Ausstellung "Tizians Frauenbild" in Wien: Schwindelerregend schön

Im Kunsthistorischen Museum in Wien vermitteln mehr als 60 Meisterwerke "Tizians Frauenbild". Die Großschau ist sehenswert, doch einseitig aufbereitet.
| Christa Sigg
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Tizians "Venus mit Orgelspieler und Cupido", um 1555.
Tizians "Venus mit Orgelspieler und Cupido", um 1555. © Prado

Es könnte einem schwindelig werden vor so viel Schönheit. Jede dieser "Belle Veneziane" ist anziehender als all die hohlwangigen Models aus den einschlägigen Laufstegagenturen.

Bodenständig-gesunde Ergriffenheit statt kulturelle Reizüberflutung 

Man weiß zwar nur selten etwas über deren Identität, doch die rund 500 Jahre alten Grazien blicken aus ihren Prachtrahmen, als würden sie hinter goldenen Fenstern Hof halten. Die samtige Haut, Brokat und Borten schimmern um die Wette, und man könnte die Beschreibungen noch eine Weile so weitertreiben, wie die Dichter der Serenissima, die gerade bei der anziehenden Fleischlichkeit der Damen in Superlativen schwelgen.

Glücklicherweise bricht an diesem Mittwochnachmittag niemand zusammen, wie es unter besonders empfindsamen Museumsgängern scheinbar vorkommen kann. Man spricht dann vom Stendhal-Syndrom, das sich in Schweißausbrüchen und Herzrasen bis hin zu Panikattacken und psychischen Zusammenbrüchen äußert. Vor über 200 Jahren hatte der französische Dichter Marie-Henri Beyle alias Stendhal einen solchen Anfall in den Uffizien in Florenz erlebt, seither hört man immer wieder von Opfern kultureller Reizüberflutung. Doch im Kunsthistorischen Museum in Wien herrscht eher eine bodenständig-gesunde Ergriffenheit.

Dabei ist das Aufgebot der pure Luxus. Unter dem Titel "Tizians Frauenbild" sind rund 60 Gemälde dieses Herrscher-, Heiligen- und Grazienmalers sowie seiner Zeitgenossen Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese oder Giorgione zusammengekommen: Spitzenwerke etwa aus Petersburg, London, New York oder Venedig und vieles aus dem eigenen Haus.

Die wenigsten Gemälde sind Porträts konkreter Frauen

Man kann in Wien aus dem Vollen schöpfen, weil die Habsburger wie wild gesammelt haben und Tizian seit 1533 als Hofmaler Kaiser Karls V. für den Nachschub zuständig war. 650 Werke hat er in seiner Karriere geschaffen oder zumindest angelegt, bis wahrscheinlich die Pest 1576 - da war er schon fast 90 Jahre alt - einen Schlussstrich unter dieses großartige Oeuvre setzte.

Und nun geht es also um "Schönheit, Liebe und Poesie", wie es in der näheren Beschreibung heißt. Die Ausstellung soll das venezianische Frauenbild "absichtsvoll vor dem Hintergrund zeitgenössischer Ideale und Gesellschaftsverhältnisse beleuchten". Das muss zwangsläufig im Allgemeinen bleiben, nur die wenigsten Gemälde sind Porträts konkreter Frauen wie zum Beispiel der in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Isabella d'Este.

Tizian hat die mit 62 Jahren keineswegs mehr grazile Großmäzenin, Sammlerin und politisch einflussreiche Markgräfin so gemalt, wie sie in die Geschichte eingehen wollte: umwerfend attraktiv und nebenbei gleich noch als Modeikone.

Isabella d'Este ließ sich von Tizian um 1534/36 als junge Frau malen, da war sie bereits über 60.
Isabella d'Este ließ sich von Tizian um 1534/36 als junge Frau malen, da war sie bereits über 60. © Kunsthistorisches Museum Wien

Ihre auffällige turbanartige Kopfbedeckung wurde dann auch kräftig kopiert, dabei mussten die opulenten "Capigliari" in erster Linie kahle Stellen kaschieren, denn Isabella litt anscheinend an einer Syphiliserkrankung, eingeholt vom Gemahl, wie so oft. Wobei verheiratete Damen das Haar ohnehin nicht mehr offen trugen wie all die unbekannten - ja was? - Heiratswilligen oder doch Kurtisanen. Selbst Bellinis in sich versunkene Nackte bei der Toilette dürfte bei aller Intimität dieser Szene eine junge Ehefrau sein, die ihr Haar in ein Seidentuch bindet.

