Die Münchner Philharmoniker gastieren in Peking, Shanghai und Taipeh

Exportartikel aus Bayern: Die Münchner Philharmoniker reisen nach China und finden einen Strauss-Dirigenten aus Lettland
| Robert Braunmüller
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Das Poly Theatre (hinten) im Geschäftszentrum am Rand der Innenstadt von Peking. Während des Gastspiels herrschte dicker Smog.
Robert Braunmüller 9 Das Poly Theatre (hinten) im Geschäftszentrum am Rand der Innenstadt von Peking. Während des Gastspiels herrschte dicker Smog.
Die Münchner Philharmoniker bei einer Probe im Poly Theatre in Peking.
Slawomir Grenda 9 Die Münchner Philharmoniker bei einer Probe im Poly Theatre in Peking.
Der junge lettische Dirigent Andris Poga.
Slawomir Grenda 9 Der junge lettische Dirigent Andris Poga.
Die moderne Skyline von Shanghai.
Slawomir Grenda 9 Die moderne Skyline von Shanghai.
Der neue Konzertsaal von Shanghai.
Robert Braunmüller 9 Der neue Konzertsaal von Shanghai.
Der 1200 Plätze fassende Zuschauerraum der Shanghai Symphony Hall sieht gut aus. Aber die von Yasushisa Toyota entworfene Akustik ist verbesserungsfähig.
Robert Braunmüller 9 Der 1200 Plätze fassende Zuschauerraum der Shanghai Symphony Hall sieht gut aus. Aber die von Yasushisa Toyota entworfene Akustik ist verbesserungsfähig.
Andris Poga bei einer Probe vor dem Konzert in Taipeh.
Robert Braunmüller 9 Andris Poga bei einer Probe vor dem Konzert in Taipeh.
Der Dirigent Andris Poga
Robert Braunmüller 9 Der Dirigent Andris Poga
Andris Poga gibt Autogramme.
Slawomir Grenda 9 Andris Poga gibt Autogramme.

Was die Geburtsstadt des Komponisten nicht geschafft hat, packen die Chinesen. In München gab’s heuer zum 150. Geburtstag zwar ausreichend Musik von Richard Strauss. Aber keine geordnete Großveranstaltung wie das Peking Music Festival mit Gastspielen internationaler Orchester, einem Liederabend sowie den konzertanten Erstaufführungen von „Elektra“ durch das Shanghai Symphony Orchestra und „Ariadne auf Naxos“ mit dem Ensemble der Leipziger Oper.

Die Münchner Philharmoniker eröffneten die 17. Ausgabe dieses Festivals mit zwei Konzerten. Der im Juli verstorbene Lorin Maazel hätte dirigieren sollen. Die Chinesen hielten dennoch an dem Gastspiel fest und vertrauten wie das Orchester der Stadt einer japanischen Agentur, die den jungen Letten Andris Poga empfahl.

Andris Poga, eine Dirigenten-Entdeckung

Poga wurde bisher, wie er mit leicht ironischer Leidensmiene sagt, in die weit voneinander entfernten Schubladen „Experte für Zeitgenössisches“ oder „Tschaikowsky“ einsortiert. „Mein Lieblingskomponist ist Schostakowitsch!“, bekennt er. Nach dieser Reise dürfte er als Richard-Strauss-Experte gelten – und das völlig zu Recht.

Poga schlägt sehr deutlich und nimmt straffe Tempi. Er erreichte eine klare, durchhörbare und klangschöne Aufführung der heiklen „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher. Ein Werk, von dem weder die jungen Kompositionsstudenten noch ein angehender Musikwissenschaftler in den hinteren Reihen des Pekinger Poly Theatre je gehört hatten. Andere Chinesen versetzte es in Sekundenschlaf. Aber das soll bei den „Metamorphosen“ auch in der engeren Heimat von Strauss vorkommen.

Bei der riesig besetzten „Alpensinfonie“ waren alle hellwach: Poga, das Orchester der Stadt und der so gut wie ausverkaufte Saal. Das chinesische Publikum, früher als undiszipliniert berüchtigt, fotografiert mit Handys noch lieber als die Deutschen und hört ansonsten genauso konzentriert zu wie hiesige Abonnenten. Nur: Es ist es viel jünger.

