Ausgestellt auf dem bayerischen Dorf: die politischen Bilder eines Weltstars

Im tiefsten Niederbayern zeigt eine Galerie Aquarelle des berühmtesten amerikanischen Singer-Songwriters und Lyrikers in einer deutschlandweit einmaligen Ausstellung
von  Hannah Sochor
Der fotoscheue US-Singer-Songwriter Bob Dylan
Der fotoscheue US-Singer-Songwriter Bob Dylan © picture alliance/dpa/Sony Music

Kreativität hat viel mit Erfahrung, Beobachtung und Vorstellungskraft zu tun", schreibt Bob Dylan in seiner 2004 erschienenen Autobiografie "Chronicles", Band eins. Der Satz wirkt wie ein Schlüssel zur Ausstellung "Bob Dylan - The Drawn Blank Series", die Brigitte Zettl derzeit in ihrer Galerie in Oberlindhart (Gemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg) zeigt.

Dort - im niederbayerischen Hügelland zwischen Straubing und Landshut und nicht etwa in der Kunstmetropole München - sind über 30 original signierte Werke eines Künstlers zu sehen, der weit mehr ist als nur Musiker. Der Literaturnobelpreisträger Dylan, dieser Erzähler und genaue Beobachter der Welt mit all ihren Brüchen, Zwischenräumen und Stimmungen, erscheint uns hier als Zeichner.

Im Zentrum der amerikanisch-realistischen Arbeiten stehen Wahrnehmungen und Empfindungen, die sich nicht eindeutig festschreiben lassen, sagt Zettl. Dylan erzähle nicht, er deute nur an. Seine Bilder öffnen Räume, statt sie zu erklären. Dieses Prinzip ziehe sich durch sein gesamtes Werk.

Eine stille, poetische Sprache

Als Musiker, Poet und Maler übersetzt Bob Dylan Erlebtes und Beobachtetes auf unterschiedlichen künstlerischen Ebenen. Die Ursprünge der "Drawn Blank Series" reichen zurück in die Jahre 1989 bis 1992. Das verdeutlicht auch ein Film, der in der Ausstellung gezeigt wird.

Während langer Tourneen durch Amerika, Europa und Asien fertigte Dylan unzählige Bleistift- und Kohleskizzen an. "Viele davon sind Schnappschüsse aus dem echten amerikanischen Leben: Landschaften, Straßenzüge oder Stadtansichten", sagt Zettl. Immer wieder taucht der Blick aus dem fahrenden Zug auf - hinaus in die Welt und zugleich nach innen gerichtet. Viele Zeichnungen entstanden unterwegs, in Momenten des Wartens.

Zwei der „Train Tracks“-Bilder aus dem Jahr 2008 in der Ausstellung.
Zwei der „Train Tracks“-Bilder aus dem Jahr 2008 in der Ausstellung.

Einige Jahre später griff Dylan diese Skizzen wieder auf, überarbeitete sie und fügte Farbe, Tiefe und neue Details hinzu. Besonders eindrücklich sind seine Werke mit Bahngleismotiven. In der Ausstellung hängen sie prominent im Erdgeschoss an den weißen Wänden. Die "Train Tracks" zählen zu Dylans bekanntesten Bildmotiven. In einer expressionistischen Bildsprache zeigen sie keine romantische Eisenbahnwelt, sondern fragile und oft verlassene Szenerien. Die Gleise durchziehen die Bilder, mal klar geführt, mal eher verloren im Raum.

Dylans Malerei spricht eine stille, gelegentlich politische Sprache. Den "Train Tracks" gegenüber hängt mit "Statue of Liberty" (2008) eines der politisch deutlichsten Werke der Ausstellung. Dylan zeigt die Freiheitsstatue stark vereinfacht und arbeitet mit groben, sichtbaren Pinselstrichen. Die reduzierte, expressive Bildsprache zielt weniger auf technische Ausarbeitung als auf emotionale Wirkung und verweist auf die Verletzlichkeit von Freiheit, nicht zuletzt durch die Inschrift "Rape is not sex" ("Vergewaltigung ist kein Sex") auf dem Sockel der Statue.

"Dylans Kunst ist universell"

Wer erwartet, Dylans Bilder seien technisch ähnlich komplex wie seine Liedtexte, der irrt. Auffällig bei den Werken ist nicht nur die größtenteils durchgehende Darstellung von Fortbewegungsmitteln und landschaftlichen Szenerien, sondern auch Dylans Stil. Die Pinselführung ist rau und ausdrucksstark, teilweise fast roh.

EIn Blick in die Ausstellung in der Galerie Zettl.
EIn Blick in die Ausstellung in der Galerie Zettl. © Hannah Sochor

Dylans Bilder transportieren Botschaften eher durch minimalistischen Ausdruck. In einem Essay, den er für die Schau "The Beaten Path" in der Halcyon Gallery in London verfasst hat, schreibt Dylan: "Ich wollte die Dinge möglichst einfach halten und nur das behandeln, was man auf den ersten Blick sehen kann." Seine Kunst orientiert sich also weniger an außergewöhnlichen Szenen als an der Einfachheit alltäglicher Momente, die er während seiner Reisen festgehalten hat.

"Dylans Kunst ist universell", sagt der Straubinger Erhard Grundl, ehemaliger kulturpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag - und glühender Dylan-Fan. "Er selbst tritt dabei als Person in den Hintergrund. Es geht weniger um ihn als um den Betrachter und dessen Interpretation." Tatsächlich erforderten die Arbeiten kein Vorwissen, sondern Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Unschärfen einzulassen.

Die Kirche von Oberlindhart im niederbayerischen Hügelland zwischen Landshut und Straubing.
Die Kirche von Oberlindhart im niederbayerischen Hügelland zwischen Landshut und Straubing. © Wikimedia Commons

Die internationale Bedeutung der Drawn Blank Series ist unbestritten. Erstmals zu sehen waren sie 2007 - nicht etwa in New York oder Paris, sondern in den Kunstsammlungen Chemnitz. Es folgten Stationen etwa auf dem Château La Coste in der Provence - in Nachbarschaft zu Werken von Monet, Matisse und Chagall - sowie im MAXXI Museum in Rom im Rahmen einer großen Retrospektive.

Nun reihen sich Dylans Werke in der Galerie Zettl in eine Reihe mit Künstlern wie James Rizzi, Janosch, Volker Kühn oder James Francis Gill ein.  Sie stehend auch zum Verkauf: zu Preisen zwischen 5000 und 15.000 Euro.

bis 2. März in der Galerie Brigitte Zettl, Oberlindhart 54, Besichtigung nach Anmeldung unter Telefon 08772/747 oder unter Telefon 0171/9558613, galerie-zettl.de

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