Deep Purple: Magische Zeitlosigkeit auf dem Tollwood
Zum Auftakt laufen "Die Planeten" von Gustav Holst zu einer kleinen Videoanimation, ein stimmiges Intro, nach dem die Musiker unaufgeregt das Podium betreten und "Highway Star" spielen, jenes Lied, das zu den wichtigsten Wegbereitern des Heavy Metal zählt und vom Bassisten Roger Glover einst als "endgültiger Deep-Purple-Song" bezeichnet wurde.
Deep Purple in München: Ein Glas Rotwein für das Solo
Er trägt ein schwarzes Tank-Top, Sonnenbrille und ein blaues Kopftuch, während er den ganzen Abend verschmitzt in seinen grauen Bart hineinlächelt. Sänger Ian Gillian konzentriert sich auf seine Stimme, die er mit seinen knapp 81 Jahren beherrscht wie in den Anfangsjahren, nachdem er ein Jahr nach Bildung der Band im Jahr 1969 Rod Evans abgelöst hatte.
Doch der eigentliche Frontmann ist Schlagzeuger Ian Paice, Gründungsmitglied und Weltdrummer, bei dem wirklich jeder Beat sitzt und der die verlässlichste Coolness des Universums ausstrahlt, und das seit über einem halben Jahrhundert.
Jedes Bandmitglied hat sein eigenes Aufgabengebiet, spielt einen bestimmten Charakter, wie in einer Comicreihe, wo die Fans von vorneherein wissen, wer welche Eigenschaften vorweist. Beispielsweise der tiefenentspannte Sänger, dessen T-Shirt-Motiv eine Art Collage eines stilisierten Cyborg-Gesichtes, das aus einem roten Auge wie vom Terminator, Zahnrädern, Maschinenteilen und einer Art Füllfedersammlung besteht, die wie ein Schweizer Taschenmesser aus dem Kopf ragen, hält sich bei Gesangspausen im Hintergrund, packt jedoch stets im passenden Moment die Bluesharp aus.
Für charmante Heiterkeit sorgt der seit 2002 amtierende Nachfolger Jon Lords, Don Alrey, ein Meister an Hammondorgel und Keyboards, der sich traditionell bei einem seiner längeren Soli ein Glas Rotwein servieren lässt, während er ein kleines Gewicht auf die Tastatur stellt, damit jener dadurch erzeugte, langanhaltende Ton ihm den Genuss eines tiefen Schluckes gestattet.
Vor dem Konzert ein Treffen mit Pete York
Seine Frisur wirkt etwas tantenhaft, die Haltung leicht kauzig, was die Virtuosität seines Könnens eher noch untermalt, weil es oft so wirkt, als kämen ihm die Eingaben für seine gekonnten Spielereien spontan, auch, als er "In München steht ein Hofbräuhaus" in sein kunterbuntes Potpourri hineinbastelt und damit die Zuhörerschaft zum Mitsingen animiert. Bei kaum einer anderen Rockgruppe spielt die Orgel eine ähnlich übergeordnete Rolle als bei Deep Purple,
Ian Paice lehnt sich genüsslich auf seinen Arm, wenn er mal kurz Pause hat. Vor Konzertbeginn traf er sich noch gemütlich zum Lunch mit seinem alten Freund, dem Spencer Davis Group- und Helge-Schneider-Schlagzeug-Meister Pete York und dessen Gattin Mecky im Bayerischen Hof und bearbeitet somit gestärkt die Becken und die Felle seines Schlagwerks, das lange weiße Haar zu einem kleinen Zopf nach hinten gebunden und die Sonnenbrille stilsicher im Gesicht, als wäre er mit ihr zur Welt gekommen.

Nach zahlreichen rasanteren Nummern wie "Into the Fire" werden auch ruhigere und sentimentale Stücke wie "When a Blind Man Cries" präsentiert und sorgen für wohlige Gefühle im Brustkorb des Publikums. Es gibt wenig Effekthascherei, ein bisserl bunter Nebel ab und zu oder kleine Lichtwechsel, aber der Fokus liegt auf der Wirkung und Entfaltung der Töne.
Gitarrenspieler Simon McBride, das jüngste Bandmitglied, beherrscht sein Instrument grandios, auch wenn seine Gitarre klanglich nicht ganz an den Sound von Ritchie Blackmores Fender-Geräte rankommt. Das macht aber gar nichts, im Gegenteil, etwas musikalisch-farbliche Abwechslung tut einer historisch manifestierten Rockgruppe ganz gut, denn es ist keine Nostalgie-Show, sondern ein magischer Moment der Zeitlosigkeit: gerade gegen Ende des Abends, als sie ihren Welthit "Smoke on the Water" als kulturelles Fossil performen, jene einfachen, und doch so einprägsamen und verdichteten Töne, die Musikgeschichte schrieben und die neben "Stairway to Heaven" jeder Gitarrenschüler irgendwann beherrschen muss.
Und als Nachfolger eines Mythos wie Blackmore muss schon einiges geboten werden – und das tut es. Die textliche und musikalische Bandbreite dieser Gruppe ist dermaßen vielseitig und hat über all die Jahrzehnte immer wieder Exempel statuiert, dass es einfach großen Spaß macht, diese Einzigartigkeit in satter Klangqualität und charismatischer Darbietung erleben zu dürfen.
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