Klassik-Begeisterung in China

Organisiert wird das Festival von Yu Long, einem umtriebigen Dirigenten, der schon den „Parsifal“ der Salzburger Osterfestspiele nach Peking eingekauft hat und als chinesischer Valery Gergiev gilt. Yu hat an der Berliner Hochschule der Künste studiert. Ihn wurmt, dass die Chinesen zwar Autos aus München oder Ingolstadt schätzen, die deutsche Kultur aber zu wenig kennen. Und er erzählt als Beispiel für die neue chinesische Klassik-Begeisterung von einem Lehrer, der tief in der Wüste Gobi mit seinen Schülern Symphonien von Joseph Haydn einstudiert.

Gern hätte er die orientalisierende „Frau ohne Schatten“ im Strauss-Jahr nach Peking geholt, aber dieses Musikdrama ist halt ein extrem aufwendiges Stück. Und die Bayerische Staatsoper ist ihm für Gastspiele auch zu teuer. Dass der kulturelle und geschichtliche Hintergrund von Werken wie den „Metamorphosen“ oder der Tondichtung „Don Quixote“ für Chinesen schwer zugänglich sei, gesteht Yu sofort zu. Aber er bleibt Optimist: Wenn die Leidenschaft der Aufführung stimme, sei Strauss für jeden Menschen unmittelbar zugänglich.

Auch ein Akustikguru hat mal einen schwarzen Tag

Nach den beiden Konzerten im auch für szenische Opern geeigneten Poly Theatre am Rand der Innenstadt reisten die Philharmoniker nach Shanghai weiter, um die Eröffnung eines neuen Konzertsaals mitzufeiern. Der zwei Stockwerke tief in die Erde gegrabene Bau beeindruckt durch großzügige Nebenräume und einen 1200 Hörer fassenden Saal in Weinbergform. Die vom japanischen Guru Yasuhisa Toyota geplante Akustik grenzt allerdings an ein Desaster: Sie vergröbert und verlärmt den Klang. Die Münchner Philharmoniker verloren ihre besondere Wärme und klangen wie das Chicago Symphony Orchestra bei kaltem Wetter.

Ob Toyota die Akustik durch Nachbesserungen retten kann? Der Philharmoniker-Intendant Paul Müller glaubt es. Er hatte hektische Tage hinter sich: Eigentlich wollte der designierte Chefdirigent Valery Gergiev für das prestigeträchtige Konzert in Shanghai schnell von Japan herüberjetten, doch ein Taifun legte den Flugverkehr lahm. Wieder sprang Poga erfolgreich ein, und den Käufern der sehr teuren Karten wurde die Stars durch ein Geschenk versüßt: Sie bekamen zum Sonderpreis Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ oder Händels „Giulio Cesare“ als Entschädigung.

Finale in Taiwan

Beendet wurde die Reise mit einem Auftritt in Taipeh, der Hauptstadt des zweiten China auf Taiwan. Der Konzertsaal steht auf einem riesigen Platz vor einer Gedenkhalle für General Chiang Kai-shek, der sich nach der Niederlage gegen Mao auf die Insel rettete. Der Bau im chinesischen Stil enthält einen modernen Konzertsaal. Plakate kündigten die baldige Ankunft weiterer Bayern an: Bald gastieren dort das Symphonieorchester des BR und das Münchener Kammerorchester.

Hier übertrafen sich Poga und die Philharmoniker mit zwei Riesen-Werken: „Also sprach Zarathustra“ und „Eine Alpensinfonie“, hinreißend gespielt mit einer Mischung aus gelöster Freiheit und Virtuosität. Die Musiker freuen sich, ihre Zusammenarbeit mit dem Dirigenten in der nächsten Saison in München fortzusetzen.

Vier Gründe für Orchester-Gastspiele in Asien und China

Im großen Festland-China und auf der kleinen Insel wächst die Begeisterung für Klassik: Überall werden neue Konzertsäle und Opernhäuser gebaut. Westliche Musik ist ein Statussymbol für die immer größer werdende Mittelklasse. Natürlich drängt sich die mäklige Frage auf, ob die Philharmoniker vom Münchner Steuerzahler alimentiert werden, um Asien mit Strauss zu versorgen. Philharmoniker-Intendant Müller beantwortet sie mit einem vierfachen Ja: Alle wichtigen Orchester reisen, und wer ganz oben mitspielen will, kann sich dem nicht entziehen.

Gastspiele schärfen den Teamgeist im Orchester, das steigert auch die Qualität der Konzerte zu Hause. Und: „Die bayerische Wirtschaft lebt von Asien“, betont Müller. „Es ist klug, diese Beziehung kulturpolitisch zu vertiefen.“ Normalerweise schafft man mit solchen Gastspielen eine schwarze Null. Dass das auch ohne den verstorbenen Weltstar Maazel fast geglückt ist, spricht für das weltweite Ansehen der Münchner Philharmoniker.

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