Völlig aus der Zeit gefallen

Die Bayerische Landesausstellung "Götterdämmerung II - Die letzten Monarchen" zeigt in Regensburg den Niedergang der Krone.
| Christian Muggenthaler
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Die Feile, mit der Kaiserin Elisabeth 1898 ermordet wurde, eingerahmt mit einem Inventarverweis der Spurensicherung Genf.
Die Feile, mit der Kaiserin Elisabeth 1898 ermordet wurde, eingerahmt mit einem Inventarverweis der Spurensicherung Genf. © Bene Croy, Josephinum - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin

Regensburg - Mit Staatsgeschenken ist das ja oft so eine Sache. Aber das, was seine Bundesfürsten dem deutschen Kaiser Wilhelm II. zu seinem Reichsjubiläum am 17. Juni 1913 geschenkt haben, war schon von ausgesucht erhabener Scheußlichkeit.

Ein Wikingerschiff in den Werkstoffen Silber, Email, Granat, Lapislazuli, Onyx und Türkis aus der Werkstatt des Münchner Künstlers Fritz von Miller, symbolüberfrachtet, mit Säulchen und Figürchen und kleinen Wäppchen, mit geblähtem Segel und gestrengen Adlerköpfen an Bug und Heck, zeigt massiv übersteigerten Pomp als passende Metapher für den reichlichen Realitätsverlust in all der majestätischen Großmannssucht zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ausstellung "Götterdämmerung II": Dem "letzten Monarchen" gewidmet 

Immerhin: Ihm gefiel's, dem Noch-Kaiser, bald Ex-Kaiser. Nach seinem Sturz, in seinem holländischen Exil im Haus Doorn, hatte er das Ding im Esszimmer stehen. Nach seiner ganz persönlichen Götterdämmerung.

Ein Wikingerschiff als Allegorie des Deutschen Reichs, gestaltet von Fritz von Miller (1840-1921).
Ein Wikingerschiff als Allegorie des Deutschen Reichs, gestaltet von Fritz von Miller (1840-1921). © Foto: Theo Scholten, driejuni.nl, Museum Huis Doorn

"Götterdämmerung II" heißt die diesjährige Landesausstellung des Haus der Bayerischen Geschichte (HDBG). Sie ist den "letzten Monarchen" gewidmet und erzählt im Anschluss an die sehr erfolgreiche Ludwig-II.-Ausstellung "Götterdämmerung" im Jahr 2011 im Neuen Schloss Herrenchiemsee von den Fährnissen der mitteleuropäischen Monarchen nach des Märchenschlossherrn Tod bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, als eine Vielzahl von ihnen endgültig abserviert wurden.

Auch dieser Wilhelm, der auf einer Büste des Bildhauers Walter Schott aus dem Jahr 1896 noch so selbstherrlich aus der Wäsche schaut. Was ist da also passiert mit der Idee des Monarchismus in den Jahrzehnten nach 1886?

Die Landesausstellung will's erkunden. Eine Erkundung, die eigentlich wieder in Herrenchiemsee hätte stattfinden sollen, was aber aus Corona-Gründen nicht ging. Wohl dem, der ein immer noch recht frisch bezogenes Museum in Regensburg mit seinem Donausaal hat: Dorthin zog mit wehenden Wikingerschifffahnen das ganze Unternehmen um.

Rund 150 Objekte auf 1.000 Quadratmetern ausgestellt

Jetzt gibt es auf 1.000 Quadratmetern rund 150 Objekte zu sehen, die Auskunft geben über die letzten Staats-Repräsentationsjahre der bayerischen Wittelsbacher, der österreichisch-ungarischen Habsburger, der preußischen Hohenzollern. Erzählt wird, wie die Monarchie allmählich brüchig wird. Erstarrt in Pomp. Bedroht von Attentätern. Mächte ohne Macht. Alsbald abdankend. Der bayerische König Ludwig II., mit dessen Totenbett und Bestattungsszenerie auf großer Filmleinwand die Schau beginnt, ist ja schon mal ein gutes Beispiel für eine solche Machtlosigkeit, weil in seiner Zeit längst bürgerliche Regierungen die eigentlichen Entscheidungen trafen, Bayern seine Selbstständigkeit verlor und dem "Kini" nur noch seine Schein-Realität blieb. So wie man das halt macht, wenn die Zeiten sich ändern, man aber jegliche Veränderungserscheinungen vorbildlich verdrängen will.

