Kritik

BTS in München: Riesige Emotionen – aber auch Schattenseiten der Mega-Show

BTS feiern in München ein spektakuläres Deutschland-Comeback. Die Euphorie ist grenzenlos, die Show beeindruckend – doch zwischen Pyrotechnik, Perfektion und Pop-Maschinerie bleibt überraschend wenig Raum für Spontaneität. Die AZ-Konzertkritik.
von  Christoph Streicher
Gigantische Vorfreude: Vor der Allianz Arena stimmten sich Tausende Fans auf das BTS-Konzert ein.
Gigantische Vorfreude: Vor der Allianz Arena stimmten sich Tausende Fans auf das BTS-Konzert ein. © AZ/Streicher

In München muss man sich auf dem Weg ins Stadion eigentlich zwischen Rot und Blau entscheiden. Am Wochenende gab es jedoch nur eine Option: Lila. Hunderttausend Fans waren in der Symbolfarbe der K-Pop-Band BTS in der Stadt unterwegs, um zwei Konzerte in der Allianz Arena zu feiern.

K-Pop? BTS? Noch nie gehört? Dahinter stecken koreanischer Pop und die erfolgreichste Boyband des Planeten. Zweimal über 70.000 Zuschauer erlebten bei rund 23 Songs die wahrscheinlich größte Party ihres Lebens.

Ein Wirbel wie damals bei den Taylor-Swift-Konzerten. Und doch überdeckte das extreme Kreisch-Level phasenweise die Schwächen einer Show, die bei genauerem Hinsehen vordergründig das durchgetaktete System einer perfekt geölten Musik-Maschine offenbarte. Doch zuerst zu den guten Nachrichten und eine Chronik von einem wahrscheinlich einmaligen Konzerterlebnis.

Leyla, Katharina und Lauryn (von links) mit lila Body-Farbe.
Leyla, Katharina und Lauryn (von links) mit lila Body-Farbe. © AZ/Streicher

Hotelpreise gehen durch die Decke

Unter den Fans war die Vorfreude auf die einzigen Deutschland-Konzerte gigantisch. Die Band aus Südkorea musste 2022 auf dem absoluten Gipfel ihres Schaffens eine fast vierjährige Zwangspause einlegen, da die Mitglieder in ihrer Heimat den obligatorischen Militärdienst ableisten mussten - ganz ohne Promi-Bonus. Die Tickets für die große Rückkehr waren binnen Minuten vergriffen.

Die Münchner Hotellerie verlangte Preise wie zum Oktoberfest und schon Tage vorher gab es Merchandising in der Stadt zu kaufen. In den U-Bahnen mischte sich ein internationales Sprachengewirr, wildfremde Menschen lagen sich in den verschwitzten Armen und sangen sich warm.

Fans sammeln vor dem Stadion kleine Gratis-Geschenke.
Fans sammeln vor dem Stadion kleine Gratis-Geschenke. © AZ/Streicher

Auf der Esplanade vor dem Stadion entfaltete sich vorab der ganze Zauber dieser Community. Wie früher auf dem Schulhof wurden sogenannte „Freebies“ getauscht: kleine, selbstgemachte Geschenke wie Fotos, genähte Taschen oder gehäkelte Figuren. Sobald ein Fan seine Mitbringsel anbot, bildete sich eine friedliche, zuvorkommende Menschentraube.

Viele Fans suchten verzweifelt Karten 

Weniger harmonisch blieb die Ticket-Situation. So viele Pappschilder mit der Aufschrift „Suche Tickets“ sieht man nicht einmal, wenn der FC Bayern das wichtigste Spiel der Saison bestreitet. Hunderte hofften bis zum Schluss vergebens. Richtig bitter lief der Abend für diejenigen, die auf gefälschte Ticket-Plattformen hereingefallen waren. Betroffene (die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen) berichteten unter Tränen von bitteren Enttäuschungen direkt am Einlass.

Die verzweifelte Suche nach Tickets.
Die verzweifelte Suche nach Tickets. © AZ/Streicher

Für sie blieb nur das Verweilen auf der Esplanade, die von der AZ kurzerhand zur „BTSplanade“ getauft wurde. Tausende standen bis runter zur U-Bahn-Brücke und lauschten dem Sound aus dem Stadion, ehe der Sicherheitsdienst das Areal eine halbe Stunde vor Konzertende räumte, um ein Abreise-Chaos zu verhindern.

Wer es in die heiße Arena geschafft hatte, blickte auf eine runde, bewegliche Bühne direkt auf dem Mittelkreis, deren vier Ausläufer bis zu den Eckfahnen reichten. Das garantierte eine Rundumsicht, erlaubte den vollen Verkauf aller Tribünen und bescherte der Arena einen historischen Zuschauerrekord für ein Einzelkonzert. Schon vor dem ersten Ton rollte die Laola-Welle durch die Ränge.

