Münchner Polizei kämpft gegen Graffiti-Szene – Ermittler: "Manches ist beeindruckend"

Im Polizeikommissariat 23 in der Landshuter Allee sitzt eine Graffiti-Spezialeinheit. Das kleine Team teilt sich dabei in zwei verschiedene Zuständigkeitsbereiche auf: Beamten der Bundespolizei gehen gegen Sprayer an Bahnhöfen und Gleisen vor, während Angestellte der Polizei München, den städtischen Raum überwachen.
Um den Graffiti-Sprayern das Handwerk zu legen, arbeiten die beiden Abteilungen eng zusammen, teilen sich ein Büro und Informationen über Täter. In einem Gespräch mit der AZ geben zwei Vertreter des Graffiti Teams einen Einblick in ihren Alltag, ihre Aufgaben und Perspektiven auf die umstrittene Kunstform.

AZ: Frau Birner, Herr Pfeifer, wer arbeitet in ihrem Team und wie unterscheiden sich Ihre Verantwortungsbereiche?
CARSTEN PFEIFER: Die Bundespolizei ist für alle Gleise der Deutschen Bahn im Raum München sowie benachbarte Landkreise verantwortlich, also eigentlich für das gesamte S-Bahnnetz. Pro Jahr bekommen wir in diesem Bereich bis zu 1000 Anzeigen, die wir bearbeiten müssen. Wir haben also verschiedene Sachbearbeiter, die sich nur mit Massendelikten beschäftigen. Der Großteil kann da natürlich nicht aufgeklärt werden.
Verbindungen finden und Identitäten aufdecken
DOROTHEA BIRNER: Bei uns gibt es auch spezielle Sachbearbeiter, zum Beispiel für die MVG, die zählt als städtisches Unternehmen in unsere Zuständigkeit. Dann haben wir Kollegen, die befassen sich mit allen Anzeigen gegen Unbekannt. Dazu zählen meistens Tags an Stromkästen, Bushaltestellen, Unterführungen oder Gebäuden. Was man halt so in der Stadt sieht. Prinzipiell machen Carsten, unser kleines Team und ich hier im K23 aber den „langweiligen“ Schreibtisch-Job. Wir sind nicht die, die draußen die Täter jagen, das machen die Streifen. Wir sind die Berater für den Einsatz auf der Straße oder am Gleis. Wir verwalten eine riesige Datenbank mit Bildmaterial. Anhand davon vergleichen wir Schriftzüge und Motive und versuchen, Verbindungen zu finden und Identitäten aufzudecken.
Wenn Sie so Rückschlüsse auf die Identität eines Sprayers ziehen, zählt das vor Gericht dann als Beweis?
BIRNER: Wenn es eindeutig erkennbar ist, Ja.
Kann man denn zusammenfassen, wen sie hauptsächlich erwischen?
BIRNER: Bei uns im Stadtbereich sind es hauptsächlich junge Leute, so zwischen 15 und 25 Jahren.
PFEIFER: Ja und wir bei der Bundespolizei fangen dann die „älteren Herrschaften“. Das liegt am Erfahrungswert der Täter. Denn an Gleisen und Zügen zu arbeiten ist mit einem wesentlich größeren Risiko und Planungsaufwand verbunden, als etwas an eine Hauswand zu malen. Außerdem wird an Bahngleisen oft großformatig gearbeitet, teilweise 30 Quadratmeter große Bilder. Da muss man nicht nur schnell sein, sondern auch extrem gut organisiert, und das ist man eigentlich nur, wenn man bereits viel Erfahrung hat.
Mit welchen Strafen müssen Graffiti-Künstler denn rechnen?
PFEIFER: Wegen Graffiti wird keiner ins Gefängnis gesteckt. Wenn keine krasseren Straftaten dazu kommen, bleibt es bei Geldstrafen - auch bei Wiederholungstätern. Aber man muss sich bewusst sein, die Deutsche Bahn hat ein eigenes Anwälte- Team, das auf Sachbeschädigung durch Sprayer spezialisiert ist. Die verstehen keinen Spaß und versuchen das Maximum rauszuschlagen! Wenn man dann für die Kosten von Reinigung, Anwälten, plus die Geldstrafe aufkommen muss, bewegt man sich ganz schnell im zweistelligen Tausender Bereich.

