Interview

"Der Rosenkavalier" im Livestream: "Komödie ist immer schwieriger"

Barrie Kosky spricht im AZ-Interview über den neuen "Rosenkavalier" im Nationaltheater und seinen auch trotz Corona unerschütterlichen Optimismus.
| Robert Braunmüller
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Ein Bett gibt's - wie man hört - in Barrie Koskys Inszenierung erst im zweiten Akt: Caspar Singh (Haushofmeister, von links), Johannes Martin Kränzle (Faninal), Daniela Köhler und Katharina Konradi (Sophie) im neuen "Rosenkavalier" der Bayerischen Staatsoper.
Ein Bett gibt's - wie man hört - in Barrie Koskys Inszenierung erst im zweiten Akt: Caspar Singh (Haushofmeister, von links), Johannes Martin Kränzle (Faninal), Daniela Köhler und Katharina Konradi (Sophie) im neuen "Rosenkavalier" der Bayerischen Staatsoper. © Wilfried Hösl

München - Viele Besucher liebten Otto Schenks Inszenierung von "Der Rosenkavalier" in der Ausstattung von Jürgen Rose mit dem Nachbau der Amalienburg im zweiten Akt. Nach fast einem halben Jahrhundert gibt es nun eine Neuproduktion: Der künftige Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski dirigiert, die Inszenierung stammt von Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper in Berlin.

Barrie Kosky wurde 1967 in Melbourne geboren, wo er auch studierte und 1981 mit Brechts "Arturo Ui" seine erste Inszenierung herausbrachte. Ab 2001 war er Co-Direktor des Wiener Schauspielhauses, seit 2013 ist der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin.

Barrie Kosky über die Corona-Politik: "Viele meiner Kollegen fordern klare Perspektiven ein. Aber das ist unmöglich. Alle Virologen und Expertinnen haben voriges Jahr gesagt, dass der Winter schwierig wird. Und sie haben recht behalten."
Barrie Kosky über die Corona-Politik: "Viele meiner Kollegen fordern klare Perspektiven ein. Aber das ist unmöglich. Alle Virologen und Expertinnen haben voriges Jahr gesagt, dass der Winter schwierig wird. Und sie haben recht behalten." © picture alliance/dpa

AZ: Herr Kosky, wie fühlt man sich als böser Bube, der den Münchnern den legendären "Rosenkavalier" wegnimmt?
BARRIE KOSKY: Ich bin nach zehn Jahren an der Komischen Oper Berlin trainiert. Dort schauen mir ständig Walter Felsenstein über die eine und Harry Kupfer über die andere Schulter. Die Auseinandersetzung mit der Tradition ist Teil meines Berufs. Aber Theater ist kein Museum. Zur Pflege des Repertoires gehört die Veränderung. Und, ehrlich gesagt, ich möchte nicht, dass meine Inszenierungen 50 Jahre im Repertoire bleiben. Was bleibt, ist die Erinnerung.

Kosky: "Komödie ist immer schwieriger"

Warum hängen aber so viele Menschen an bestimmten Inszenierungen?
Weil ihre eigene Geschichte damit verbunden ist. Sie haben vielleicht ihre Frau oder ihren Mann beim Besuch einer Vorstellung kennengelernt. Oder sie verbinden die Aufführung mit einer bestimmten Sängerin. Oder, im Fall des Münchner "Rosenkavalier", mit dem Dirigenten Carlos Kleiber, der die Premiere und viele Vorstellungen dirigiert hat.

Das passt allerdings ein bisschen zum "Rosenkavalier" - es ist doch mehr eine Wohlfühl- und Genießer-Oper.
Ja und nein. "Salome", "Elektra" oder "Wozzeck" sind viel leichter zu inszenieren. Komödie ist immer schwieriger. Und nicht genug: Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss pendeln zwischen einer Farce und dem Versuch einer deutschen Komödie. Und dann gibt es eine Menge an psychologischer Tiefe.

Kosky: "Hofmannsthal war ein Meister der Details"

Vielfach wird geglaubt, der "Rosenkavalier" sei nach "Elektra" und "Salome" ein Rückschritt. Teilen Sie diese Ansicht?
Ich halte das für ein Missverständnis. Der "Rosenkavalier" ist die Vorbereitung für die Radikalität von "Ariadne auf Naxos" mit nur 36 Musikern. Das Werk ist für mich die erste postmoderne Oper vor der Postmoderne. Es konnte nur im 20. Jahrhundert komponiert werden. Die Akte sind musikalisch sehr verschieden, der dritte ist im Orchester so radikal wie die Zwölftonmusik der Zwanziger Jahre. Und diese Widersprüche muss man in einer Aufführung zelebrieren.

Ist Ihre Operettenerfahrung bei der Auseinandersetzung mit dem Stück hilfreich?
Die Entstehung des "Rosenkavalier" beginnt in einem Pariser Operettentheater. Harry Graf Kessler sah dort eine vergessene französische Operette. Er liebte diese Form und das Cross-Dressing. Kessler dachte, das könnte etwas für Hofmannsthal und Strauss sein und hat dann mit Hofmannsthal bei einem gemeinsamen Urlaub die Geschichte entwickelt. Denn Hofmannsthal war ein Meister der Details, nicht des großen Bogens. Ich betone das, weil Kesslers Rolle bei der Entstehung der Oper noch immer unterschätzt wird.

