Kunstspaziergang im Münchner Norden: Venedig auf der Wiese

Museen haben geschlossen. Deshalb unser Kunstspaziergang Nummer sechs: Weit im Münchner Norden trifft man auf Seltsames wie den Markuslöwen, eine echte Gondel und ein Klassenzimmer, das auf dem Kopf steht.
| Roberta De Righi
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Bruno Wanks Plastik "Feuer und Flamme" an der Knorrstraße 171. Foto: Hermann Reichenwallner für Quivid
Bruno Wanks Plastik "Feuer und Flamme" an der Knorrstraße 171. Foto: Hermann Reichenwallner für Quivid © Hermann Reichenwallner für Quivid

München - Venedig ist als Reiseziel derzeit zwar fast unerreichbar, aber mit etwas Fantasie kann man im Münchner Norden venezianische Gefühle entwickeln: Am Ende des Graslinienangers im Wohnquartier an der Nordheide stößt man unerwartet auf Versatzstücke der Serenissima.

Na gut, es gibt hier keine Lagune, keine singenden Gondolieri - aber dafür kostet der Kaffee auch keine zwölf Euro, und es gibt so wenig Touristen wie im Frühling 2020 auf dem Markusplatz.

Mehrteiliges Arrangement sorgt für  surreale Anmutung 

Als Ausgangspunkt für diesen Stadtspaziergang bietet sich der U-Bahnhof Dülferstraße an, direkt am Einkaufzentrum Mira. Von hier aus lässt man den Nordhaideplatz links liegen und folgt einem Fußweg nach Osten, der zunächst den Fingerkrautanger und dann den Graslinienanger quert.

An dessen nördlichem Ende bietet sich eine überraschende Ansicht, für die surreale Anmutung sorgt ein mehrteiliges Arrangement: Das Künstler-Duo "Änderungsatelier" schuf es 2008 im Rahmen des städtischen Kunst-am-Bau-Programms "Quivid" für das Neubaugebiet an der Panzerwiese.

Was für eine fabelhafte Idee! Venedig wird zum Naturschutzgebiet deklariert, und die Kreuzfahrtschiffe müssen draußen bleiben. "Klein-Venedig" an der Nordhaide hat diese Probleme jedenfalls nicht.
Was für eine fabelhafte Idee! Venedig wird zum Naturschutzgebiet deklariert, und die Kreuzfahrtschiffe müssen draußen bleiben. "Klein-Venedig" an der Nordhaide hat diese Probleme jedenfalls nicht. © Roberta De Righi

Auf dem Magerrasen dümpelt eine echte Gondel vor sich hin

Die rund 200 Hektar große Freifläche wurde früher tatsächlich als militärischer Übungsplatz genutzt, ist aber mit dem angrenzenden Hartelholz seit 2002 Naturschutzgebiet. Und auf dem Magerrasen dümpelt nun eine echte Gondel vor sich hin, daneben reckt sich eine schmiedeeiserne Laterne in den Himmel über dem Hasenbergl. Etwas weiter führt ein langer Holzsteg ins Imaginäre, am Ende flankiert von je einer in Streifen bemalten Palina, dem typisch venezianischen Stegpfosten im Wasser. Und sogar ein Markuslöwe aus Bronze ist da.

Grimmig entschlossen blickt er gen Osten - immer den Steg entlang und genau dorthin, wo am Horizont winzig die Allianz Arena sichtbar wird. Wäre dieses Prachtexemplar (mit umgehängtem Lebkuchenherz) ein Sechzger, müssten sich die Bayern warm anziehen.

Künstlerkollektiv "Observatorium" und die Installation "Baumschule" 

Auf dem Rückweg sollte man unbedingt am nördlich hinter dem Mira gelegenen Berufsschulzentrum am Sandbienenweg vorbeischauen. Dort entstand 2015 auf dem Vorplatz die Installation "Baumschule" des Künstlerkollektivs "Observatorium". Am Rand des großen Platzes wächst ein Lederhülsenbaum, eingehegt und überdacht durch eine seltsame Beton-Konstruktion.