Hilft aber nichts. Neue Zeiten kommen immer trotzdem. Mit all ihren neuen Favoriten. Und Favoritinnen. "Götterdämmerung II" zeigt sie: Karl Marx und Albert Einstein, das Motorrad und das Telefon, die Frauenrechtlerinnen vom Münchner Fotostudio "Elvira". Dazu: neue Bevölkerungsschichten, neue gesellschaftliche Problemstellungen - und dem gegenüber die guten, alte Königshäuser, europaweit miteinander verbandelt in der traulichen, kuschligen, immergleichen Ehe-Runde der Thronfähigkeit. Hochzeiten als aristokratischer Blutspendedienst. Gemälde und Fotografien zeigen diese eng ineinander verwobenen Familien. Zum Beispiel auf dem Foto der Hochzeit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein mit der Prinzessin Victoria Melita, Tochter Herzog Alfreds von Sachsen-Coburg und Gotha: Beide gehörten zu den 40 Enkelinnen und Enkeln von Queen Victoria (1819 bis 1901).

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Da stellt sich dann angesichts all dieser übernationaler Verbundenheit schon die naheliegende Frage, die auch HDBG-Direktor Richard Loibl im Ausstellungskatalog stellt: "Warum, um Himmels Willen, hat sich während des Ersten Weltkriegs kein Monarch oder Anverwandter gefunden, der energisch dafür geworben hätte, dem Morden eine Ende zu setzen?" Oder sich vor dem ganzen Grundgrusel des 20. Jahrhunderts um internationale Verständigung - quasi: Familienfrieden - bemühte?

Dass all das nicht geschah, dass auch das bayerische Königtum mit hinein marschierte in den Krieg des preußischen Kaisertums, brachte es mit sich, dass es am Ende von Krieg und Tod und Leid und Krankheit und Hunger keinerlei Bedarf mehr gab für all das Monarchengetümel. Das aber dennoch schillernde Individuen hervorgebracht hat.

Ein rundes Zeitbild durch Jahrhundertwechsel, Krieg und Revolution

Da gibt's in der Schau beispielsweise Eindrücke von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn, der sein Reich 68 Jahre lang regierte - und noch mehr Ausstellungsstücke von seiner Frau Elisabeth, gut bekannt als "Sisi", repräsentiert durch Gemälde, Kleider, ein Familienbild, ihre Totenmaske und jener Feile, mit der sie am 10. September 1898 in Genf von dem italienischen Anarchisten Luigi Lucheni ermordet wurde. Franz Josephs Neffe, Erzherzog Franz-Ferdinand, war dann am 28. Juni 1914 zusammen mit seiner Frau Sophie Opfer des Attentats von Sarajevo - mit den bekannten Folgen.

Vom Begräbnis Ludwigs II. Im Jahr 1886 bis zum Begräbnis Ludwigs III. 1921 reicht die Zeitspanne einer Ausstellung, die in HDBG-typischer Art viele Objekte unterschiedlichster Aussagekraft zusammenbringt und inszeniert - bis hin zum goldenen Boden für den Raum mit den letzten ständischen Feiern im Jahr 1913. Filmaufnahmen, schriftliche Dokumente, Fotografien, Gemälde, Alltagsgegenstände, Uniformen, Statuetten wachsen zusammen zu einem runden Zeitbild durch Jahrhundertwechsel, Krieg und Revolution.

Praktisch ist, dass man den Blick von oben, den das Thema zwangsläufig ergibt, im selben Haus im ersten Stock durch andere Blicke auf die bayerische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert ergänzen kann. Das ergibt dann: ein historisches Gesamtpaket.


Museum der Bayerischen Geschichte, Regensburg, Donaumarkt 1, bis 16. Januar 2022, Di-So, 9-18 Uhr

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