Auf wieviel beläuft sich denn der Schaden durch Graffitis im öffentlichen Raum München?
Im S-Bahnbereich gibt es einen jährlichen Schaden von etwa einer Million Euro.
BIRNER: In der Stadt sind es nochmal knapp 200.000 Euro pro Jahr. Und das bezieht sich jetzt nur auf die Münchner U-Bahn. Über Schaden, der bei Privateigentümern oder Hausverwaltungen, entsteht, können wir keine Auskunft geben. Aber auch die MVG hat ihren Ermessenspielraum für Sachbeschädigung mittlerweile verändert und bringt jetzt mehr zur Anzeige.
Die Bahn hat 48 Stunden Zeit
Ab welcher Graffiti-Größe werden Waggons denn aus dem Verkehr genommen und gereinigt?
PFEIFER: Die Regel ist, dass eine getaggte Bahn innerhalb von 48 Stunden sauber sein muss. Die Wahrheit ist aber, dass die S-Bahn München gar nicht so viele Züge hat, deshalb fahren sie meistens noch länger rum. Außer eine Bahn ist so stark besprüht, dass es zum Beispiel die Sicht des Fahrers einschränkt. Oder wenn ein Waggon komplett in Farbe bedeckt ist, dann wird der Wagen sofort aus dem Verkehr gezogen.
BIRNER: Bei der U-Bahn ist das Vorgehen sehr konsequent. Die MVG-Fahrzeuge werden wirklich direkt gereinigt.

Gibt es Linien, die besonders betroffen sind?
PFEIFER: Nein, aber es gibt Hotspots. Die befinden sich meistens an Endhaltestellen. Aber man merkt auch Streik- und Umbaumaßnahmen im S-Bahnnetz. Wenn Strecken gesperrt sind oder Züge rumstehen, dann ist das eine Einladung für Sprayer.
Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Orten, die ihre Planung und Chancen auf Erfolg beeinflussen? Es muss ja schnell gehen.
BIRNER: Bei der Fahrtzeit, die man braucht, um zum Tatort zu kommen, haben wir natürlich einen Vorteil. Die Polizei München kann in drei bis fünf Minuten vor Ort sein.
PFEIFER: Bei uns ist das was Anderes, wir sind nicht in drei Minuten zur Endhaltestelle ins Randgebiet gefahren. Deshalb arbeitet die Bundespolizei auch mit den Sicherheitskräften der Deutschen Bahn zusammen.

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Wir bilden die Sicherheitskräfte der Bahn zum Teil aus, geben Schulungen und stehen in engem Kontakt. Persönliche Informationen, die wir als staatliche Institution haben, geben wir natürlich nicht weiter.
"Das ist natürlich sehr dumm"
Wie entsteht ein Einsatz?
BIRNER: Hauptsächlich beziehen wir unsere Informationen von Anzeigen, die reinkommen. Und den sozialen Netzwerken. Manchmal wollen Jugendliche prahlen und posten Bilder auf Instagram, das ist natürlich sehr dumm. Es gibt aber keine internen Informanten oder V-Leute oder sowas. Und wenn wir merken, dass sich ein neuer Hotspot entwickelt, dann werden diese Gebiete erhöht bestreift. Ab und zu gibt es Konzept-Einsätze, für die plant man einige Wochen. Aber wie gesagt, wir sind an den Einsätzen nicht direkt beteiligt, sondern beraten die Reviere, die den Einsatz dann ausführen.

