Interview

Auktionator Boll im Interview: Mit Kunst in die obersten Etagen

Auktionator Dirk Boll von Christie's spricht im AZ-Interview über Kunst, Krisen und Banksy.
| Christa Sigg
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"Nach allen Krisen haben sich die Kunstmärkte sehr, sehr schnell wieder erholt, sei es 2001 mit dem Platzen der Internetblase, nach der Finanzkrise und nun nach Corona", sagt Dirk Boll.
"Nach allen Krisen haben sich die Kunstmärkte sehr, sehr schnell wieder erholt, sei es 2001 mit dem Platzen der Internetblase, nach der Finanzkrise und nun nach Corona", sagt Dirk Boll. © Mihail Kindermann Christie's Images 2021

AZ-Interview mit Dirk Boll (51): Der Jurist und Kunstmanager aus Kassel begann 1998 beim Auktionshaus Christie's. Seit 2017 ist er einer von vier Präsidenten und für Europa, das Vereinigte Königreich, den Nahen Osten und Afrika zuständig.

Für Umstrittenes wie den Salvator Mundi muss er keine Höchstgebote erzielen. Denn es sind zeitgenössische Originale, die Christie's-Präsident Dirk Boll am Donnerstagabend im Rahmen einer Benefiz-Gala der Freunde des Hauses der Kunst versteigert.

Und unter den Spitzenlosen locken Arbeiten von Phyllida Barlow, Theaster Gates, Anri Sala oder Hans Op de Beeck. Mit dem Erlös wird das Programm des Hauses unterstützt, das Boll seit Jahren mit Begeisterung verfolgt.

Boll: "Im echten Leben ist das Sammeln von Kunst für sehr viel mehr Menschen möglich"

AZ: Herr Boll, hätten Sie auch gerne den geschredderten Banksy ins Rennen geschickt?
DIRK BOLL: Märkte definieren sich ökonomisch, und da muss man sagen: aber natürlich!

Berichtet wird vor allem über sensationelle Auktionsergebnisse. Entsteht dadurch nicht ein schräges Bild?
Sicher, man gewinnt den Eindruck, Kunstsammeln ist ein Millionärsspielplatz. Dabei liegt der durchschnittliche Preis einer Kunstmarkttransaktion in der EU deutlich unter 10.000 Euro. Im echten Leben ist das Sammeln von Kunst für sehr viel mehr Menschen möglich, als das die Spitzenergebnisse bei Auktionen suggerieren. Die allermeisten Kunstsammler sind natürlich keine Millionäre. Genauso wird die hohe Qualität unseres Engagements übersehen. Das reicht von der Provenienzforschung bis zu den Innovationen.

Die Benefizauktion Freunde Haus der Kunst geht am Donnerstag (28. Oktober) ab 20 Uhr über die Bühne. (Archivbild)
Die Benefizauktion Freunde Haus der Kunst geht am Donnerstag (28. Oktober) ab 20 Uhr über die Bühne. (Archivbild) © Tobias Hase/dpa

Wo sind Sie denn innovativ?
Wir haben uns im vorigen Jahr der Klimaneutralität bis 2030 verpflichtet. Das beginnt bei der Frage, wie Kunstwerke transportiert werden oder wie unsere Mitarbeiter reisen und endet bei der Überlegung, was mit dem Regenwasser passiert, das auf die Dächer unserer Immobilien fällt. Wir hatten eine zweijährige Vorbereitung, um herauszufinden, ob wir diese Selbstverpflichtung abgeben können. Und nun wird im Frühjahr schon der zweite Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Wir sind das erste und immer noch das einzige Kunstauktionshaus, das sich zur Klimaneutralität verpflichtet hat. Aber das vermittelt keine Sensation und bringt deshalb wenig Widerhall in den Medien.

