Das Mysterium unter der Maske

Mit dem vielsagenden Titel "Fantastisch real" vermittelt die Kunsthalle München tiefe Einblicke in die belgische Moderne.
| Christa Sigg
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James Ensor, Die Intrige, 1890
James Ensor, Die Intrige, 1890 © Hugo Maertens/Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen Slg. KMSKA

München - Was für ein Glück, dass der Bub heil geblieben ist. Andernfalls würde er jetzt kaum mit so makellosem Porzellanteint auf dem Thron lungern und in einer eigentümlichen Mischung aus Melancholie und Langeweile auf sein Publikum blicken. Wie mancher Jesusknabe sein bitteres Schicksal voraussieht, scheint auch der künftige Kaiser Karl V. (1500 - 1558) zu ahnen, dass ein eher unerfreulicher Chefposten auf ihn wartet. Minuziös hat Jan van Beers 1879 diese kindliche Verlorenheit ausgeleuchtet, die Anflüge an Übermut und Machtbewusstsein genauso wie das Gefangensein im höfischen Goldkäfig. Dazu kommt die Fülle an fast fotorealistisch wiedergegebenen Details.

Mit Argwohn wurde De Beers' Präzision beäugt. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, und so warfen Kritiker dem an sich hochgeschätzten Antwerpener Künstler vor, er würde auf Fotografien malen. Der Skandal war perfekt, obwohl man nicht vergessen darf, dass sich im späten 19. Jahrhundert die meisten Maler an den neuen Lichtbildern orientierten und darüber schwiegen. Ein unbekannter Vandale hat daraufhin das Gesicht aus einem Gemälde De Beers' ("Le Yacht. La Sirène") abgekratzt - und ihn damit rehabilitiert.

Nur die wenigsten Künstlernamen sind geläufig

Lediglich ein Stück Leinwand trat zutage. Doch ausgerechnet diese Attacke taugt als Sinnbild: Die Vermutung, dass unter der Oberfläche etwas Ungutes, Verbotenes, vielleicht sogar Verhängnisvolles wartet, ist typisch für die Kunst seit den 1860er Jahren, gerade in Belgien. Das reicht weit über die Kreise der Symbolisten hinaus, wie die in vielerlei Hinsicht überraschende Ausstellung "Fantastisch real" in der Kunsthalle München zeigt.

Das geht gleich damit los, dass nur die wenigsten Namen geläufig sind: James Ensor und René Magritte natürlich, Henry van de Velde, Paul Delvaux und Constantin Meunier, aber dann hört es auch schon auf. Dabei fehlt es weder an Qualität und sowieso nicht an Originalität.

Melancholisch, lässig oder einfach gelangweilt? Von Jan van Beers'"Kaiser Karl V. als Kind" von 1879 kommt man nicht so schnell los.
Melancholisch, lässig oder einfach gelangweilt? Von Jan van Beers'"Kaiser Karl V. als Kind" von 1879 kommt man nicht so schnell los. © Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen Slg. KMSKA

Wenn nun in München mit 130 Werken eine so konzentrierte Schau belgischer Kunst präsentiert werden kann, dann hat das mit einer geschlossenen Sammlung zu tun: Seit Jahren schon wird das Königliche Museum der Schönen Künste Antwerpen generalsaniert. Mannheim hat das eine Ensor-Ausstellung beschert, in Berlin konnten die Symbolisten gezeigt werden. Die Kunsthalle erweitert diese bekannteren Vertreter und Phasen nun auf die wichtigsten Spielarten dieser Moderne.

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Die hoch expressiven Maskeraden eines James Ensor sind ja nicht vom Himmel gefallen, wenngleich sie sich bei ihm vom Karnevalesken zum beißenden Spott auf eine verlogene Gesellschaft in Schieflage verselbstständigen und keine Träger mehr brauchen. In den Jahren zuvor war der Mann, der sein ganzes Leben in Ostende verbracht hat, auf der Suche nach dem Licht, erst inspiriert von den französischen Impressionisten, dann kamen Skelette, Dämonen - Hieronymus Bosch lässt grüßen - und mehr und mehr die knallenden Farben: das schweflige Gelb, das giftige Grün und immer wieder heftiges Rot, das alarmierend durch die Szenen donnert.

Die Welt ist auch so laut geworden; um 1900 zählt Belgien dank Kohle und Eisen zu den fünf wichtigsten Wirtschaftsnationen. Das bringt großen Reichtum, auf der anderen Seiten aber mindestens so viel soziales Elend mit sich. Die armen Bauern und Mägde, die Mitte des 19. Jahrhunderts bildwürdig geworden sind, erhalten Verstärkung durch Hafenarbeiter und Bergleute. Und besonders der tief gläubige, engagierte Meunier wird mit seinen trotzig stolzen und zupackenden Mannsbildern zum Fürsprecher gesellschaftlicher Reformen.

In einer entzauberten Welt müssen neue Mysterien entstehen

Auf die als Bedrohung empfundene Turboindustrialisierung reagieren Künstlerinnen und Künstler aber auch mit einer ganz bewussten Abkehr vom real Materiellen hin zum Irrationalen. In einer entzauberten Welt müssen neue Mysterien entstehen, und wie so oft kommen die Anregungen aus der Literatur.

Der Schriftsteller Edmond Picard beschwört das "reale Fantastische" und weiß: "Nichts ist so einfach, wie man glaubt… es gibt Darunterliegendes, Mysterien". Darüber sind sich Naturalisten wie Symbolisten einig - und warum sollten die Dinge nicht auch eine Seele haben? Ein Krug zum Beispiel, wie ihn Xavier Mellery unter eine ins Ungewisse führende Treppe stellt (1889), sozusagen als Wächter des Unheimlichen.

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Drei Jahrzehnte später versuchen die Surrealisten, den Zwiespalt zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem ganz aufzuheben und Traum und Wirklichkeit zu verschmelzen. Delvaux ersetzt den toten Christus und die Trauernden durch Skelette - wer ist hier eigentlich tot? Und René Magritte, der alte Logiker, konstruiert seine eigene, kühl abgezirkelte Welt, tauscht Innen und Außen, Menschen und Gegenstände. Und dann macht es sich anstelle von Jacques-Louis Davids Madame Récamier eben ein Sarg auf der gleichnamigen Chaiselongue bequem.

Das ist anregend, amüsant und einer der herrlich bizarren Höhepunkte in einer Schau, die in einem fort verblüfft. Im Positiven. Selbst wenn Albträume greifbar werden.


"Fantastisch real", bis 6. März 2022 in der Kunsthalle München, täglich von 10 bis 20 Uhr; Katalog (Sandstein) 32 Euro vor Ort

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