Hat sich die Szene in den vergangenen Jahren verändert?
BIRNER: Es sind wesentlich mehr Graffitis geworden und gleichzeitig hat die Qualität der Bilder extrem abgenommen. Das liegt aber daran, dass die Fußball-Graffitis in ihrer Masse explodiert sind - und bei denen geht es um Fanzugehörigkeit, nicht um Ästhetik.
150 Km/h und Sogwirkung
Unser Kontakt aus der Graffitiszene hat erzählt, dass die Fußball-Sprayer sehr problematisch sind, weil sie die Motive von anderen einfach übermalen und oft auch gewaltbereit sind.
Ja, Fußball-Ultras sind von Haus aus gewaltbereit und somit problematischer als ein „normaler“ Sprayer. Mit der Polizei suchen sie aber eher selten Auseinandersetzung, die Gewalt passiert meist untereinander.
Manchmal werden Graffiti-Künstler mit Hubschraubern gesucht und verfolgt. Das bedeutet einen enormen Verbrauch von ökologischen sowie finanziellen Ressourcen. Hinterfragen sie manchmal die Verhältnismäßigkeit Ihrer eigenen Maßnahmen gegen „harmlose“ Sprüher?
BIRNER: Wenn im Bahnbereich gesprüht wird, ist das Risiko, dass Personen verletzt werden, sehr groß. In den Gleisen liegen Starkstromleitungen, Züge fahren mit teils 150 Km/h vorbei und die haben eine Sogwirkung. Wenn wir Hubschrauber bei einem Graffiti-Einsatz verwenden, dann passiert das hauptsächlich zur Gefahrenabwehr. Außerdem, wenn sich Personen auf den Schienen der Stammstrecke aufhalten, muss die gesamte Stammstrecke gesperrt werden. Das will man natürlich schnell wieder auflösen.
PFEIFER: Und Sicherheit kostet halt was. Deshalb sieht München auch so aus, wie es aussieht. In anderen Städten, mit weit weniger Budget für solche Maßnahmen, ist alles vollgeschmiert. Wenn man die Mittel hat, warum sollte man sie nicht nutzen?

Warum haben Sie sich entschieden Teil des Graffiti-Teams zu werden?
Das Team wurde im Jahr 2000 gegründet, ich bin seit 2009 dabei. Davor war ich im normalen Streifendienst, also an Flughäfen oder Bahnhofbereichen unterwegs. Damals habe ich hin und wieder Sprayer gejagt. Das hat mir immer gefallen, weil ich die Schriftzeichen und Codes sehr spannend fand. Da fühlt man sich so richtig wie ein Detektiv.
BIRNER: Ich bin erst seit zwei Jahren im Team. Davor habe ich 15 Jahre lang mit jugendlichen Intensivtätern gearbeitet.
Das alte Betonmonster
Macht Ihnen die Verfolgung von Sprayern nun Spaß?
Ich arbeite gerne in diesem Bereich, weil es einfach friedlich ist. Es gibt so gut wie keine Gewalt, keine wirklich schlimmen Schicksale, so wie man es in anderen Abteilungen hat. Die Leute, mit denen wir hier zu tun haben, sind alle größtenteils freundlich und haben, selbst wenn sie verurteilt, werden noch eine Zukunft.

Erzählen Sie mir von Ihrem denkwürdigsten Einsatz?
PFEIFER: Wir hatten einen Durchsuchungsbefehl für ein Haus und haben nach Zeichnungen oder Entwürfen von einem speziellen Schriftzug gesucht. Stundenlang haben wir nichts gefunden. Irgendwann habe ich eine Pause gemacht. Der Verdächtige hatte im Keller eine große Modelleisenbahn. Ich bin selbst ein großer Fan von sowas und habe mir seine Eisenbahnlandschaft angeschaut. Plötzlich sehe ich auf einem von diesen winzigen Miniaturwaggons genau den Schriftzug, den wir gesucht haben. Das war die einzige Skizze, die im Haus war und war letztendlich der ausschlaggebende Beweis.
Sie klingen irgendwie begeistert, gibt es denn Graffitis, die ihnen gefallen?
BIRNER: Auf jeden Fall! Manche Motive sind wirklich beeindruckend.
PFEIFER: Ich muss auch gestehen, die Donnersberger Brücke, das alte Betonmonster, sieht mit etwas Farbe tatsächlich besser aus.