Auktionator Dirk Boll: "Bei jeder Krise gibt es Verlierer und Gewinner"

Man dachte ja, der Kunstmarkt kühlt sich durch die Pandemie ab, aber das war schon nach der Finanzkrise 2008 nicht der Fall.
Nach allen Krisen haben sich die Kunstmärkte sehr, sehr schnell wieder erholt, sei es 2001 mit dem Platzen der Internetblase, nach der Finanzkrise und nun nach Corona. Ein Grund dafür ist die Sehnsucht nach den "sensual assets", also nach den sichtbaren Wertspeichern, die man anfassen kann. Und bei jeder Krise gibt es Verlierer und Gewinner. Auf dem Kunstmarkt hat sie besonders die Unternehmen getroffen, die, gemessen am Umsatz, zu hohe Kosten hatten und über die Jahre keine besonderen Rücklagen bilden konnten. Kleine Galerien sind oft eigentümergeführt und haben eine niedrige Kostenbasis, die Umsatzeinbrüche besser verkraften lassen. Die großen Unternehmen - sowohl Galerien als auch Kunsthäuser - hatten es ohnehin viel leichter, weil sie ihre bereits vorhandenen Internetplattformen nur vergrößern und verbessern mussten.

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Die Zinsen sind minimal, legen die Menschen ihr Geld auch deshalb lieber in Kunst an?
Ich denke schon. Selbst intellektuelle Sammler, die sonst nicht über den Wert nachdenken, haben plötzlich mehr Geld für Kunst ausgegeben. Etwa, weil andere Bereiche keine Rendite bringen und man auch die Nachkommen absichern will. Also erlaubt man sich, mehr Geld fürs Hobby oder die Leidenschaft auszugeben.

Dirk Boll von Christie's: "Je jünger, desto diverser ist die Kunst"

Die Museen werden in ihren Programmen diverser - das Haus der Kunst ist in Deutschland sicher ein Vorreiter. Spüren Sie diese Veränderungen auch auf dem Auktionsmarkt?
Das spielt sogar eine große Rolle. Wir beobachten, dass Kunst, die auf den Markt kommt, immer jünger wird und stärker umkämpft zu sein scheint - und je jünger, desto diverser ist die Kunst.

Die Provenienz spielt auch in anderer Hinsicht eine entscheidende Rolle. Wie viele Mitarbeiter sind damit bei Christie's betraut?
Es ist eine zweistellige Zahl von Personen, und ich kann Ihnen sagen, dass Christie's das größte Team aller Marktspieler hat.

Sie betreiben ein schnelles Geschäft, bleibt da wirklich die Zeit, immer genau zu recherchieren?
Die muss bleiben! Es gibt den Zeitdruck, aber man hat irgendwann eine Entscheidung zu treffen: Fühlt man sich sicher, ein Objekt dem Markt anzutragen, oder muss man weiter recherchieren? Das kann genauso die Authentizität betreffen. Es kommt regelmäßig vor, dass wir Objekte zurückhalten müssen, weil wir weiteren Forschungsbedarf sehen.

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Sie haben über Strukturen und Rahmenbedingungen der Kunstmärkte promoviert, welche Veränderungen beobachten Sie?
Die ehemals sehr strengen Grenzen zwischen den unterschiedlichen Erscheinungsformen haben sich aufgelöst. Früher hatte die Programmgalerie nur junge Kunst bzw. Kunst lebender Künstler, der Kunsthandel hat historische Kunst und Werke verstorbener Künstler verkauft, ebenso wurden in den Auktionshäusern nur historische Objekte vermittelt. Das hat sich alles vermischt. Die meisten Programmgalerien betreiben auch Kunsthandel - das nennt sich dann Privatverkauf. So ergibt sich eine Mischkalkulation. Mit den Erlösen aus dem Kunsthandel kann die Programmarbeit unterstützt werden. Genauso ist es bei den Auktionshäusern. Ihr kurzes Stelldichein vor 20 Jahren auf dem Primärmarkt hat zwar nicht funktioniert. Aber der private Verkauf kann insofern interessant sein, als die Auktionshäuser auch über privilegierte Informationen verfügen. Durch die Auktionen wissen sie, wonach die überbotenen Käufer suchen.

Der Kunstmarkt ist knallhart. Es macht sicher mehr Vergnügen, in entspannter Benefiz-Runde im Haus der Kunst am Auktionspult zu stehen?
Das macht sowieso Freude. Selbst wenn der Markt lieblich und sanft wäre, würde ich gerne nach München kommen, um im Haus der Kunst die Auktion durchzuführen.

Dirk Boll: "Das Haus der Kunst ist eine der wichtigsten Plattformen der Republik"

Das Angebot ist erstaunlich gemischt.
Das ist unbedingt Absicht. Wir wollen möglichst viele Menschen animieren, Gebote abzugeben und Objekte zu erwerben. Deshalb muss das Angebot so breit wie möglich sein.