Jacqueline aus Wien mit ihrem Hingucker-Kostüm.
Jacqueline aus Wien mit ihrem Hingucker-Kostüm. © AZ/Streicher

Geheime Extra-Songs

Der Auftritt selbst war ein inszenierter Paukenschlag. In langen, schwarzen Mänteln und flankiert von 50 vermummten Tänzern marschierte die Gruppe im Pyro-Nebel ein und startete mit „Hooligan“. Sobald eines der Mitglieder für seinen Solo-Part groß auf den Leinwänden erschien, stieg der Lärmpegel ins Unermessliche. Gefühlt am lautesten beim jüngsten Mitglied Jung Kook. Beim Comeback-Song „Swim“ hätte die Band die Mikrofone eigentlich komplett abgeben können, das Publikum war fast lauter als der eigentliche Sound. Als geheime Extra-Songs gab es am ersten Abend „Baepsae“ und „Pied Piper“.

Ellen, Birgit und Jette (von links) küren Sänger RM zum Bundeskanzler.
Ellen, Birgit und Jette (von links) küren Sänger RM zum Bundeskanzler. © AZ/Streicher

Ihre tänzerische Extraklasse bewiesen die sieben Südkoreaner bei „MIC Drop“. In einem atemlosen Medley mit „FYA“ und „Fire“ kochte die Arena im Wirbel aus Feuerwerk und Flammenwerfern völlig über. Spätestens als die Kombo zu „IDOL“ auf eine Ehrenrunde durch das weite Rund aufbrach, stand man auch als neutraler Beobachter mit offenem Mund da. Das war handwerklich perfekter Pop und einer der am besten choreografierten Konzertmomente, die man weltweit derzeit sehen kann.

Eine zu große Bühne 

Zwischen den drei großen Blöcken der Show wurde das Tempo allerdings spürbar verschleppt. Die Sänger ließen sich für Kleidungswechsel unter weißen Laken aus der Arena bringen, um kurz darauf in rot-blauen Gewändern in Anlehnung an die südkoreanische Nationalfahne zurückzukehren. Das wirkte nett, für eine Band mit diesem Budget und dem Ruf für opulente Requisiten aber ein wenig schlicht. Die Dynamik der großen Hits ließ sich so nicht über die gesamte Länge der Show retten. In den Pausen durften die Fans stattdessen ihre selbstgebastelten Plakate mit Songwünschen in die Kameras halten, um die Zeit zu überbrücken.

Severin, Anni, Esther und Veronika in ihren lila Trikots.
Severin, Anni, Esther und Veronika in ihren lila Trikots. © AZ/Streicher

Natürlich wäre es am einfachsten gewesen, sich in die Li-La-Laune-Welt wie in ein großes Kissen hineinzuwerfen und den Abend kreischend erheitert mit einer sogenannten Army-Bomb in der Hand (eine Art ferngesteuerter Leuchtstab) zu verbringen. Doch die Kehrseite der Medaille war unübersehbar. Die gesamte Show wirkte stellenweise nicht für die Menschen im Stadion gebaut, die immense Summen für ihre Karten bezahlt hatten, sondern für die spätere Verwertung auf Bildschirmen.

Die riesige 360-Grad-Bühne war für die größte Boyband der Welt schlicht zu groß. Sie erinnerte eher an ein unterkühltes Fernsehstudio, vollgestellt mit Kamerateams und Telepromptern an jeder Ecke. Die wenigen, generischen Publikumsansagen wurden Wort für Wort abgelesen. Da stand das bayerische „Servus“ oder ein „Seid ihr bereit“ in koreanischer Lautschrift auf den Screens. Als Sänger Jin sich (natürlich rein zufällig) auf den XXL-Leinwänden über der Bühne sah, zwinkerte er in die Kamera. Die darauffolgende Kreisch-Explosion sorgte für den ein oder anderen Tinnitus.

Mit dem Bayern-Trikot auf die Bühne

Diese strikte Taktung raubte dem Auftritt die Spontaneität. Die Bewegungen wirkten maßgeschneidert für kurze Social-Media-Clips, echte Freude sah man in den Gesichtern der Protagonisten eher selten. Als die Sänger J-Hope und V zur Zugabe im Bayern-Trikot auf die Bühne kamen, fing die Kamera ungewollt Vs Gesichtsausdruck wie drei Tage Regenwetter ein. Am Vortag beim ausgelassenen Sprung in den Eisbach im Englischen Garten schien die Laune noch deutlich besser gewesen zu sein.

Auch die Organisation für die treuesten Fans im Innenraum hatte Schattenseiten – obwohl, eigentlich gab es diese genau nicht. Bereits am Nachmittag wurden die VIP-Ticket-Inhaber in die Arena zum Soundcheck gelassen, wo sie stundenlang der prallen Sonne ausgesetzt waren. „Es gab kaum Schatten und wenig Toiletten. Ein paar von uns hatten Rettungsdecken, unter denen wir gesessen haben, um uns vor der Sonne zu schützen“, berichtete Catalina aus Monterrey in Mexiko.

Darin steckt auch das Fazit dieses geschichtsträchtigen Münchner Wochenendes. Teile dieser Show bieten das absolut Beste, was die moderne Pop-Welt aktuell zu bieten hat. Andere Elemente wiederum zeigten die kühlste, am stärksten durchrationalisierte Seite der Unterhaltungsindustrie.

Den Fans ist es egal, wer Karten für das Sonntags-Konzert hat, schaut sich die Sause auch zweimal an. 

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.