Ist Stonehenge eine Sozialutopie?
Obelix fiel als Kind bekanntlich in einen Zaubertrank - und konnte fortan mit einem Hinkelstein spazieren. Im Comic geht alles. Die Menschen vor 4500 Jahren mussten sich abrackern. Zumal sie weder Bagger noch Metallkräne hatten, um mit Stonehenge eines der spektakulärsten Monumente der Geschichte zu errichten. Wie das ging? Seit 20 Jahren werden die Geheimnisse Stein für Stein gelüftet. Die neuesten Forschungen sind nun in der Archäologischen Staatssammlung zu verfolgen. Gezeigt werden außerdem 600 originale Objekte aus Großbritannien. Mit dem Kurator Heiner Schwarzberg sprach die AZ über Knochenfunde und Legosysteme, friedliches Teamwork und die Nähe zur Wiesn.

AZ: Herr Schwarzberg, Stonehenge zieht die unterschiedlichsten Menschen an. Das reicht von Sonnenanbetern und Hobby-Druiden bis hin zu Hippies und sogar Aktivisten. Schreckt das seriöse Forscher nicht ab?
HEINER SCHWARZBERG: Da sind wir aber gleich am richtigen Punkt. Stonehenge ist eines der bekanntesten archäologischen Denkmäler der Welt. Man könnte es mit Ikonen wie der Freiheitsstatue oder mit dem Eiffelturm vergleichen. Diese Steine bewegen alle, schon die Kreisform prägt sich so gut ein. Aber klar, weil niemand wusste, was es damit auf sich hat, waren Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Bereits im Mittelalter haben die Gelehrten versucht, Stonehenge ins Sagenhafte zu befördern.
Es hieß auch einmal, Riesen hätten die Steine aus Irland mitgebracht
Man denkt sofort an König Artus' Tafelrunde.
Das ist auch so ein Mythos. Oder die Erzählung, dass Riesen die Steine aus Irland mitgebracht hätten. Also total irre Geschichten. Forschungen zum astronomischen Bezug in den 1960er Jahren zogen dann die Esoterik nach sich. Michael Parker Pearson, mit dem wir die Ausstellung gemacht haben, wurde eher durch Zufall zu einem der bedeutendsten Stonehenge-Experten. Der englische Archäologe besuchte mit einem Kollegen aus Madagaskar Stonehenge - und für den war der Fall völlig klar.
Wie?
Ja, auf Madagaskar sind Anlagen mit großen aufrechtstehenden Steinen Denkmäler für die Toten und Holzbauten für die Lebenden. Drei Kilometer von Stonehenge entfernt in Durrington gibt es eine ähnliche Kreisanlage - aber eben aus Holz. Auf diese Weise kam ein großes Forschungsprojekt ins Rollen. Die Ergebnisse und die originalen Funde aus Stonehenge werden nun zum ersten Mal in einer Ausstellung in Mitteleuropa vorgestellt.
Die bis zu 7 Meter hohen Steine wurden zum Teil über 200 Kilometer weit transportiert
Die Monumentalität dieser Anlage ist doch ganz erstaunlich.
Stonehenge wirkt auf den ersten Blick wie vom Himmel gefallen. Tatsächlich wurden diese bis zu sieben Meter hohen Steine zum Teil über 200, in einem Fall sogar 900 Kilometer weit transportiert. Das ist eine logistische Meisterleistung, völlig verrückt. Außerdem erstaunt uns, dass der Beginn dieser Anlage sehr eng mit Europa verbunden ist. Wir kennen steinerne Ahnenmonumente auch aus Carnac in der Bretagne. Wir haben Großsteingräber in Norddeutschland und im Süden Skandinaviens. Die Megalithik, die wir über mehrere Jahrhunderte und sogar Jahrtausende beobachten, hat sich also nicht nur eine Völkerschaft ausgedacht. Die ersten Siedler, die auf die britischen Inseln kamen, brachten diese Idee der großen Steinmonumente mit. Vermutlich sind dann auf den Orkneyinseln die Steinkreise entwickelt worden, die sich über ganz Großbritannien ausgebreitet haben.
Die Megalithik ist also eine kontinentaleuropäische Idee?
Ja, und es ging auch wieder zurück. Wir haben zwei ähnliche Anlagen in der Nähe von Magdeburg. Keine exakten Kopien, es muss aber jemand Stonehenge gesehen, doch neu interpretiert haben. In Pömmelte bei Schönebeck verschmelzen die Steinanlage von Stonehenge - also die Welt der Toten - und die drei Kilometer entfernten Holzkreise - die Welt der Lebenden - zu einer Welt. Es gab in einer Anlage Bestattungen und Opferungen gemeinsam. Das alte Prinzip wurde also nicht verstanden. Oder einfach angepasst.