Sie sind Mitglied im Kuratorium des Hauses der Kunst. Wie stehen Sie zur auf Eis gelegten Generalsanierung?
Das ist natürlich bedauerlich, weil das Haus ein großartiges architekturhistorisches Erbe darstellt und die Arbeit in Teilen des Gebäudes ziemlich kompliziert geworden ist. Das Haus harrt wirklich seiner Sanierung, aber das ist eine politische Entscheidung. Trotzdem ist das Haus der Kunst eine der wichtigsten Plattformen der Republik und hat es verdient, in eine materielle, staatssichere Zukunft überführt zu werden.

Das Programm an der Prinzregentenstraße weitet sich und wird doch immer spezieller, viele Präsentationen sind auf ein paar Tage beschränkt. Dadurch kommen mehr Künstler zum Zug, wie der künstlerische Leiter Andrea Lissoni betont. Man holt damit aber kein breites Publikum ins Haus.
Das Programm hat ja durchaus auch die großen Ausstellungen, die lange laufen und ein sehr diverses Publikum ins Haus holen. Ich habe einige gesehen, die gute Besucherzahlen hatten und sowohl von der Kunstkritik, als auch von den Meinungsführern sehr wohlwollend aufgenommen wurden: von der Postwar-Schau von Lissonis Vorgänger Okwui Enwezor bis zu Werkschauen etwa über Phyllida Barlow. Damit hat man eine international oberste Etage der Aktualität und Qualität nach München gebracht. Das ist toll! Und ich bewundere Andrea, dass er sich traut, neben diesen großen Ausstellungen, nach denen die Räume ja rufen, auch kleine Kabinettangebote zu machen. Das Haus der Kunst ist nicht nur eine klassische Ausstellungshalle, sondern auch ein Treffpunkt, ein Ort des Austauschs und der Interaktion.

"Ich sammle Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die jünger sind als ich"

In Kassel wächst man zwischen Rembrandt, Herkules und Documenta auf. Kommt daher Ihre Liebe zur Kunst?
Das würde ich unbedingt so sagen. Als ich dort aufgewachsen bin, interessierte man sich entweder für Fußball, Autos oder Kunst. Den Fußball habe ich weggelassen. Besonders die alte Kunst und die große Sammlertradition sind in Kassel sehr sichtbar. Sie haben auf der Wilhelmshöhe die Altmeistersammlung mit internationalem Rang, sie haben eine Antikensammlung, ein wunderbares Landesmuseum, sozusagen das Erbe der Familie Brabant. Dazu kommt dann alle fünf Jahre dieser absolute Wahnsinn der weltweit größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Schon als Kind habe ich mit der Familie die Documenta besucht, später als Student dort gejobbt, Karten abgerissen. Vor allem erfuhr ich diese Magie, die von der Kunst ausgeht.

Erscheint Ihnen der getunte Salvator noch im Traum?
Nein. Ich muss gestehen, dass ich ein großer Anhänger der Marketingkampagne war, die das Publikum, aber nicht das Bild gezeigt hat. Das fand ich sehr ergreifend und auch interessant zu sehen, wie die Menschen auf dieses Werk reagiert haben. Das ist in meiner Erinnerung abgespeichert. Abgesehen natürlich von einem fantastischen Preis für ein sehr ungewöhnliches Objekt. Das sagt auch etwas über die Märkte zu dieser Zeit.

Wo werden Sie denn schwach?
Ich habe als Student in einem Auktionshaus als Experte für angewandte Kunst gearbeitet. Dafür hege ich nach wie vor eine Leidenschaft, besonders für Porzellan. Auf der anderen Seite bin ich durch die Documenta sozialisiert und an Kunst interessiert, die die Welt reflektiert, in der ich lebe und mit der ich mich auseinandersetzen muss. Deshalb sammle ich Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die jünger sind als ich. Mit ihrer Sprache stellen sie mir eine Linse zur Verfügung, mit der ich auf die Welt blicken kann. Das hilft immer und macht große Freude. Zu meinen Favoriten gehört unter anderen Tobias Zielony. Seit über 15 Jahren rüttelt er mich in meiner eigenen Blase eines manchmal saturierten Sekundärmarktes und seiner kanonisierten Formen immer wieder auf. Großartig!


Benefizauktion Freunde Haus der Kunst am Donnerstag, 28. Oktober, ab 20 Uhr, Lose und Online-Gebote auf www.christies-freunde-hausderkunst.com

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