Ausstellung "Li - Geschenke und Rituale": Dinge und persönliche Erfahrungen

Die Ausstellung "Li - Geschenke und Rituale" von Lee Mingwei im Museum Villa Stuck.
| Roberta De Righi
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Eine Geschenkschachtel des amerikanisch-taiwanesischen Künstlers Lee Mingwei.
Eine Geschenkschachtel des amerikanisch-taiwanesischen Künstlers Lee Mingwei. © Barbara Donaubauer

München - Es ist eine sehr berührende, immaterielle Gabe: Wer die Ausstellung "Li - Geschenke und Rituale" des Künstlers Lee Mingwei im Museum Villa Stuck besucht, kann in den Genuss einer besonderen Gesangsdarbietung kommen.

Unter dem Titel "Sonic Blossom" singen Studentinnen der Musikhochschule zu bestimmten Zeiten im Musik-Salon unterm gemalten Sternenhimmel Schubert-Lieder - jeweils exklusiv für einen Zuhörer.

Gesten der Gastfreundschaft und Rituale des Gebens

In "Li - Geschenke und Rituale" geht es um "Gesten der Gastfreundschaft und Rituale des Gebens und Nehmens", basierend auf dem konfuzianischen Prinzip des Li, das die wesentlichen Verhaltens- und Umgangsformen umfasst. Vor allem geht es dem Künstler um Schenken und Empfangen von Zeit und Zuwendung; die einzelnen Aktionen sind dabei autobiographisch geprägt. So wie "Sonic Blossom": Als seine Mutter im Krankenhaus lag, spielte er ihr jene Schubert-Lieder vor, die sie ihm in seiner Kindheit vorgespielt hatte.

Lee, geboren 1964 in Taiwan, wurde bereits im Alter von 12 Jahren mit seiner Schwester auf eine Schule in der Dominikanischen Republik geschickt und ging später in die USA. So entstand seine ephemere Kunst aus einer elementaren Situation des fremd und alleine Seins heraus. Erinnerungen an die Familie waren an Gegenstände geknüpft, er pflegte sie durch individuelle Riten. So kreisen auch viele der hier präsentierten Werke um Bewahrung oder Anregung des Gedächtnisses.

Eine Schau wie diese - eine Übernahme des Berliner Gropiusbaues, für München kuratiert von Anne Marr - ist in Corona-Zeiten eine Herausforderung, weil fast alle Projekte performativ oder partizipativ sind und das Publikum unmittelbar mit einbeziehen. Doch in modifizierter Form ist für die im Haus derzeit insgesamt 60 zulässigen Besucher dennoch vieles möglich.

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Bereits 60.000 Briefe gesammelt

Der Rundgang beginnt im Ateliertrakt mit den drei Gehäusen des "The Letter Writing Project": Darin liegen Papier und Stift dafür bereit, dass man einen Brief an jemanden schreibt, den man schon lange verfassen wollte - Porto und Postversand übernimmt das Museum. Es sei denn, man lässt den Brief ohne Absender und offen. Dann wird er jenen bereits 60 000 Briefen hinzugefügt, die der Künstler seit erstmaliger Durchführung gesammelt hat.

Am Tisch von "The Mending Project" nebenan kann man ein Kleidungsstück besticken lassen, an das besondere Erinnerungen geknüpft sind. Während NäherInnen diese Aufgabe erledigen, bietet sich Zeit für ein Gespräch. Die bearbeiteten Textilien verbleiben bis zum Ende der Ausstellung auf einem der Stapel auf dem Tisch, die mit der Zeit immer höher wachsen. Auch die Idee hierzu basiert auf einer persönlichen Erfahrung Lees: Während der Anschläge vom 11. September 2001 wartete der Künstler in New York bange auf die Rückkehr seines Lebensgefährten. Um nicht vor Sorge verrückt zu werden, lenkte er sich mit Nähen ab - bis sein Partner unversehrt zurückkam.

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Spirituelle Erfahrung in der Villa Stuck

Für die "Fabric of Memory" konnte man ebenfalls Kleidungsstücke einschicken, die nun in hölzernen Schatullen in Stucks einstigem Speisezimmer aufbewahrt werden - zusammen mit den Geschichten dazu. Und im "Living Project" ermöglicht der Künstler weitere Begegnungen: Ein Wohnzimmer, in dem jede Woche ein anderer Münchner seine skurrile, einzigartige und bemerkenswerte Sammlung präsentiert - den Anfang macht eine Kollektion selbstgebauter Musikinstrumente.

Doch bei Lee Mingwei stehen die Dinge nicht als Objekte im Mittelpunkt, sondern ihre geistige Essenz. Denn sie sind Mittel zum höheren Zweck, Medium für Erinnerung, Begegnung, Austausch. Wenn man sich darauf einlässt, wird der Besuch des Museums Villa Stuck zu einer beglückenden, fast spirituellen Erfahrung. "Li - Geschenke und Rituale" sorgt dafür, dass man sich hier willkommen, wahrgenommen und sogar geborgen fühlt.

Bis 12. September, Di -So 11 bis 18 Uhr; jeden ersten Freitag im Monat 18-22 Uhr Eintritt frei; Besuch derzeit nur mit auf www.villastuck.de gebuchtem Online-Ticket möglich

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