Wie darf man sich die Anfänge von Stonehenge vorstellen?
Das war im Prinzip der Graben mit einem Durchmesser von 115 Metern, der das Monument auch heute noch umschließt. Innerhalb standen etwa 60 zwei bis vier Meter hohe Stelen. Die gibt es heute noch, sie sind allerdings weiter nach innen versetzt worden. Wir sprechen von den sogenannten Bluestones. Sie kommen aus Wales und sind über 260 Kilometer transportiert worden. Stonehenge, wie man es heute kennt, also mit den großen Decksteinen, ist 500 Jahre später entstanden.
Woher kommen die großen Steine?
Diese 20 bis 30 Tonnen schweren sogenannten Sarsensteine sind „nur“ rund 30 Kilometer weit transportiert worden, also eher lokaler Herkunft.
Wie schafft man so etwas von A ins weit entfernte B?
Die sehr schweren Steine sind sicher über Land transportiert worden. Neuerdings gibt es auch noch eine dritte Steinart für den sogenannten Altarstein. Der lag unter einem anderen und wurde nie beachtet. Jetzt stellte sich heraus, dass er aus Nordostschottland kommt, also 900 Kilometer transportiert werden musste.

Die Steine durch eine Art Legosystem verzapft
Und das handwerkliche Know-how?
Die Steine sind wie durch eine Art Legosystem miteinander verzapft. Aussparungen in den einen und Nasen oder Buckel in den anderen Steinen. So konnten die Decksteine nicht abrutschen. Diese Techniken kommen wahrscheinlich aus der Holzbearbeitung.
Wer schafft eine so gigantische Unternehmung an?
Das ist die Frage. Man musste jedenfalls Menschen finden, die dazu bereit waren, diese tonnenschweren Blöcke über Hunderte Kilometer zu bewegen. Und man brauchte Leute aus mehreren Dörfern, die man zu organisieren, zu versorgen und bei der Stange zu halten hatte. Die haben in den Dörfern ja als Arbeitskräfte gefehlt.

Knochenanalysen sagen: Die Menschen kamen aus allen Regionen Großbritanniens
Weiß man, woher die Leute kamen?
Aus allen Regionen des heutigen Großbritanniens. Das bildet sich auch in den bestatteten Knochen ab. Das erste Stonehenge ist im Prinzip ein großes Grabmonument, und die Herkunft der Menschen kann man über die Strontiumisotopenanalyse bestimmen. Stonehenge muss also ein ganz zentraler Platz gewesen sein, die gesellschaftliche Dimension, die dahintersteht, genauso spannend wie das Denkmal selbst.
Wir kennen heute Orte, die für die Religionen wichtig sind. Kann man das vergleichen?
Über die Beweggründe, Menschen an einem solchen Ort zu bestatten, können wir nur mutmaßen. Vielleicht gab es auch Übergangsrituale zum Erwachsensein. Wir wissen ja nicht genau, was diese Menschen geglaubt haben, wie sie gesprochen haben. Aber Stonehenge war eine Multifunktionsanlage, die über 1500 Jahre weitergeführt wurde. Man ist hier zusammengekommen, es gibt jedenfalls Hinterlassenschaften von großen rituellen Festmählern. Die Gründe dafür mögen sich geändert haben, aber damit sind wir gar nicht so weit vom Oktoberfest entfernt.

Ein Grab aus der Gegend um Augsburg schafft Verbindung nach Stonehenge
Am Ende der Ausstellung landet man doch auch im Freistaat.
Ja, wir können erlesenen Schmuck und Keramikgefäße aus einem reichen Frauengrab aus Markt bei Augsburg zeigen. Das ist ein Schlüsselfund aus der Zeit zwischen 2450 und 2300 vor Christus, denn das Grab markiert den Beginn einer Klassengesellschaft, zum ersten Mal bilden sich Eliten ab. Wir sprechen von der Glockenbecherkultur, die ganz Europa betraf. Also auch Großbritannien, das erneut von Menschen aus Kontinentaleuropa besiedelt wurde, die ihre Traditionen mitbrachten. Von dort geht die Kenntnis von Stonehenge wieder nach Europa zurück.
Weshalb gibt es diese reichen Gräber in Schwaben?
Im Raum Augsburg ist damals viel passiert, man hat über weite Wege mit Rohstoffen gehandelt, Kupfer etwa. In dieser Zeit gab es Heiratsbeziehungen über große Entfernungen hinweg. Genauso zieht die Idee der großen Steinmonumente, also der Ahnen von Stonehenge, durch Gesamteuropa.
Vielleicht waren sich die Menschen vor 4000 Jahren näher als heute.
Stonehenge ist ein Denkmal von europäischer Dimension. Und noch etwas: Unzählige Menschen haben sich mit der friedlichen Anstrengung seiner Errichtung für eine gemeinsame gute Sache eingesetzt. Mir kommt Stonehenge ein bisschen vor wie eine Sozialutopie. Das macht in diesen Zeiten doch auch Mut.
„Stonehenge. Uralte Entdeckungen, neue Geheimnisse“, bis 29. August 2027 in der Archäologischen Staatssammlung München, Lerchenfeldstr. 2, Di bis Sa 10 bis 17, So bis 19 Uhr, Begleitband 14,90 Euro, Programm über archaeologie.bayern/programm/
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