Schwebend an einem unzerreißbaren Faden

Christian Gerhaher und Gerold Huber mit Liedern von Schubert im Prinzregententheater.
| Michael Bastian Weiß
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Christian Gerhaher und Gerold Huber bei einem früheren Liederabend im Nationaltheater.
Christian Gerhaher und Gerold Huber bei einem früheren Liederabend im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

Er hört doch nie auf, uns zu überraschen. Bei seinen letzten Soloauftritten hatte Christian Gerhaher sich oft nach innen gewendet. Die Wirkungen waren unerhört: Die Worte und Zeilen konnten oft nicht sanft genug erklingen.

Ihr aktuelles Programm, das ausschließlich Lieder des reifen Franz Schubert bietet, beginnen die beiden gebürtigen Straubinger Gerhaher und Gerold Huber aber mit "Dem Unendlichen" des Epikers Friedrich Gottlieb Klopstock. Nicht jeder Hörer wird geahnt haben, welche naturhafte Kraft Gerhaher zur Verfügung hat - wenn er sie braucht und gebrauchen will. In diesem Gesang bildet das Organ über seinen gesamten Umfang bis in die Tiefe hinein geradezu einschüchterndes Volumen aus.

Gerhaher und Huber suchen krasse Kontraste

Gerhaher erreicht es ohne einen Anflug von Forcieren durch eine Öffnung, ja, Entfesselung der Stimme. So geht die Macht des Vortrags nie auf Kosten der schieren Schönheit. Später reckt sich zu den Höhepunkten der berühmten Goethe-Vertonung "Prometheus" Gerhahers ganzer Körper maximal gespannt in die Höhe: Die Musik geht gleichsam mitten durch ihn hindurch.

In diesem Schubert-Programm suchen Gerhaher und Huber krasse Kontraste. Denn nach dem grandiosen Auftakt fächern die elf Lieder, deren Texte aus dem Gedichtzyklus "Abendröte" von Friedrich Schlegel stammen, wie in einem Mikrokosmos die gesamte Gestaltungskunst Gerhahers auf. Hatte er in "Dem Unendlichen" die Konsonanten unerbittlich gestanzt, werden die gleichen "k"s und "t"s nun in dem reizenden "Die Vögel" weich gebettet. Einzigartig ist, wie in "Der Fluss" einzelne Silben sacht angetupft, dann aber wie an einem unsichtbaren wie unzerreißbaren Faden am Schweben gehalten werden, oder wie in der "Der Knabe" allein ein geseufztes "Ach" still jubelnd vibrieren kann.

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Diese vollständige Verschmelzung von Wort und Ton spiegelt sich in der Begleitung wider. Gerold Huber, der nicht nur immer mehr wie Franz Liszt aussieht, sondern pianistisch auch entsprechend brilliert, stimmt seine enorme Bandbreite zwischen sensibler Klanglichkeit und akzentuierter Perkussivität empfindlich genau mit dem Gesang seines Partners ab. Wenn man es so beschreibt, klingt das alles nach hochgezüchteter Artistik. Das Gegenteil ist der Fall. Denn auf wundersame Weise ertönen das visionäre "Nachtstück" oder die beiden Zugaben, die zusammengehörigen Silbert-Gesänge "Abendbilder" und "Himmelsfunken", in unberührter Natürlichkeit - wobei Gerhaher ein Bild wie "stilles Blau" so suggestiv malt, dass man die Farbe im Prinzregententheater glaubt aufschimmern zu sehen. Gerhaher deutet Sprache und Musik, so könnte man es auf den Begriff bringen, in ihrer ganzen Bedeutungsfülle aus, ohne sich jedoch je auf eine einseitige Interpretation festzulegen.


Gerhaher ist wieder am 25. September bei einem Kammerkonzert mit Isabel Faust und anderen im Nationaltheater beim Septemberfest zu hören, mit dem die neue Saison beginnt.

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