Bei näherer Betrachtung ergibt sich, dass die Künstler ein Modul aus dem Schulgebäude mit Tür- und Fensteröffnungen nachgebildet und in die Senkrechte gehoben haben. Für ausreichende Durchlüftung ist in diesem auf den Kopf gestellten Klassenzimmer mit Baum - anders als in manchen Schulen - jedenfalls gesorgt.

Die "Baumschule" des Künstlerkollektivs "Observatorium" am Sandbienenweg.
Die "Baumschule" des Künstlerkollektivs "Observatorium" am Sandbienenweg. © Florian Holzherr für Quivid

Alexander Laner: "Ab durch die Mitte"

Auf dem Rückweg zum U-Bahnhof kann man beim Blick auf den Nordhaideplatz erahnen, was man hier im Winter verpasst: Ein großer Teil der Fläche besteht aus einem Brunnen, jetzt mit Holz verschalt, aber im Sommer eine Schau: "Ab durch die Mitte" heißt das "Kunstobjekt mit Wasser", das der Münchner Künstler Alexander Laner entworfen und in Zusammenarbeit mit Pancho Schlehhuber realisiert hat. Die Düsen der Wasserspiele auf der Bodenfläche spritzen für Sekunden in einer Formation hoch, die so aussieht, als würde ein Motorrad Schlangenlinien durch eine Pfütze fahren - nur dass hier weit und breit kein Fahrzeug zu sehen ist.

Es empfiehlt sich, anschließend mit der U-Bahn in Richtung Innenstadt zu fahren und am hinteren Ende der Station Am Hart auszusteigen. Folgt man hier der Knorrstraße ein paar Blocks stadtauswärts, kommt man linkerhand zum 2016 eröffneten Gymnasium München Nord (Knorrstraße 171).

Plastik mit dem Titel "Feuer und Flamme"

Auf dem Platz davor züngelt auf einem dunklen Bronze-Sockel eine viereinhalb Meter hohe, spiegelnde Flamme aus poliertem Edelstahl in den Himmel. Der Bildhauer Bruno Wank schuf die glänzende Plastik mit dem Titel "Feuer und Flamme", die ihre Umgebung verzerrt reflektiert. Das faszinierende Kunstwerk am Bau erinnert an das olympische Feuer und steht als beredtes Symbol für eine Schule, an der Sport eine zentrale Rolle spielt.

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Nach dem Rückweg zum U-Bahnhof Am Hart folgt die letzte Etappe des Kunstspaziergangs. Am vorderen Ende der Station steht stadteinwärts rechts der Knorrstraße das pompös-verspiegelte BMW-Forschungs- und Innovationszentrum FIZ. Doch hier befindet sich auch der Erinnerungsort für ein dunkles Kapitel der Münchner Stadtgeschichte: Auf dem Gelände gegenüber, an der Ecke zur Troppauer Straße, standen die 18 Baracken des so genannten "Judenlagers".

Denkmal an der Ecke Troppauer/Knorrstraße

Hier internierten die Nationalsozialisten 1941/42 einige tausend jüdische Münchner, die sie aus ihren Wohnungen vertrieben hatten. Sie wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt - und von hier aus in den Tod geschickt: Am 20. November 1941 wurden erstmals 999 Männer, Frauen und Kinder ins litauische Kaunas deportiert und dort fünf Tage später alle erschossen. Bis zum 25. August 1942 wurden außerdem von hier über den Güterbahnhof Milbertshofen viele weitere Münchner Juden in die Vernichtungslager nach Piaski, Theresienstadt und Auschwitz deportiert, ehe das Sammellager nach Berg am Laim verlegt und die Baracken als Lager für BMW-Zwangsarbeiter genutzt wurden.

Vom Lager ist selbst nichts erhalten, aber ein Denkmal an der Ecke Troppauer/Knorrstraße vergegenwärtigt die brutale Vergangenheit des Ortes: Eine etwa drei Meter hohe Bronzeplastik, die einerseits an einen abgestorbenen Baum, andererseits an die Menora, den siebenarmigen Leuchter denken lässt. Der Münchner Architekt und Bildhauer Robert Lippl schuf das Denkmal, das 1982 eingeweiht wurde.

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