Kosky: "Ochs hat etwas von Falstaff"

Wie wichtig ist die Zeit von Maria Theresia für die Geschichte?
Das Rokoko ist so echt wie das Nürnberg der "Meistersinger": eine Fantasiewelt aus französischer Operette, Molière, Shakespeare, Wiener Walzer, Mozart, Sigmund Freud und farcenhaftem Boulevard.

Wo sehen Sie Shakespeare im "Rosenkavalier"?
Das Cross-Dressing von Octavian: Eine Sängerin, die einen jungen Mann spielt und die sich als Kammerzofe Mariandl verkleidet. Das erinnert an "Was ihr wollt". Und Ochs hat etwas von Falstaff.

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Strauss äußerte sich später verärgert über die Vergröberung dieser Figur durch die Sänger.
Ich finde es auch furchtbar, wenn sich Ochs im Schlafzimmer der Marschallin wie Harvey Weinstein aufführt. Man fragt sich dann, warum sie ihn nicht rauswirft. Ich möchte mir nicht drei Stunden lang ein grobes frauenfeindliches Arschloch ansehen und habe mich gefragt, warum er sich so benimmt.

Kosky: "Manchmal geht bei Strauss die Lust am Orchestrieren mit ihm durch"

Was ist Ihre Antwort?
Weil er Angst hat und weil er traumatisiert ist. Er sucht Liebe, weil er keine Liebe erfahren hat und einsam ist. Am Ende kriegt er wie Beckmesser oder Malvolio, was er verdient. Vielleicht geht die Erniedrigung etwas zu weit, aber das ist ein spezifisch deutsches Problem.

Die Premiere wird gestreamt. Mussten Sie jetzt eine Fernsehinszenierung erarbeiten?
Nein. Es sitzen allerdings weniger Musiker vor der Bühne: Vladimir Jurowski dirigiert eine Bearbeitung von Eberhard Kloke für ein Orchester, das beinahe so klein ist wie die Besetzung von "Ariadne auf Naxos". Dadurch werden viele Details und Farben hörbar. Womöglich verstehen Sie dank der kleineren Besetzung die Konversation zwischen den Figuren viel besser. Denn manchmal geht bei Strauss die Lust am Orchestrieren und der großen Besetzung mit ihm durch.

Kosky: "Optimismus ist meine Pflicht als Kapitän"

Fühlen Sie sich als Intendant und Künstler von der hiesigen Corona-Politik im Stich gelassen?
Viele meiner Kollegen fordern klare Perspektiven ein. Aber das ist unmöglich. Alle Virologen und Expertinnen haben voriges Jahr gesagt, dass der Winter schwierig wird. Und sie haben recht behalten. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hat uns schon im vergangenen April empfohlen, die kommende Spielzeit zu reduzieren und auf das Frühjahr 2021 zu hoffen. Ich habe daraufhin vier Inszenierungen verschoben.

Staatliche und städtische Theater können sich das leisten. Aber für die vielen Freiberufler wird die Lage schwierig.
Die Festangestellten am Theater wie Orchestermusiker und Chormitglieder wissen oft nicht, in welch glücklicher Lage sie sich befinden. Sie sind geschützt, sie kriegen regelmäßig ihr Geld auf ihr Konto. Ihr Frust ist künstlerisch, weil sie nicht singen und musizieren können. Die Millionen Freiberufler von Sängern über Tänzern bis zu Garderobieren sind nicht fest angestellt. Sie sind in ihrer Existenz bedroht. Ich verstehe ihre Wut.

Warum sind Sie trotzdem optimistisch?
Teilweise bin ich natürlich auch sauer. Die verpatzte Impfstrategie hat mein gesamtes Bild von der großartigen deutschen Organisationskunst verdorben. Aber ich erlaube mir als Mensch und Künstler nicht, in Negativität und Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Optimismus ist meine Pflicht als Kapitän. Außerdem gibt es Licht am Horizont. Wir müssen nur auf der letzten Strecke geduldig sein.

Schauen Sie manchmal auch ins Ausland?
Ja, und ich sehe, etwa mit Blick auf die Situation an der New Yorker Metropolitan Opera, dass ich mich in einer privilegierten Position befinde. Ich ärgere mich, wenn ich deutsche Dirigenten höre, die sagen, entweder dirigiere ich Bruckner und Strauss in Originalbesetzung oder gar nicht. Wenn wir den "Rosenkavalier" nicht in der Kloke-Fassung herausbringen würden, bekämen zehn Gastsänger und Gastsängerinnen keine Gage. Wir werden getestet, es gibt keine künstlerischen Kompromisse. Ich darf jeden Tag in diesem wunderbaren Haus mit Leuten wie Marlis Petersen und Vladimir Jurowski arbeiten. Das ist ein Luxus, den ich genieße.


Kostenloser Livestream am Sonntag ab 15.30 Uhr auf staatsoper.tv und außerdem auf Arte, BR Klassik Concert. Ab dem 22. März außerdem kostenfrei als Video-on-Demand über die Website der Staatsoper

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