Gergiev: Ärger bis vor die Tore der Carnegie Hall

Der Ärger mit Valery Gergiev verfolgt die Münchner Philharmoniker bis vor die Türen der Carnegie Hall in New York
| Robert Braunmüller
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Nachmittagsprobe in der Carnegie Hall.
RBR 2 Nachmittagsprobe in der Carnegie Hall.
Proukrainische Demonstranten warteten auf gergiev auch am Hinterausgang.
RBR 2 Proukrainische Demonstranten warteten auf gergiev auch am Hinterausgang.

Der Ärger mit Valery Gergiev verfolgt die Münchner Philharmoniker bis vor die Türen der Carnegie Hall in New York
Der designierte Chef der Münchner Philharmoniker wird Putins Schatten einfach nicht los. Vor dem Gastspiel des Orchesters in der New Yorker Carnegie Hall sangen rund 50 Demonstranten die ukrainische Nationalhymne. Sie skandierten Sprüche wie „Don't support Putin“, „Gergiev out of New York“ oder „Shame on Carnegie“. Ein anderer Sprechchor fragte die Konzertbesucher, ob sie auch Hitlers besten Freund gern hören würden, wenn dieser Musiker wäre. Ein Hauch von „Fall Furtwängler“ durchwehte den New Yorker Frühling.

Abgang durch die Hintertür

Der harter Kern der Demonstranten lauerte sogar nach dem Konzert noch am Bühneneingang – vergeblich, weil Gergiev den Abgang durch eine Hintertür vorzog. Die Münchner Philharmoniker, deren Musiker über das politische Engagement des Dirigenten nicht wirklich erbaut wirken, waren trotz allem glücklich: Gergiev rettete als Einspringer für den erkrankten Lorin Maazel den ersten Abend ihres Prestige-Gastspiels in der Carnegie Hall. Gergiev landete um halb elf Uhr vormittags in New York. Er nahm ein Taxi zum Konzertsaal, probte dort ab 13.30 Uhr zweieinhalb Stunden, leitete das Konzert um acht Uhr abends und flog am nächsten Morgen gleich wieder zurück nach London. Er übernahm ohne jede Änderung Maazels erstes Richard-Strauss-Programm mit „Also sprach Zarathustra“, „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ und der „Burleske“ für Klavier und Orchester. Von der kann man nicht verlangen, dass ein Dirgent sie draufhat, aber Gergiev zählt sie erstaunlicherweise zu seinem Repertoire.

Gergiev  dirigiert  "24 Jahre jünger"

Bei der Nachmittags-Probe ließ er das Programm durchspielen und nahm dabei ein paar kleine, aber entscheidende Korrekturen vor. Sein Tempo war schneller als das von Maazel – dem New Yorker Lebenstempo angemessen. Oder einfach nur „24 Jahre jünger“, wie ein boshafter Philharmoniker bemerkte. Gergiev feilte am heiklen Schluss von „Also sprach Zarathustra“, den die Holzbläser in der Umbaupause probten, während das Klavier auf die Bühne gebracht wurde. Bei der Probe sprach er anfangs Deutsch („Bitteschön!“) und scherzte mit den Musikern, als bei einer leisen Stelle die Sirene eines Polizeiautos von der Straße hereintönte. Es war ein intensives, sehr harmonisches Arbeiten, bei dem der Dirigent seine Stärke ausspielen konnte: die für einen erfahrenen Operndirigenten typische Abend-Spontaneität. Das Konzert wurde voller Erfolg: Das Publikum feierte den in New York lebenden Pianisten Emanuel Ax nach der „Burleske“ ebenso herzlich wie das Orchester. Es gab Bravi und vereinzelt stehende Ovationen.

Fabio Luisi machte den zweiten Strauss-Abend

Den zweiten Strauss-Abend mit dem „Heldenleben“, der „Rosenkavalier“-Suite und den „Vier letzten Liedern“ übernahm Fabio Luisi – ebenfalls nach nur einer Probe und mit eigenen interpretatorischen Akzenten. Auch dieses Konzert klang wie normal probiert und war doch eine Klasse besser: ein denkwürdiger Abend des spontanen Musizierens mit einem auf der Stuhlkante engagiert spielenden Orchester. In New York Und zeigte sich, dass aus der Partnerschaft der Philharmoniker mit Gergiev jenseits aller politischen Querelen etwas werden könnte: Der Nord-Ossete, der international vor allem als Experte für russische Musik gilt, hat auch bei Richard Strauss etwas zu sagen. Die Philharmoniker vertrauen auf sein Versprechen, dass er nach dem Amtsantritt im Herbst 2015 nicht nur zwischen seinen vielfältigen internationalen Verpflichtungen kurz einfliegt oder seine Assistenten die Vorarbeit erledigen lässt. Gergiev braucht die weltweite Allgegenwart offenbar als Droge. Ändert sich ein Mensch mit 60 Jahren noch einmal? Man wird abwarten müssen, ob das Wunder geschieht. Aber eins ist auch sicher: Und ein Erfolg wird es nur, wenn Gergiev sich in seinen politischen Äußerungen zurückhält.

 

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