András Schiff spielt Brahms: Oasen des Sensiblen

András Schiff hat die Klavierkonzerte von Johannes Brahms mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment eingespielt.
| Michael Bastian Weiß
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András Schiff bei einer Probe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal.
András Schiff bei einer Probe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal. © imago/Michel Neumeister

Als besonders authentizitätsgläubig ist der Pianist András Schiff bislang nicht aufgefallen. Es ist daher eine Nachricht wert, wenn er die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms, die er seit langem sozusagen konventionell aufführt, mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment aufnimmt, das historisch informiert auf Instrumenten alten Typs spielt.

Junger Pianist Max Fiedler lernte Johannes Brahms 1882 kennen

Explizit bezeichnet Schiff diese Versionen im Beibüchlein als Versuch, die Werke "neu zu deuten, sie quasi zu restaurieren" und dabei auch von "mancherlei fragwürdigen Traditionen zu befreien".

Nun ist Brahms ein paar Jahre zu früh gestorben, um noch eigene Aufnahmen mit Orchester zu hinterlassen. Ist also der Anspruch dieses Doppel-Albums bloß spekulativ, weil wir eh nicht wissen können, wie es geklungen hat?

Nicht ganz. Der junge Pianist Max Fiedler (1859 - 1939) hatte den Komponisten schon 1882 kennengelernt, kurz nach Fertigstellung des zweiten Klavierkonzerts. 1936 und 1939 dirigierte Fiedler Aufnahmen beider Klavierkonzerte.

Auch wenn diese Dokumente kein Beweis dafür sind, wie es wirklich war, ist doch schwer vorstellbar, dass Fiedler offen gegen die Intentionen des Komponisten hätte verstoßen können. Der gemessene Bewegungsgestus, in dessen Kontext die Seitenthemen sogar noch weiter verlangsamt werden, dürfte also gerade keine fragwürdige Tradition sein.

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András Schiff wählt flüssige Tempi

Soweit, diese überkommene Art des Musizierens nachzuahmen, treibt András Schiff die Vergangenheitsschau nicht. Er wählt vielmehr für beide Konzerte, Nr. 1 d-moll und Nr. 2 B-Dur, flüssige Tempi, wobei er sich in einem Fall sogar auf eine wohl auf Brahms zurückgehende Metronom-Angabe berufen kann.

Auch lässt Schiff das Orchester die spitzen Staccati nicht so penetrant ausführen, wie es noch Fiedler tat. Und das ist gut so. Denn auch, wenn dieser damit den Usus der Brahms-Zeit dokumentiert haben sollte, würden solche Maßnahmen heute paradoxerweise eben nicht besonders werkgetreu erscheinen.

Originaler Brahms - ohne direkte Imitation des Vergangenen

Andererseits verlassen sich die exzellenten Spieler des Orchestra of the Age of Enlightenment nicht darauf, dass Darmsaiten und frühe Ventilhörner von selbst original klingen. Wenn hier jeder noch so unscheinbare Holzbläsereinsatz distinkt in Erscheinung tritt, liegt das an der sorgfältigen Einstudierung.

Und András Schiff? Wird von dem hinreißend obertonreichen Blüthner-Flügel von 1859 (dem Jahr, in dem Max Fiedler geboren wurde) so inspiriert, dass er das Orchester mit den monumentalen Solo-Parts dominiert und dennoch immer wieder Oasen sensibelster Kammermusik entdeckt. Heraus kommt also originaler Brahms - ohne direkte Imitation des Vergangenen.


Johannes Brahms: Klavierkonzerte, András Schiff, Orchestra of the Age of Enlightenment (ECM)

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