"Phantom Oktoberfest - Oktoberfest Phantom": Künstliche Wiesnintelligenz

Villa Stuck: Der Dokumentarfilmer Philip Gröning zeigt seine Ausstellung "Phantom Oktoberfest - Oktoberfest Phantom".
| Joachim Goetz
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Das Paulanerfestzelt in einer Computer-Bildvision von Philip Gröning.
Philipp Gröning Das Paulanerfestzelt in einer Computer-Bildvision von Philip Gröning.

Bier kann man natürlich immer trinken. Aber das größte Bierfest der Welt ist auch ein Anlass über das Saufen nachzudenken - gerade auch, wenn es ausfällt.

Die Villa Stuck hat dem Oktoberfest eine faszinierende, hochmoderne Ausstellung gewidmet: dem "Phantom Oktoberfest", das die Ausstellung zum "Oktoberfest-Phantom" macht.

Filmregisseur Philip Gröning macht einem - egal ob schmerzlich oder erfreut - klar, dass die Wiesn 2020 wirklich ausfällt. Erstmals seit dem 2. Weltkrieg. Und er sagt dazu: "Die Abwesenheit ist mehr als Nichts. Man weiß ja was fehlt."

 

Künstlerisches Wiesn-Ersatzprogramm

So bietet er für die nächsten zwei Wochen sozusagen ein künstlerisches Ersatzprogramm, das dem Nichts ein fast surreales Etwas entgegensetzt: Mit VR-Brillen und Kopfhörern darf sich der Besucher auf virtuelle Besuche in Löwen- und Hofbräuzelt freuen. Ohne Bierkrug. Und freilich auch nicht ganz realitätsgetreu. Untermalt von einer verfremdeten Festzelt-Akustik mit Blasmusik und lautem Geschrei kann man eintauchen in komisch abstrakte virtuelle Welten, die sich aus organisch wabernden, farbenprächtigen Figurationen und charakteristischen Merkmalen der Festzelte wie Balkone, Sitzbänke, Riesen-Leuchter, Festzeltdach und -dekorationen zusammensetzen. Alles verschwommen, verwackelt, verwaschen und überzeichnet - wie im Rausch. Wie ist das entstanden?
Philip Gröning, der vor zwei Jahren die Gastprofessur für freie Kunst an der Münchner Kunstakademie innehatte, wollte mal die Künstliche Intelligenz zum Scheitern bringen. Das war sein ästhetisches Mittel in diesem Fall. Und sein Vorgehen war rein statistisch.

 

Aus im Internet auffindbaren Erinnerungsbildern, Videos, Tönen der vergangenen Oktoberfeste sollte (in Zusammenarbeit mit Rolf Mütze von LAVAlabs) und mit künstlicher Intelligenz eine Rekonstruktion der Räume und Geräusche in den Zelten errechnet und visualisiert werden. Das war die Aufgabe für die Rechner, deren Überforderung einprogrammiert war. Denn auf den zigtausenden Internetfunden sind kaum Räume zu erkennen, sondern bevorzugt Menschen. Man macht im Zelt halt Selfies. Das führt dazu, dass die Menschen nicht - wie die fiese Aufgabe vorsah - komplett herausgerechnet werden können. So bleiben diese als Punkte, als amöbenhafte Massen, als fratzenhafte Gebilde im Bild - während von den Zelten nicht allzu viel zu sehen ist.

Ähnlich komplex entsteht der akustische Hintergrund der Bilder und Sequenzen: Aus tausenden von Tonclips vom Oktoberfest werden durch die KI Elemente isoliert oder verrechnet: etwa Stimmlaute, das Klirren von Masskrügen, Spülküchen, Musikrhythmen, Prosit, Klospülung oder Gejohle. Der Klangteppich des Bierzelts wurde akustisch dekonstruiert, in getrennte Töne zerlegt.

Dank Brille und Kopfhörern neben grölenden Wiesn-Gästen

In diesen Bild- und Klangwolken, die ja nicht komplett der Realität entfremdet sind, können die Besucher nun nach Belieben navigieren: sich mal unter die abstrakten, aber fast real grölenden Gäste auf der Festzeltgalerie mischen, sich den Musikanten nähern oder auch mal rausgehen. Erst aus dem Zelt, dann ganz aus der Szene.

 

Wer dann Brille und Kopfhörer wieder abnimmt, ist im richtigen Leben zurück. Und die in schummriges Licht getauchte Installation im kleinen Untergeschossraum der Villa Stuck spiegelt das auch. Denn Corona hat den Ausfall des Volksfestes verursacht. Corona prägt also auch diese Kunst-Installation. Jeder der vier Virtuelle-Realität-Stationen ist eine Person in Ganzkörper-Schutzkleidung zugewiesen, die für die Desinfektion der Brillen und Kopfhörer zuständig ist. Nach jedem Nutzerwechsel und der Desinfektionsaktion müssen sich die Vier in eine choreografisch vorgegebene Position begeben: sich auf skulpturale, im Raum verteilte Objekte setzen, legen oder daneben stellen. Dann reglos, wartend, stumm und präsent sein bis zum nächsten Besucher und VR-Nutzer. Gröning sagt dazu, die vier seien wie "Wärter und Virus in einem".

Und der Besucher, der auch seinen Mundschutz drauf lassen muss, findet sich symbolhaft in der Isolierstation eines Klinikums wieder. Im Museum. Das sich heute mal experimentell, durchgeknallt - und sehr amüsant gibt.


Villa Stuck, bis 4. Oktober, Mi - So, 11 - 18 Uhr, Freitag, 2. Oktober 11 bis 22 Uhr

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren