Ahmad Shakib Pouya: Seine Reise ins Ungewisse

Ahmad Shakib Pouya und der Münchner Musiker Albert Ginthör sind am Freitag nach Kabul geflogen – mit Todesangst im Gepäck.
| Volker Isfort
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Albert Ginthör (li.) mit Ahmad Shakib Pouya am Frankfurter Flughafen.
B. Huber Albert Ginthör (li.) mit Ahmad Shakib Pouya am Frankfurter Flughafen.

Frankfurt am Main - Seit sechs Jahren ist Ahmad Shakib Pouya in Deutschland, als abgelehnter Asylbewerber aus Afghanistan. Im Oktober wurde ihm die Duldung entzogen und am Freitag bestieg er in Frankfurt ein Flugzeug nach Istanbul. Von dort geht die Reise weiter nach Kabul. An seiner Seite ist der Münchner Musiker Albert Ginthör, Orchestermiglied des Staatstheaters am Gärtnerplatz, der auch die Aufführungen der Oper „Zaide - Eine Flucht“ mitorganisiert hatte, bei der Pouya vergangene Woche in der Alten Kongresshalle mitwirkte.

Die Ausländerbehörde hat zuletzt massiv Druck auf Pouya ausgeübt, dass er ein Ticket zur Ausreise vorlegen müsse. Die erzwungene „freiwillige“ Ausreise Pouyas ermöglicht ihm rein theoretisch eine leichtere Wiedereinreise nach Deutschland. Es soll weitere „Zaide“-Aufführungen geben und auch die IG Metall, bei der Pouya zuletzt in der Flüchtlingsberatung gearbeitet hatte, möchte den 33-Jährigen fest beschäftigen. Bisher hat Pouya nur ehrenamtlich gearbeitet, weil die deutschen Behörden ihm eine Arbeitserlaubnis verweigerten.

25.000 unterzeichneten eine Online-Petition

Bis zuletzt hatte Ginthör gehofft, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) würde die Entscheidung noch rückgängig machen. Zahlreiche Politiker hatten sich für Pouya eingesetzt, es gab eine Online-Petition mit rund 25.000 Unterzeichnern und offene Briefe des Deutschen Bühnenvereins und des Deutsches Orchesterrats an den Bayerischen Landtag und den Innenminister. „Ich kann ja nicht sagen: Danke Pouya, schöne Aufführung, aber Dein Leben ist mir egal“, hatte Ginthör der AZ am Donnerstag gesagt und zugegeben, voller Sorge in ein Land zu reisen, im dem die Sicherheitslage sehr prekär ist.

Für Pouya ist die Bedrohung ungleich größer. Er hat sich als Künstler kritisch mit den Taliban und der afghanischen Gesellschaft auseinandergesetzt, Texte von ihm kursieren im Internet. Einen konkreten Anlaufpunkt in Afghanistan hat er nicht, seine Familie ist schon vor Jahren nach Pakistan geflohen. Ginthör hatte gehofft, dass das Goethe-Institut in Kabul vielleicht Unterstützung anbieten würde und für einen sicheren Transport vom Flughafen zum Institut sorgen könnte, doch solche Sicherheitsgarantien gibt es nicht. In einer Stellungnahme vom Freitag sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, er habe sich dafür eingesetzt, dass zumindest die Ausreise Herrn Pouyas so lange aufgeschoben werde, bis der seit November 2016 bei der Härtefallkommission des Bayerischen Landtages vorliegende Antrag für seinen Fall entschieden sei.

„Es ist nicht zu verstehen, dass ein laufendes Verfahren dadurch erschwert wird, dass er aufgefordert wird, die Entscheidung in Afghanistan abzuwarten und nicht in Bayern“, sagte Lehmann. Aber „wegen des eindeutigen Gefährdungspotentials kann das Goethe-Institut nicht für die Sicherheit Herrn Pouyas in Kabul garantieren. Angesichts der unverändert prekären Sicherheitslage genehmigt das Goethe-Institut zurzeit keinerlei Dienstreisen und Reisen ausländischer Experten oder Künstler nach Kabul.“

Eindeutiges Gefährdungspotential?

Das sieht der derzeit die Abschiebungen forcierende Joachim Herrmann völlig anders. Er sprach von „halbwegs sicheren“ Regionen, in die er offensichtlich möglichst viele Afghanen zurückschicken möchte. Diese Maßnahme betrifft keineswegs Kriminelle, wie es ursprünglich hieß. In Bayern werden auch Afghanen, die hier legal arbeiten und Steuern zahlen, aus ihrem Job entfernt und abgeschoben. Auch für Pouya gab es also keine Gnade.

Wo sie in Kabul unterkommen sollten, wussten Ginthör und Pouya noch nicht, als sie in Frankfurt die Maschine bestiegen. Den ganzen Tag lang hatten Helfer versucht, Kontakt zur Deutschen Botschaft in Kabul aufzubauen – bis zum Abflug vergeblich. Kurz vor der Abreise sagte Pouya am Frankfurter Flughafen: „Ich bin natürlich traurig und enttäuscht. Aber ich weiß auch: An meiner Lage ist kurzfristig nichts zu ändern. Ich kann nur hoffen, dass nichts Schlimmes passiert. Und ich vertraue darauf, dass ich wiederkomme. Auf jeden Fall werde ich über Internet Kontakt halten. Bei meinen Freunden und den vielen Menschen, die mich unterstützt haben, bedanke ich mich von Herzen“

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