarb, muss man schon eine beträchtliche Verdrängungsleistung aufbringen, um über diese Frage nicht nachzudenken. Zumal es einen Dirigenten gibt, der im letzten Jahr samt singender Gattin auffallend oft zu spontanen Konzerten angereist ist.

Folgt Simon Rattle auf Mariss Jansons?

Die Rede ist von Simon Rattle, dem ehemaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und gegenwärtigen Chef des London Symphony Orchestra. Rattle schätzt das BR-Symphonieorchester sehr, und diese Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. Der Brexit und die Corona-Krise haben die längst nicht so gut wie hierzulande abgesicherten Londoner Orchester schwer getroffen. Und der von Rattle gewünschte Konzertsaalneubau scheint auch vom Tisch zu sein.

Ein Chefdirigent, dessen Name auch ein Markus Söder mal gehört haben dürfte, wäre auch die letzte Rettung für das von Mariss Jansons gewünschte, aber politisch wie künstlerisch nie e wirklich zu Ende gedachte Konzertsaalprojekt im Werksviertel. Falls sich das Sendlinger Interim, an dessen Konzeption das BR-Symphonieorchester leider nicht beteiligt war, als Erfolg heraussstellen sollte, muss dringend über ein Gesamtkonzept und drohende Überkapazitäten nachgedacht werden. Und es wäre auch nicht schlecht, in diesem Punkt die Eitelkeit von Dirigenten und Orchestern politisch zu bändigen.

Ein Gewinn für München

Rattle würde beim BR-Symphonieorchester zwar seine künstlerischen Erfolgsrezepte aus Birmingham und Berlin wiederholen. Das mag zwar überregionalen Beobachtern ein Gähnen entlocken, für das behäbige München wäre aber ein Dirigent, der sowohl die ältere wie die neue Musik zur Chefsache machen würde, ein Gewinn. Durch die Zusammenarbeit mit Dirigenten der Historischen Aufführungspraxis und die musica viva ist dafür eine hervorragende Basis gelegt. Mit Rattle würde das Orchester auf beiden Feldern noch einmal richtig durchstarten, ohne dass das klassisch-romantische Kerngeschäft leiden würde.

Konkurrent Yannick Nézet-Séguin - ein "Mann fürs schöne Wetter"

Yannick Nézet-Séguin, Rattles schärfster Konkurrent in der Gunst des Orchesters, hat sich im letzten Jahr als Mann fürs schöne Wetter erwiesen. Auf die faktische Auflösung des Orchesters der New Yorker Metropolitan Opera in der Corona-Krise reagierte Kanadier mit lauwarmem Geschwafel. So sehr Nézet-Séguin künstlerisch überzeugt: München wäre für ihn nur ein lukrativer Nebenjob neben der Met, dem Philadelphia Orchestra und Montrealer Orchestre Métropolitain.

In eher frostigen Zeiten ist die Wahl eines Überraschungskandidaten oder auch einer Kandidatin eher unwahrscheinlich. Es sieht also so aus, als sei Rattle für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks alternativlos. Das macht die Sache teuer und die Verhandlungen eher schwierig. An dem Gerücht, dass bereits in dieser Woche eine Orchesterversammlung ein Votum abgeben würde, mag nichts dran sein. Die letzte Entscheidung liegt bei der Intendanz des Senders. Und da ist Ulrich Wilhelm zum Abschied noch ein Knalleffekt durchaus zu gönnen.

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