Wie Frauen unter Einhaltung dynastischer Zwänge zur Ware degradiert wurden

Allzu tiefe Dekolletés oder die entblößte Brust, die bislang gerne mit der käuflichen Liebe in Verbindung gebracht wurde und den Facebook-Tugendwächtern partout nicht in den Algorithmus passt, seien nach neuesten Erkenntnissen vielmehr ein Zeichen der "Öffnung des Herzens" und künftiger Treue. Die Kuratorinnen um Sylvia Ferino-Pagden, bis 2014 Direktorin der KHM-Gemäldegalerie, berufen sich auf historische Abhandlungen über Gesten wie Giovanni Bonifacios "L'arte de' cenni".

Brautwerbungsbilder sind das allerdings kaum, im Venedig des 16. Jahrhunderts haben die Familien untereinander ausgekartelt, wer wem die Hand fürs Leben reichen durfte oder sollte. Was keineswegs inniger Zuneigung widersprechen muss, aber von romantischer Liebe im heutigen Sinne kann freilich nicht die Rede sein. Zumal es in der Dogen-Republik natürlich ums Geschäft ging.

Unter Einhaltung dynastischer Zwänge wurden Frauen zur Ware degradiert. Und schöner konnte man den Handel kaum kaschieren: Die Auftraggeber solcher Hochzeitsbilder reichten ihre Erwartungen kunstvoll an die "Angebetete" weiter - und ließen sich das einiges kosten. Die Frauen durften dann zusehen, wie sie ihre braunen Haare blond bekamen und sich überhaupt dem Ideal näherten.

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Was im Katalog nachzulesen ist, wird in der Ausstellung mitunter ausgespart

Womöglich standen für die freizügigen Bildnisse aber doch wieder Kurtisanen Modell. Gerade Tizian zeigt mit der Zeit zunehmend mehr Haut, und seine "Venus von Urbino" (um 1538) ist mit den Schönheiten einer Mitte der 1530er Jahre entstanden Dreierfolge mindestens eng verwandt: vom "Porträt einer Dame in Blau" über das unschuldig blickende "Mädchen im Pelz" mit freigelegtem Busen bis zu dessen Pendant unter einem kessen rosaroten Federhut (der ähnlich wie ein Hochzeitsstrauß in die Runde geworfen wurde).

Ob es sich bei all diesen Frauen um die Edelprostituierte Angela del Moro handelt, wie es verschiedene Kunsthistorikerinnen glauben, muss offenbleiben. Gleichwohl ist del Moros Biografie eine Sex-and-Crime-Story der übelsten Art: Ihre Zurückweisung eines Patriziers bezahlte sie mit Diffamierung und Vergewaltigung. Und auch sonst sah es düster aus um viele Frauen. Das ist zwar im Katalog nachzulesen, wird in der Ausstellung jedoch ausgespart. Dabei gehört diese Kehrseite genauso zu den "Belle donne", bei den antiken und biblischen Heroinen der Präsentation spielt sie sogar eine im Bild thematisierte Rolle. Man denke an die sich erdolchende Lucretia oder die begaffte Susanna.

Tizian und mehr noch Veronese haben das in einer erstaunlichen Ästhetik und Fulminanz zum Ausdruck gebracht, goldverbrämt, perlenbestickt und fast keusch. Das mag den schönen Schein noch einmal unterstreichen, zumal das Gros der Entblößten nicht einmal im Anflug obszön daherkommt. Da kann Tizians junger Orgelspieler noch so unverhohlen auf die Scham der Venus stieren. 


"Tizians Frauenbild", bis 30. Januar im Kunsthistorischen Museum Wien, Information und gute digitale Führung à 6 Euro unter tiziansfrauenbild.khm.at, Katalog (Skira, 360 Seiten) 39,95 Euro

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