Ausstellung im Kunstfoyer: Amerikanische Tristesse

Fotografien von Matt Black im Kunstfoyer der Versicherungskammer-Kulturstiftung dokumentieren Armut quer durch die USA.
| Philipp Seidel
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Müll und Mensch: Oakland, California, 2015.
Matt Black / Magnum Photos Müll und Mensch: Oakland, California, 2015.

München - Der Name des Ortes ist ein höhnischer Widerspruch zum Inhalt des Bildes: "Sunflower County" ist das Foto mit den zwei Männern betitelt: Der Ältere sitzt vorn mit geschlossenen Augen in einem Sessel, hinten schüttelt der Jüngere ein Tuch aus, vielleicht die Abdeckung für das schäbige Sofa im Hintergrund. Die gewellte Tapete lässt vermuten, dass auch die Falten in den Sitzmöbeln nicht Style, sondern Abgenutztheit sind.

Matt Black: Gesamte Serie in strengem Schwarz-Weiß

"Sunflower County" in Mississippi ist eines der Dokumente von Armut in den USA, die der Magnum-Fotograf Matt Black in den Jahren 2013 bis 2019 aufgenommen und unter dem Titel "American Geography" zusammengefasst hat. Im Kunstfoyer der Versicherungskammer-Kulturstiftung ist nun die gesamte Serie zu sehen, die in strengem Schwarzweiß gehalten ist.

Matt Black, geboren 1970 in Kalifornien, reiste für sein Projekt in vier Etappen quer durch die USA an Orte, an denen die Armutsquote besonders hoch ist. Black wollte die Gemeinden auf Bildern festhalten, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorkamen. Da befindet er sich in der Tradition zum Beispiel von Jacob Riis, der im späten 19. Jahrhundert für seine Studie "Wie die andere Hälfte lebt" die New Yorker Armenviertel fotografierte.

Matt Black dokumentiert nüchtern und still

Black weidet sich nicht am Elend, das er vor seiner Kamera findet. Er dokumentiert nüchtern, still. Selbst aus Bildern, die nicht menschenleer sind, spricht Einsamkeit.

Einige Bilder sind streng komponiert und aufgeräumt wie bei Edward Hopper - in Schwarzweiß. Der Mann an der Straßenkreuzung in El Paso, Texas, der seinen Kopf an einen hölzernen Strommast lehnt. Was ist ihm widerfahren? Ist er verzweifelt? Oder nur erschöpft? Das Bild, sonst menschenleer, ist mit strengen Linien und Flächen komponiert. Es würde auch jede Wohnzimmerwand schmücken.

Amerikas vermutlich bestbesuchte Stromleitung

Schlicht und schmuck ist auch Amerikas vermutlich bestbesuchte Stromleitung: Die fünf Kabel einer Freileitung sind über und über mit Vögeln besetzt, die nur silhouettenhaft vor einem grauwolkigen Himmel zu erkennen sind.

Eine Aufnahme aus Modesto, Kalifornien, könnte einem Arthaus-Film entstammen: Ein Glatzkopf hockt da wie inszeniert vorne links auf einem Bonanzarad, hinten rechts steht ein Mann mit dunkler Mütze und schaut aus dem Bild raus. Was sieht er? Das fragt man sich auch bei dem formatfüllenden Paar, das mit Ferngläsern aus dem rechten Bildrand herausschaut.

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Es gibt kleine Stillleben wie den typisch amerikanischen Briefkasten, der schräg und einsam auf einem knorrigen Pfosten hängt.

Andere Bilder zeigen das Elend direkt: Vor einem Bahnübergang in Oakland/Kalifornien liegt ein Haufen Müll verstreut, der den unteren Bildteil ausfüllt. Dass da, weiter hinten im Bild, vor einer mit Stacheldraht bewehrten Mauer und einer hässlichen Hallenwand, nur schattenhaft zu erkennen, auch ein Mensch steht, sieht man erst auf den zweiten Blick.

Winterbilder sind von eigener Schönheit 

Immer wieder fängt Matt Black Szenen, Städte und Landschaften ein, bei denen man stets erwartet, dass plötzlich Bruce Springsteen mit einer abgenutzten Akustikgitarre auftaucht und mit kehliger Stimme die Hoffnungslosigkeit der Situation besingt.

Von eigener Schönheit in all der Armut sind die Winterbilder. Eines der berührendsten zeigt eine Matratze in Flint, Michigan, die nackt auf dem schwarzen Boden liegt und im Treiben der Schneeflocken hell aus dem dunklen Hintergrund herausleuchtet. Dient sie einem Obdachlosen als Schlafstelle? Oder wurde sie nur als Müll entsorgt?

Tagebucheinträge und ein Film ergänzen die Fotografien

Antworten gibt es nicht. Die fast durchweg quadratischen Großformate werden denkbar knapp nur mit dem Ort, dem Aufnahmejahr und ein, zwei Stichwörtern erläutert.

Die knapp 80 Fotografien werden ergänzt durch Tagebucheinträge und einen Film. Am Ende der Ausstellung sind Dinge dokumentiert, die Black auf seinen Reisen nebenbei gesammelt hat: unzählige Fotos von weggeworfenen Zigarettenschachteln, von Pappschildern von Bettlern und vom ärmlichen Essensbesteck der Straße.

Man verlässt die Ausstellung beklommen - und fragt sich: Wo sind diese Menschen, diese Orte eigentlich bei uns in Deutschland? Gibt es sie überhaupt? 


Kunstfoyer der Versicherungskammer-Kulturstiftung, Maximilianstraße 53, bis 12. September, täglich von 9.30 bis 18.45 Uhr, Eintritt frei, nur mit Buchung unter versicherungskammer-kulturstiftung.de

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