Ausstellung im "belleparais": Unverputzt lebendig

Die Uneindeutigkeit des Sichtbaren: "Vorstellung", eine Schau im Kunstraum "belleparais".
| Roberta De Righi
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Kinderbildnisse, Barockes aus Pommersfelden und Natureindrücke von Esther Rutenfranz.
Kinderbildnisse, Barockes aus Pommersfelden und Natureindrücke von Esther Rutenfranz. © Belleparais

München - Es würde kaum verwundern, wenn heuer an Silvester beim Bleigießen viele Corona-Viren herauskommen. Was man in den erstarrten Formen liest, entsteht vor allem im Kopf des Betrachters - und der ist gerade bei keinem virenfrei. Schon etwas älter sind die beiden seltsamen Gestalten, die die Münchner Malerin Esther Rutenfranz gegossen hat: ein langer Lulatsch, der einen kleinen Kerl grob am Schlawittel packt - oder beschützend begleitet?

Es ist wie beim Rorschach-Test: Man sieht, was in einem herumspukt. Die Ambivalenz der Bilder ist es, die Rutenfranz interessiert und die sie bewogen hat, ihre Bleifiguren überlebensgroß auf eine transparente Plane zu zeichnen - wie Schatten an der Wand. Unter dem Titel "Vorstellung" sind ihre Werke gemeinsam mit denen dreier weiterer Künstlerinnen im "belleparais" zu sehen.

"belleparais" in der Schellingstraße: Raum für Kunst

Julia Lachenmann betreibt den Raum für Kunst in der Schellingstraße, direkt neben dem Schellingsalon. "belleparais" ist ein französisches Fantasiewort, in dem das weltweit verständliche "schön" mit einer Form des Verbs "erscheinen" kombiniert ist. Nicht von ungefähr klingt das Pariser Viertel Marais mit an: Die Galerie ist mit einer unverputzten Wand, an der die Vergangenheit in Schichten sichtbar wird, dem alten Fischgrät-Parkett und der original verschnörkelten Ladenfront das Gegenteil eines neutralen White Cube.

Weil Lachenmann - Tochter des Komponisten Helmut und der Malerin Annette Lachenmann - nicht nur der Bildenden Kunst einen Raum geben will, finden bei ihr - jedenfalls vor und nach Corona - auch Konzerte und Lesungen statt. Erst einmal sind zwar alle Veranstaltungen auf unbestimmt verschoben. Aber die Ausstellung bleibt geöffnet.

Ausstellung ist auch während des Lockdowns geöffnet

Auf den ersten Blick verbindet Esther Rutenfranz' Gemälde und Zeichnungen nichts mit den Video- und Foto-Guckkästen von Doris M. Würgert. Doch was Lachenmann an beiden fasziniert, ist die Uneindeutigkeit des Sichtbaren, die in deren Werken zum Ausdruck kommt. Die Kinderbildnisse in Acryl, die Rutenfranz nach Fotografien schuf, wirken oft eher gruselig als niedlich.

Ihre Impression aus der Grotte des Barockschlosses Pommersfelden wird an der Palimpsest-artigen Wand zum Vexierspiel. Und in ihren fein gezeichneten Pflanzen-Details und Natur-Eindrücken ist das Sujet partiell in Auflösung begriffen. Der Gegenstand ist hier zeichnerisch so ephemer wie die fragilen Glas-Mobiles auf der materiellen Ebene, die Anna Büscher schuf.

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Auch Doris M. Würgert verwischt das Wahrnehmbare, sie löst die Grenze zwischen Fotografie und Malerei auf - und jene zwischen Sehen und Erkennen. In ihrem Fotodruck "NY_W1" meint man hinter einer matt verschleierten Fensterfront die Silhouette Manhattans zu erkennen. Doch eventuelle Anhaltspunkte für diesen Eindruck sind getilgt.

Auch woher das Licht in den spärlich möblierten, aber ziemlich schicken Innenraum fällt, bleibt unklar. Ebenfalls menschenleer ist das dämmrige Interieur "NB_H1", in dem merkwürdig viele Pantoffeln am Boden und eine aufgetürmte Bettdecke die unheimliche Abwesenheit des Lebendigen unterstreichen. In Würgerts Videos wiederum verbinden sich Motive und Klänge zu einem suggestiven Trip ins eigene Unbewusste. Am Ende sind die Bilder weg und alle Fragen offen.


Bis 15. Januar im belleparais, Schellingstraße 54, Mi-Fr, 15-18 Uhr, Sa 10-18 Uhr und, ab 20.12., nach Vereinbarung unter Telefon 0176 / 96 34 65 84

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