Auf der Wiesn mit Kevin John Edusei

Seit Beginn der Saison ist Kevin John Edusei neuer Chefdirigent der Münchner Symphoniker. Der gebürtige Bielefelder deutsch-ghanaischer Herkunft war Kapellmeister in Augsburg und dirigierte auch schon an der Dresdner Semperoper. Am frühen Nachmittag wollte der 36-jährige Dirigent zwischen zwei Proben mit seinem Orchester auf eine Maß verzichten. Daher trank er auf der Wiesn einen Cappuccino zu einem Vanillekrapfen.
| Robert Braunmüller
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Kevin John Edusei, der neue Chefdirgent der Münchner Symphoniker, auf der Wiesn.
Daniel von Loeper Kevin John Edusei, der neue Chefdirgent der Münchner Symphoniker, auf der Wiesn.

Seit Beginn der Saison ist Kevin John Edusei neuer Chefdirigent der Münchner Symphoniker. Der gebürtige Bielefelder deutsch-ghanaischer Herkunft war Kapellmeister in Augsburg und dirigierte auch schon an der Dresdner Semperoper. Am frühen Nachmittag wollte der 36-jährige Dirigent zwischen zwei Proben mit seinem Orchester auf eine Maß verzichten. Daher trank er auf der Wiesn einen Cappuccino zu einem Vanillekrapfen.

AZ: Herr Edusei, waren Sie schon mal auf der Wiesn?

KEVIN JOHN EDUSEI: Ist das schlimm, wenn ich gestehe, es ist das erste Mal? Letztes Jahr hatte ich zur Wiesnzeit ein Konzert in München, aber es ist sich leider nicht ausgegangen.

Gibt’s bei Ihnen im Ruhrgebiet ein vergleichbares Volksfest?

Aber, Herr Braunmüller! Jetzt lasse ich gleich den Krapfen stehen und gehe! Ich komme doch nicht aus dem Ruhrgebiet, sondern aus Bielefeld. Das liegt 100 Kilometer nördlich – und hat ein ganz anderes Lebensgefühl.

Wie muss ich mir als Münchner das Bielefelder Gefühl vorstellen?

Eine heikle Frage, denn es ist ja fraglich, ob diese Stadt überhaupt existiert. Vielleicht stimmt ja die Theorie der Bielefeld-Verschwörung. An ihr sollen alle beteiligt sein, die behaupten, aus dieser westfälischen Stadt zu kommen.

Falls es Bielefeld gäbe – ähnelt es München irgendwie?

In der Nähe steht das Hermannsdenkmal, ein Nationaldenkmal aus dem 19. Jahrhundert. Wie die Bavaria – nur größer.

Dafür ist die Bavaria älter. Und schöner. Was  macht Bielefeld aus?

Es ist eine schön gelegene, aber bescheidene Stadt. Die Textilindustrie, Handwerker und ein starker Mittelstand prägen Bielefeld. Man sagt uns Westfalen eine gewisse Sprödigkeit nach. Die müsste ich bei künftigen Oktoberfestbesuchen noch ablegen. Aber ich bin nicht sicher, ob Sie da wirklich der richtige Begleiter sind.

Ihr erstes Abo-Konzert im Oktober ist mit „Liebeswut“ überschrieben, da sollten Sie auch nicht spröde sein.

Zuerst spielen wir Luigi Cherubinis „Medea“-Ouvertüre, ein sehr aufgepeitschtes Stück, das die Unruhe dieser verlassenen Frau wiedergibt. Danach folgt ein Krimi in Wort und Ton: Gila von Weitershausen spricht das vom Orchester begleitete Melodram „Medea“ von Georg Anton Benda. Das ist fast wie eine Oper – nur gesprochen. Mozart hat das Stück sehr geschätzt. Deshalb gibt es als krönenden Höhepunkt nach der Pause seine Jupiter-Symphonie.

Die Münchner Symphoniker sind das kleinste Groß-Orchester der Stadt. Wie erleben das die Musiker?

Ich stelle immer wieder fest, dass jeder Einzelne sehr gern ein Münchner Symphoniker ist. Wir machen etwas ganz Anderes als die Kollegen bei den Philharmonikern oder dem Bayerischen Rundfunk: Unser Portfolio ist viel breiter gefächert. Es reicht von Mozart und Beethoven über Arienabende bis zur Filmmusik. Die Kollegen im Orchester genießen es, vom Repertoire her nicht so eingeengt zu sein. Trotzdem spielen wir auch gern die Vierte von Brahms.

Wie soll das Orchester in drei Jahren dastehen?

Ich stelle mir vor, dass die Entwicklung in Richtung Kammerphilharmonie geht. Wir müssen uns weiter profilieren, aber das lässt sich nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Das ist ein gemeinsamer Weg, den wir mit dem Publikum gehen werden. Ich spüre da aber viel Zustimmung. Die Abonnenten schreiben mir, dass sie gerne Beethoven hören, aber auch einmal etwas Neues – etwa einen Janácek.

Könnten Sie sich vorstellen, eine Bierzeltkapelle zu dirigieren?

Warum nicht? Ich bin mir für keinen musikalischen Stil zu schade. Sie müssten der Kapelle eine Runde ausgeben. Das Gefährliche ist nur, dass die dann so spielen, wie man dirigiert. Als Dirigent bezieht man den Klang immer auf sich.

Würden Sie mit einer Achterbahn fahren, die einen Looping hat?

Warum nicht? Allerdings: Als ich das letzte Mal mit meiner Tochter auf einem Volksfest war, brauchte ich nach einem solchen Erlebnis eine Viertelstunde, um mich wieder zu sortieren.

Vielleicht ist es besser, wir gehen zum Schichtl. Beim ersten Wiesnbesuch gehört das einfach dazu.

Geköpft wurde weder der Berichterstatter noch der Dirigent, sondern ein Mann aus Paderborn – einer Stadt bei Bielefeld.

Und, wie war’s?

Großartig. Jetzt verstehe ich endlich den Spruch „Auf geht’s zum Schichtl“.

Werden Sie auf die Wiesn zurückkehren?

Auf jeden Fall. Es ist interessant, wie sich die verschiedenen Rhythmen überlagern. Hier eine laute Karussell-Musik, da von fern das Prosit einer Bierzeltkapelle – ein Hauch von Bruitismus oder Musique Concréte. Der amerikanische Komponist Charles Ives hätte sich auf dem Oktoberfest wohlgefühlt. Aber es ist Nachmittag, und es ist noch nicht viel los. Vorläufig erreicht die Stimmung nur den Grad des Cannstatter Wasens in Stuttgart.

Kevin John Edusei dirigiert „Liebeswut“ am 24.10. im Herkulessaal. Mehr Infos auf www.muenchner-symphoniker.de, Karten unter Telefon 936093

 

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